Film

Win It All: Ich finde keinen Titel, der so lahmt wie dieser Film

Guckst du Win It All bei deinem Zahnarzt, also hoffentlich bist du bei einem Zahnarzt, der dich mit einem kleinen Monitor ablenkt, weil nur solche Praxen überhaupt eigentlich existieren sollten, also, guckst du dann diesen Film dort, huscht der Schmerz ganz schnell weg – denn du schläfst ein. Du wachst auch gar nicht mehr auf, weil dein Gehirn unterbewusst genau weiß, wie lang dieses filmische Gähnen noch dauert und dann kannst du nur hoffen, dass dein Arzt dir dein überlanges Nickerchen nicht in Rechnung stellt.

Jake Johnson spielt die Hauptrolle, das ist der Kerl aus New Girl, und er ist übrigens nicht mit Jack Johnson verwandt. Ich erwähne das, weil ich euch etwas mit auf dem Weg geben möchte, eine kleine Besonderheit, die später dann zur Anekdote wird beim Familienfest oder der Scheidung.

Win It All kommt glücklicherweise schnell zum Punkt: Glücksspieler Eddie soll für einen Freund eine Tasche voll Bargeld aufbewahren, weil der für einige Monate ins Gefängnis muss. Es passiert, was jeder nach vier Sekunden voraussieht: Eddie verschleudert das Geld schneller als ein Fussballspieler nach dem Dschungelcamp.

Joe Swanberg ist Regisseur von Win It All, aber das mag ich nicht so recht glauben, weil Regisseur Joe Swanberg auch Schauspieler, Autor und Produzent ist und er viel Gutes erschaffen hat, deswegen betone ich auch, dass Joe Swanberg der Regisseur von Win It All ist, weil das alles ziemlich unglaublich ist. Joe Swanberg ist Regisseur von Win It All und puh, ich muss ein bisschen heulen, woran ich auch selber Schuld bin, schließlich wiederhole ich den Grund dafür ja seit einem Absatz.

Sicherlich ist das Unprätentiöse von Win It All zugleich auch das Beste am Film. Ein bestechender Realismus gibt dem Zuschauer stets das Gefühl, das die zuvor etablierte lockere Atmosphäre drastisch kippen kann, was zuweilen auch passiert; da weiß man gar nicht mehr so genau, wie Jake Johnson plötzlich in dieses Schlamassel geraten ist, obwohl er gerade erst einen Schritt Richtung Normalität ging. Zwischen diesen wechselhaften Tonalitäten passiert: nichts. Wobei, ich korrigiere: Es passiert eine Menge, schließlich flimmert der Film stolze 90 Minuten, Win It All ist ja kein Ridley-Scott-Film, wo auch mal 120 Minuten nur Doofheit verfilmt wurde, aber das, was hier passiert, ist schlicht nicht der Rede wert.

Joe Swanberg ist ein Überflieger eigentlich: Er spielte in The Sacrament und You‘re Next mit, zwei unverschämt sympathische Horrorfilme; er inszenierte unter anderem Digging With Fire mit Brie Larson, Sam Rockwell und Anna Kendrick und ist Showrunner, Autor und Regisseur der mal mehr, mal weniger guten Netflix-Serie Easy, die mit Orlando Bloom, Malin Akerman, Dave Franco und Jake Johnson ebenfalls prominent besetzt ist. Also, ja, doch: Joe Swanberg ist ein Guter, der kann viel und überhaupt überrascht Win It All mit seiner Qualität.

Überragend spielt Jake Johnson den halbwegs gescheiterten, zappeligen Spieler, der schon bald die Liebe seines Lebens trifft. Hier fällt die Netflix-Eigenproduktion zusammen, denn die Szenen mit Eva (Aislinn Derbez) entstammen vermutlich einer Edeka-Werbung. Das mag man Realismus nennen, zumal ich keine feurige Leidenschaft erwarte, die mich zum Beispiel in Silver Linings wahrhaftig zittern ließ ob meiner Liebe für diesen Film, aber Win It All prescht klischeeverklebt in das Beziehungsgeflecht aus Bar-Kennenlernen und Nachtdurchmachen.

Lediglich das brüderliche Zusammenspiel zwischen Johnson und Joe Lo Truglio vermag der Geschichte zu Glanz verhelfen; schummriger, von Rost bedeckter Glanz zwar, aber immerhin. Wie sie sich verarschen, helfen und lieben, ist ein willkommener Stimmungswechsel im sonst eher kargen Film.

Win It All mag ein Crowdpleaser sein, ein Feel-Good-Movie, der mal nicht die ganz großen Musikchöre auspackt, damit der Zuschauer heulend auf der Couch sitzt. Das kann man ihm zugutehalten, in seiner Unaufgeregtheit und dem Fokus auf so etwas wie die Abbildung einer möglichen Realität passiert aber nichts von Belang, was auch nur ansatzweise geistreich inszeniert wurde.

Wenn der Abspann von Win It All läuft, weiß man wieder, warum dieser Film so gut zum Zahnarztbesuch passt oder auch zum verregneten Sonntagnachmittag, denn: Man wünscht sich, es wäre alles ganz anders gekommen.

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