Medienkritik

So viele Fragen: Spieletipps testet The Elder Scrolls Online

Ein Witz: Was haben Spieletests mit Werbetexten gemeinsam?

Alles.

Manchmal ist die Wahrheit so witzig wie traurig. Ab und zu aber überrascht sogar die Spielepresse – mit, nun: Zweifelhaftem. Mehr als ohnehin üblich, und üblich heißt hier Hölle, Hölle, Hölle.

Der Test zu The Elder Scrolls Online: Summerset von Spieletipps.de offenbart einen Anspruch an die eigene Arbeit, die einen schaudern lässt.

Die Einleitung folgt typischen Mustern: Ein kurzer Rückblick in die Entwicklung des Spiels, dann den Spannungsbogen spannen mit einem Satz/einer Frage zur möglichen Qualität.

„Es ist bereits ein Jahr her, seit ihr die bizarren Vulkanlandschaften von Morrowind erforschen konntet. Die neue Erweiterung von The Elder Scrolls Online entführt euch ins sagenumwobene Sommersend. Mehr vom Gleichen oder tut sich was in Tamriel?“

Noch ist das nicht ungewöhnlich. Das ändert sich auch beim ersten Absatz nicht:

„Betrachten wir es mal bei Licht: The Elder Scrolls Online – Morrowind fügte sich beinahe nahtlos in die vor vier Jahren etablierte Online-Welt des MMOs ein. Als neuer Bereich bot Morrowind eine ganz eigene Optik, standesgemäß auch eine neue Klasse und für meinen Geschmack ein paar zu viele Schleich-Abschnitte. Aber insgesamt war es eindeutig ein Teil von TESO, der vor allem an der Nostalgie der Serienveteranen rüttelte.“

Erneut blickt der Redakteur kurz zurück, erwähnt das Hauptspiel The Elder Scrolls Online und wird gleich zum eigentlichen Testobjekt kommen. Oder?

„Schließlich und endlich sind seit The Elder Scrolls 3, in dem die Insel Vvardenfell und Morrowind im Mittelpunkt standen, bereits 15 Jahre ins Land gezogen. Das Spiel und alles, was damit in Verbindung steht, rangiert auch heute noch in hoher Gunst bei den Fans. Ein Bonus, auf den die neue Erweiterung Summerset weitestgehend verzichten muss, kam das Inselreich bis jetzt doch erst einmal – und auch nur kurz – in The Elder Scrolls – Arena vor. Das war 1994.“

Im zweiten Absatz dreht sich noch immer alles um die Reihe The Elder Scrolls. Getestet wird hier aber weiterhin nichts. Vielleicht im dritten Absatz?

„Aber ist das automatisch schlecht? Summerset hat die Gelegenheit, endlich mal frische Ideen und neue Ansätze in die MMO-Welt von Bethesda einzubringen. Ob die Entwickler diese Chance wahrgenommen haben, erfahrt ihr in den folgenden Zeilen. Erhältlich ist The Elder Scrolls Online – Summrset bereits für PC, PlayStation 4 und Xbox One.“

(Rechtschreibfehler stammen von Spieletipps.de.)

Die Kehrtwende zu Summerset hat die Redaktion zwar nun geschafft, aber tatsächlich ist der dritte Absatz nur die Ankündigung für den eigentlichen Testbericht. 234 Wörter, bevor es richtig losgeht.

