Medienkritik

Wie die GameStar Hass und Hetze toleriert – und schürt

Frauenfeindliche Spinner haben einen Ort, an dem sie sich austoben können: GameStar.de. Überraschend ist das nicht.

Die GameStar fürchtet ihre Leser. Anders ist es nicht zu erklären, dass die Redaktion Hass und Hetze toleriert und – anscheinend – auch bewusst herzustellen versucht. Das Thema: Frauen in Battlefield 5. Das Problem: Die GameStar will jede Meinung hören, auch jene, die rechte Kampfbegriffe nutzen und nahe an einem Gesetzesbruch stehen.

Wie man in vier Schritten in Haltung und Journalismus versagen kann, zeigt die GameStar im Umgang mit der vermeintlichen Frauen-Problematik in Battlefield 5.

Schritt 1: Die Gelegenheit nutzen

Wenn eine der größten Spielemarken der Welt eine Frau in den Mittelpunkt eines Trailers rückt, ist die „Kontroverse“ nicht weit. GameStar kennt ihre Leser, kennt die Klicks, kennt die Vergangenheit. Der Plan steht also und er sieht so aus:

schlagzeile2

schlagzeile3schlagzeilen

Jede Aussage, jede Banalität ist eine News, ist ein Geldschein, ist ein Ort für Hass.

(Die Kommentar-Funktion bei der Reddit-News war deaktiviert, zu viel Moderationsaufwand.)

Schritt 2: Hass ermöglichen

Wenn ein Idiot Idiotie verbreitet, reagiert jemand darauf. Auf dem größten Videospiel-Portal Deutschlands ist die Zahl der Idioten und der Reagierenden ziemlich groß; somit auch das Geklicke zwischen Aktualisierung und Anfeindung. Begriffe wie „Social Justice Warrior“, „Agenda“ oder „politische Korrektheit“ werden vorwiegend in schlechter Rechtschreibung als vertretbare Meinung verkauft, und GameStar segnet diese auch gern von Nazis und Trollen verwendete Sprache ab – indem sie nichts davon löschen.

Hier eine Auswahl:

hass1

hass2hass3hass4hass5hass6hass7hass8hass9hass10hass11hass12hass13hass14hass15hass16hass17hass18hass19hass20hass21hass22hass23

hass25

hass24

Erst nach einem Hinweis auf Twitter hat die GameStar-Redaktion den letzten Kommentar gelöscht. Drei Wochen lang hat es dort niemanden interessiert, dass ein User in Hitler einen gar nicht so großen Verbrecher sieht. Das User-Profil ist übrigens weiterhin erreichbar. Eine Nachfrage an die Redaktion und den „Head of GameStar“ Sandro Odak, ob der Nutzer gelöscht/gebannt wurde, blieb unbeantwortet.

Einige der hier abgebildeten Kommentare haben nur einen Zweck: Hetze. Humorvoll überspitzt ist nichts davon, es ist zuweilen auch keine Meinung, die in einem Diskurs gehört oder gezeigt werden sollte. GameStar lässt es dennoch zu. Denn:

Schritt 3: Es gibt immer zwei Seiten, also: zwei Seiten des Geldes

Die Redaktion der GameStar will niemanden verschrecken. Auch jene, die in faktenloser Blödheit irgendwas von historischer Genauigkeit palavern, während sie in Die Sims Frauen einmauern und sterben lassen – obwohl man diese Geschöpfe mit Recherche, mit Fakten, bei so einer unergründlichen Stupidität auch mit Leidenschaft in den argumentativen Ruin drängen kann.

Nicht bei der GameStar.

Die GameStar sieht in dieser lauten, stupiden Minderheit eine Gruppe, die es verdient, gehört zu werden. Darum fragt man noch einmal genau nach:

umfrage

Nun bestätigt die GameStar durch diese Umfrage genau einen Umstand: Idioten sind ein nicht unwesentlicher Bestandteil der Community, zumal sie die Ergebnisse für repräsentativ halten:

umfrage2

Die Ergebnisse sehen so aus:

umfrage3

Fast 22 Prozent der über 10.000 Befragten mögen die Frauen in Battlefield 5 nicht. Aus welchen Gründen, erfährt der Leser nicht; auch ein Blick in die Kommentare hilft nicht, die hat man schließlich schon vorsorglich dicht gemacht.

umfrage4

Die GameStar-Redaktion weiß also, wie sehr sie von Dummheiten überschwemmt werden. Doch der Redakteur braucht sein Wochenende, damit ab Montag das Gamingmagazin für politische Kampfbegriffe weiter Millionen Klicks einfahren kann. Das bringt schließlich Geld.

