Film

Wo die wilden Menschen jagen: Na da hinten

Wenn das Filmfestival Sundance beginnt, startet auch der Horror. Der Horror!

Das Independent-Kino sollte sterben. Als Aufruhr gegen Hollywood gestartet, suhlen sich diese vermeintlich andersartigen Filme im überschwänglichen, fast schon karikativen Lob diverser Kritiker und Zuschauer. Versager mutieren zu Helden und in der Mutation steckt die Aufforderung, doch bitte von jetzt auf gleich alles hinter sich zu lassen, weil, ja warum eigentlich?, natürlich weil da alles besser ist und die Gesellschaft, diese böse, kapitalistische Gesellschaft uns alle nur etwas aufzwingt. Mit immer gleichen Bildern und ach so frechem Humor ist vom einst so anti-gedachtem Kino nicht mehr viel übrig.

Die jährlich werfende Gebärmaschine: das Filmfestival Sundance leistet dazu einen erheblichen Anteil. Schlimme, noch schlimmere und ideologisch fast gefährliche Filme buhlen um das ganz große Lob – und bekommen es meist auch. The Birth of a Nation, Me and Earl and the Dying Girl, Beasts of the Southern Wild, Whiplash oder Fremd in der Welt, allesamt Gewinner vom großen Preis der Jury, übermitteln leichtsinnig zweckentfremdete Botschaften zweifelhafter Charaktere, finden dabei stilistisch hier und da ein freches Blinzeln, aber inhaltlich sind sie verstörend und widerlich.

Zum Glück ist das hier kein normaler Indiefilm. Oder doch? Oh Gott. Bitte nicht.

Wo die wilden Menschen jagen greift in diesen Topf mit vor Lust zittriger Hand, schüttelt und stopft ein paar mal, bis man glauben könnte: Das ist ja auch nur einer dieser Indiefilme. Die, die Humor als möglichst absurdes Transportmittel versteckter Emotionen begreifen; die, deren Regisseure ausladende Kamerafahrten in einem Filmseminar gelernt und verinnerlicht haben und nun in die Tat umsetzen möchten; die Filme also, die man schon an Postern und Trailern erkennt und die Leinwand sich dann schließlich fragt, wieso denn im Publikum so viel gewürgt und schließlich mit Gewalt gedroht wird.

Bei Wo die wilden Menschen jagen kann das gar nicht passieren, zuallererst, weil er hierzulande direkt auf DVD erschien. Und vor allem: Weil sich Regisseur Taika Waititi einen (kleinen Spaß) erlaubt. Er zeigt das Verschrobene in seinen Protagonisten, die Trauer verarbeiten, aber doch unbedingt zusammenfinden müssen, damit alles gut endet. Man kennt das; nicht aber den beißenden Humor, den Waititi vorzüglich auszuspielen weiß. Natürlich nutzt er dazu seine Charaktere, den übergewichtigen Teenager Ricky und den alten Hector, der ordentlich griesgrämt.

Formal nicht anders als die üblichen Indies, mit weitläufigem Blick auf den neuseeländischen Busch und den sich langsam entfaltenden Sorgen, eskaliert das Ganze zunehmend – im Witz sowie in der Geschichte, von der man denkt, man kenne sie. Ricky und Hector flüchten vor dem Jugendamt, vor dem Tod ohnehin, und sie raten einander, den eigenen Hund zu essen oder stellen den anderen als Perversen hin oder machen sichtlich verwirrt Selfies mit Fremden.

Puh! Ist ja doch kein normaler Indiefilm. Da haben wir ja nochmal Glück gehabt.

Waititi und sein Kameramann Lachlan Milne konzentrieren sich nicht auf den bloßen Witz, der ausgehend von zwei überragenden Hauptdarstellern bereits so funktioniert hätte, sondern arbeiten mit überraschenden Close-Ups, im wahrsten Sinne irrwitzigen Kamerafahrten und eine Verfolgungsjagd, die man sonst nur in einem Actionfilm aus den 90ern erwartet. Bewusst nutzen sie die Genreklischees, erweitern sie, geben sie der Lächerlichkeit preis, was meist funktioniert, manchmal aber eben nur ein Klischee bleibt.

Wo die wilden Menschen jagen bedient sich ordentlich bei anderen Filmen, nutzt sich jedoch nicht ab, denn in seiner gewollten Verschrobenheit mag er zwar nicht gänzlich den mittlerweile industriellen Indie-Mechanismen in Geschichte und Tonalität entkommen, spielt aber vorzüglich damit. Eine derart wüste Darstellung der Jugendämter hat man so vermutlich noch nie gesehen, was nur einer der wenigen Überhöhungen des Genres ist.

Vielleicht übernimmt Regisseur Waititi diesen Hang bei Thor 3, den er – logischerweise bei dieser Indiekarriere – inszenierte. Ein Superheldenfilm von Marvel, der die Superheldenfilme von Marvel vorführt: Ein tollkühner Wunsch, der nach all der Stagnation und bei diesem Regisseur nur logisch wäre. Aber leider auch sehr weltfremd.

Wo die wilden Menschen jagen (Originaltitel: Hunt for the Wilderpeople), Neuseeland 2016 // Regie und Drehbuch: Taika Waititi // Darsteller: Sam Neill, Julian Dennison, Rima Te Wiata, Rachel House, Rhys Darby // Kamera: Lachlan Milne // Musik: Lukasz Buda, Samuel Scott, Conrad Wedde // Laufzeit: 101 Minuten /FSK 12

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