Spielepresse

Wie Gamona über die Presse schimpft – aber die eigene Ekel-Vergangenheit vergisst

Mehrere Medien haben über den Suizid eines 15-Jährigen berichtet. Doch nur wenige haben dazu recherchiert, wie Gamona.de anprangert. Ausgerechnet Gamona?

Es ist vollbracht: Gamona.de staucht die Presse zusammen. Alles, was die Spieleseite in dem Beitrag „So erschafft sich die Presse einen Schuldigen für den Suizid eines 15-Jährigen“ formuliert, ist richtig. Von der Anklage der auch deutschsprachigen Presse bis zum ernüchternden, weil wahren Fazit: Nicht Glaubwürdigkeit, nicht Recherche, sondern Geld ist das höchste Gut manch einer Redaktion.

Ganz ohne Schmäh und Schmu: Da hat das Spielemagazin Gamona völlig recht.

Aber, und dieses Aber fuchsteufelswildert mit jeder Sekunde mehr: Gamona blendet in diesem einen Moment der Wahrhaftigkeit aus, dass sie vielleicht das widerwärtigste Magazin im deutschsprachigen Spielejournalismus sind.

In einem Appell an leidenschaftlichen Journalismus mag sogar dann etwas Wahres zu finden sein, wenn die BILD ihn auskotzt in einem Moment des Nichtsoscheißeseins. Diese Phase hat wohl nun Gamona erreicht.

In dem Beitrag „So erschafft sich die Presse einen Schuldigen für den Suizid eines 15-Jährigen“ schreibt die Redaktion direkt in der Einleitung, dass nichts mehr Klicks bringe als Begriffe wie „Suizid“, „Mord“, „Unfall“ oder „Totschlag“ in der Überschrift.

Nun: Damit kennt sich Gamona bestens aus.

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Ein Rat, der Leben retten kann, kümmert Gamona dabei nicht: Obwohl die Stiftung „Deutsche Depressionshilfe“ mit Verweis auf mögliche Nachahmer dazu rät, auf den Begriff „Suizid“ in Überschriften zu verzichten, insbesondere beim Tod von Personen des öffentlichen Lebens, prangt der Begriff prominent in Headlines. Für die Nennung von Hilfsmöglichkeiten (zum Beispiel die Telefonseelsorge) am Ende dieser Meldung, die gleich mehrere Stiftungen empfehlen, ist im Leidensporno von Gamona ebenfalls kein Platz.

Dass ein eigentlich ehrenwerter, mit Mut zur Leidenschaft geschriebener Hassartikel auf die Presselandschaft so viel Ekel in mir hervorruft, hat einen Grund: Sex, denn sollte Gamona.de so stillos rammeln wie sie über Geschlechtsverkehr schreiben, gibt es statt Babypause nur Masturbationsurlaub.

Anders kann man diese Berichterstattung nicht umschreiben, es ist zu spät für Höflichkeiten, für einen Klaps auf die Hand, ein zweisekündiges Kopfschütteln, einen kurzen Seufzer in der Mittagspause; der Ekel muss in Worte gefasst werden, und ich möchte ihn nicht umschreiben, ihn nicht schönreden, denn wer Frauen zum Objekt macht, immer und immer wieder, über Jahre hinweg, hat Schelte verdient.

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Unter den Bildern sind unter anderem folgende Kommentare zu finden:

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Es ist erst der Anfang:

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Schlimm, erneut: Die Kommentar-Sektion.

Noch mehr:

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Dazu eine kleine Auswahl an Kommentaren, die seit Jahren nicht gelöscht werden:

Und noch ein paar Bilderstrecken:

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cosplay

filmfehler

jamesbon

screanqueens

springbakers

starwarscosplay

kolumne

bestersex

hentai

kostenlosspiele

dukenukem

polygonen

Unbenannt

serienstars

Erschöpft? Wütend? Angewidert? Um das volle Ausmaß lediglich anzuschneiden, braucht es noch weitere Beispiele. Gamona findet nämlich erst zur Höchstform bei einem ganz besonderen Thema: Messe-Babes.

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Wie die Gamona-Redaktion richtig feststellt: Bestimmte Wörter in der Überschrift liebkosen die Klick-Statistik. Begriffe wie „Sex“, „Brüste“ oder „Porno“ zum Beispiel. Einige der folgenden Headlines sind zudem grob irreführend:

Jahrelang schwafelt Gamona über Sex, Geschlechtsverkehr, Geficke, und neben einigen seltenen humorvollen Beiträgen über Videospiele waren es lediglich die Filmkritiken eines einzelnen Autors, die für so etwas wie Journalismus, Stil, Leidenschaft sorgten.

Wer Frauen so konsequent und mit einer diebischen Freude herabwürdigt, sollte sich schämen und nie wieder über irgendwas von Belang schreiben.

Die Redaktion von heute ist gewiss nicht mehr die von früher. Wer nicht vom Ekel gepackt wurde aus damaligen Zeiten, der kann heute tatsächlich hin und wieder geistreiche Texte lesen. Bis dann doch erneut in Quer-Verlinkungen die x-te Titten-Bilderstrecke aufploppt, mit dem Hinweis, sollte man es noch nicht gewusst haben: Wir verhalten uns zwar jetzt nicht mehr widerlich, aber unsere Vorgänger, naja, damit verdienen wir halt immer noch ein bisschen Geld, also lassen wir es so stehen.

Im Beitrag „So erschafft sich die Presse einen Schuldigen für den Suizid eines 15-Jährigen“ erwähnt die Redaktion die „Klick-und-Geld-Maschinerie“ der Presse, und so gern ich diesen Artikel teilen würde, ihn loben würde für das Aufzeigen von Fehlern, weiß ich jetzt mehr denn je: In einem anderen Magazin, in einer anderen Welt ohne den Namen „Gamona“ hätte ich nie an der Glaubwürdigkeit gezweifelt. Doch jetzt bleibt nur Übelkeit.

Und so versuche ich mich an ein Wort zu erinnern, eines, dass deutlich in meinem Kopf, vor meinem inneren Auge mit Ausrufezeichen und Mittelfinger von links nach rechts schwebt, seit Stunden schon.

Ach Moment, jetzt weiß ich es wieder: Heuchelei.

Nachtrag, Juni 2019:

Mittlerweile ist Gamona.de offline. Das ist ein Grund zur Freude.

 

(Quelle der Bilder: Gamona.de)
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