Schritt 4: Verweigere jede Haltung

Diese ganze Diskussion wird nicht geführt, weil in einem vermeintlich historisch akkuraten Spiel eine nicht so historisch genaue Frau ballert; es geht um einen Krieg, in dem die Männer die Weltenretter sind, immer im Vordergrund am Sterben, Schießen, Schreien. Die Frauen räumen auf, wenn der Mann sein Bier auf die gefallenen Kameraden erhebt. Eine kämpfende, eine mutige, eine standhafte Frau an der Seite von Helden – das passt nicht in die schniedelgewordene Popkultur, die die Menners so sehr lieben.

Hat das jemand in der Redaktion so oder so ähnlich aufgeschrieben? Sich gegen die Idioten gewehrt? Einen Artikel gegen Frauenhass formuliert? Zumindest die damaligen Verhältnisse von kämpfenden Frauen recherchiert? Aufgeschrieben, warum kopfschussüberlebende Pixel nichts mit historischer Genauigkeit zu tun haben? Die obigen Kommentare mit Argumenten auseinander genommen?

Nein. Stattdessen fragt die GameStar in der Umfrage noch einmal nach, mit direktem Bezug zur besagten Thematik. So wie die Umfrage beworben wird, war es niemals das Ziel, in einer Umfrage über Battlefield 5 ein allgemeines Stimmungsbild aufzugreifen. Zumal auch das Ergebnis nicht in einen Kontext gesetzt wird; eben dass viele der Argumente gegen Frauen durch fadenscheinige Äußerungen einen Frauenhass verschleiern wollen. Oben gezeigte Kommentare offenbaren das deutlich.

Dass ein Großteil der Umfrage-Teilnehmer kein wirkliches Interesse hat, ob nun eine Frau spielbar ist, steht ebenfalls nicht im Vordergrund der Berichterstattung. Genau daraus einen Artikel zu basteln, der an die Frauenhasser adressiert ist mit dem Inhalt: „Ihr seid ein unbedeutendes Grüppchen und niemand will euch“, darauf kommt die GameStar-Redaktion nicht.

Denn die GameStar-Redaktion will genau solche Kommentare. Das zeigt beispielsweise auch der Top-Kommentar unter dem Artikel zur Rassismus-Debatte von Kingdom Come:

kingdomekome

Ein Blog-Eintrag wird gleichgestellt mit Nazi-Methoden. Mit Nazi-Methoden. Ein Blog-Eintrag. Ein Text, der eine wichtige Debatte entfachte. Und der soll so schlimm sein wie die Methoden der Nazis. Das ist wohl die freie Meinungsäußerung, die ständig zelebriert wird, und wenn dann halt der Holocaust relativiert wird, weil ein Text ein offensichtliches Problem anspricht – naja, ok.

Aber so läuft das eben bei der GameStar-Redaktion, die in dem Spiel Ancestors: Legacy ein tolles Produkt sieht (siehe Test), aber die menschenverachtenden Vorgänger nicht ein einziges mal erwähnt. Entwickler mit Verbindungen zu rechtsradikalen Gruppen? Entwickler, die Amoklauf-Simulatoren verkaufen? Nicht der Rede wert. Ein „Kingdom Come“-Entwickler trägt ein T-Shirt eines Mannes, der einen Menschen getötet hat, den Holocaust leugnet und sich das Dritte Reich herbeisehnt? Vielleicht wusste er das ja nicht. Das alles: Ein luftleerer Raum, in dem Ideologie als verstoßener Bruder von Spielspaß bitterlich weint.

Ein Magazin, das nach eigener Aussage sachlichen, fairen und differenzierten Journalismus betreibt, sollte sich mit ein bisschen mehr Vehemenz, eigentlich: mit aller verfügbaren, menschenmöglichen Kraft gegen derlei Nazi-Vergleiche stellen. Aber da haben die GameStar und ich wohl ein anderes Verständnis von Journalismus oder eher: von gesundem Menschenverstand.

Es geht übrigens auch besser: Das Schwester-Magazin GamePro hat recherchiert, wie Frauen am Zweiten Weltkrieg beteiligt waren. Und GIGA Games hat in einem humorvollen Beitrag gezeigt, wie irrsinnig die Argumente der nach Authentizität schreienden Spieler eigentlich sind. So sollte eine faire Berichterstattung aussehen.