Jetzt also der Test, der mit der Spielwelt startet:

„Wenn ihr die ersten Schritte die Spielwelt wagt, sollte euch sofort auffallen, mit welcher Sorgfalt und mit wie viel Liebe zum Detail die Designer sich an die Umsetzung einer Welt gemacht haben, die von Elfen bevölkert wird. Sommersend (so der deutsche Name) ist ein Schauplatz, in dem jede Figur von einer Hoheit und Herrschaftlichkeit erfüllt ist, die sich in der Architektur, der Landschaft und natürlich in der Aufmachung seiner Bewohner wiederspiegelt.“

Wie genau diese „Hoheit“ und „Herrschaftlichkeit“ aussieht, verrät die Redaktion nicht. Mit den drei Punkten Architektur, Landschaft und Bewohner nennt sie zwar die vermeintlichen Höhepunkte dieser Spielwelt, formuliert damit aber nur eine erstaunliche Allgemeinheit ohne auch nur ein einziges Beispiel für das spezifische Aussehen. Verstanden: Die Gebäude sehen toll aus, hoheitlich vermutlich, aber mal ehrlich – was heißt das? Viele Worte, ohne wirklich etwas zu sagen.

Im nächsten Absatz schreibt die Redaktion über „silberne Rüstungen, schwarglänzende Stoffe von Umhängen und diverse von Flammen umkränzte Reittiere“ (Rechtschreibfehler von Spieletipps.de), die die Auswirkungen der Vorbesteller-Boni zeigen. Endlich kann ich mir ein Bild davon machen, wie Summerset aussieht!

Anscheinend wie jedes andere Rollenspiel, denn welches davon bietet keine silbernen Rüstungen oder glänzenden Stoffe? Aber ok, wenigstens ein bisschen Handfestes.

Schon im nächsten Absatz regieren wieder die Floskeln und Phrasen:

„Ebenso wie zuvor Morrowind verbreitet auch das Land Sommersend seinen ganz eigenen Charme, der jedoch ungleich einladender wirkt. Schier endlose Blumenwiesen, sanfte Küstenlinien, wogende Wälder … Bethesda erschafft ein Märchenland, in dem ihr keinen Schritt tut, ohne von Schönheit umgeben zu sein. Wenn ich mich selbst dabei ertappe, einfach nur langsam durch das Land zu schreiten, mir die Gegend anzusehen und mich über die Grafik zu freuen, müssen die Entwickler etwas ganz besonders gut gemacht haben. Ich bin mir sicher, das geht nicht nur mir so.“

Obwohl die Spielwelt offensichtlich brillant aussieht, bleibt es bei losen Beschreibungen. Man könnte auch „zarte Küstenlinien“, „schier richtig große Blumenwiesen“ und „sich gleichmäßig bewegende Wälder“ schreiben, und würde exakt das Gleiche, nämlich: nix sagen.

Nach drei kurzen Absätzen über die Handlung und eine neue Fraktion bewertet die Redaktion nun endlich die Spielmechanik. Zunächst geht es um die neue „Skill-Linie“:

„In Bezug auf greifbare und offensichtliche Neuerungen spielt Summerset eindeutig die zweite Geige hinter Morrowind. Denn dort gab es eine gänzlich neue Klasse, hier gibt es lediglich eine neue Skill-Linie. Das Edelsteinschleifer-Handwerk und eine Handvoll neuer Herausforderungen kann auch nicht so recht mit den „Battlegrounds“ in Morrowind mithalten.“

Warum das Edelsteinschleifer-Handwerk und die Herausforderungen nicht mit den Battlegrounds mithalten, erfährt der Leser nicht. Aber doch bestimmt gleich? Der nächste Satz lautet wie folgt:

„Mehr Infos zu den neuen Aufgaben findet ihr auf der offiziellen Spieleseite von The Elder Scrolls Online.“

Entschuldigung? Verlinkt die Spieletipps-Redaktion in einem unabhängigen, nicht als „Promotion“ gekennzeichneten Testbericht tatsächlich die offizielle Seite des Spiels? Dort, wo jedes Detail von der Marketingabteilung ins unendlich Geile gesteigert wird? So eine Absurdität, ja eigentlich Frechheit überrascht mich. Seit fünfzehn Jahren lese ich Testberichte, doch nicht in einem einzigen Artikel hat eine Redaktion auf eine offizielle Seite des Herstellers verwiesen.

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Es gibt tausend Varianten, die Verlinkung auf den Hersteller zu vermeiden. Keine davon kam bei der Spieletipps-Redaktion an.

Vor dem Fazit des Redakteurs folgt noch ein Absatz, und er ist kaum besser als die anderen:

„Dafür wiederum ist Summerset gefühlt eine wesentlich robustere und interessantere Erfahrung inHinblick auf die zahlreichen neuen Quests, die Erzählung des Haupthandlungsbogens und die Gestaltung der Dungeons. Abgerundet durch die wirklich einnehmende Optik der Spielwelt liegt der Unterhaltungswert von Summerset aus meiner Sicht dann alles in allem doch ein klein wenig über dem von Morrowind.“

Warum ist die Erfahrung in Hinblick auf die neuen Quests robuster und interessanter? Warum ist die Erfahrung in Hinblick auf die Erzählung des Haupthandlungsbogen robuster und interessanter? Und warum ist die Erfahrung in Hinblick auf die Gestaltung der Dungeons robuster und interessanter? Und warum genau ist die Optik der Spielwelt so einnehmend? Wegen der wogenden Küstenlinien, hoppla, ich meine: der sanften Küstenlinien?

Im Fazit steht erneut viel Blabla. Summerset entschädige mit einer „unglaublich schönen Grafik, die vor allem die Herrschaftlichkeit der Hochelfen und die traumhaft schöne Natur ihrer Heimat zelebriert“, während die fehlende spielbare Klasse ein bisschen enttäuschend sei. Aber Summerset sei schon ein Schritt in die richtige Richtung, heißt es.

Die Wertung: 82 Prozent. Und:

„Erneut eine schöne Erweiterung für TESO. Inhaltlich nicht ganz so prall wie der Vorgänger, jedoch mit packender Story und gelungener Grafik.“

Da die Spielwelt und die dazugehörende Grafik im Test immer wieder gelobt wird, kann ja zumindest die Bebilderung dazu beitragen, diese Schönheit zu zeigen – das geht ja sogar besser mit Bildern als mit Worten.

Problem: Alle drei Bilder aus dem Text stammen vom Hersteller Bethesda. Sie sind also maximal geschönt. Das weiß aber der Leser nicht, denn eine Quellenangabe für Bilder hält die Spieletipps-Redaktion für überflüssig. Mitten im Text prangt folgendes Bild und es entsteht der Eindruck, es stamme direkt von der Redaktion aus dem Spiel:

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Tatsächlich ist das Bild aber auch im Onlineshop von Media Markt und Saturn zu sehen (mehr dazu hier). Dass Trailer und Bilder für Werbezwecke optimiert werden, ist hinlänglich bekannt. Das interessiert Spieletipps jedoch nicht.

Inhaltsloses Gerede kann übrigens nicht nur im Text stattfinden, sondern auch bei der Bebilderung:

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Der Bildunterschrift „Gestaltungskonzepte wie dieses hier wurden grafisch beeindruckend umgesetzt“ folgt kein Bild, das die Umsetzung im Spiel zeigt. Das muss man sich einmal bewusst machen: Da „testet“ Spieletipps dieses Spiel, lobt die Grafik immerzu, aber wie sie im Spiel aussieht, abseits von nichtssagenden Begriffen wie „hoheitlich“ oder „schön“ oder „gelungen“ oder „robust“, zeigt die Redaktion lediglich mit Bildern des Herstellers, die – wie bei dem Artwork – gar nicht die fertige Grafik zeigen.

Dieser vermeintliche Testbericht ist dreist. Er verwendet geschöntes Bildmaterial ohne Quellenangabe, verlinkt auf die offizielle Seite des Herstellers und nennt keine handfesten Details zur Spielwelt.

Soll das die Arbeit einer Seite sein, die man 2015 bei der Übernahme durch GIGA noch als „unabhängige redaktionelle Marke“ beschrieb?

Ich hoffe nicht. Denn dieser Artikel scheint alles zu sein, nur eines nicht: unabhängig.