Film

Philip Seymour Hoffman: Zwischen Qual und Perfektion

Gestern wäre Philip Seymour Hoffman 51 Jahre alt geworden. In Gedenken an den größten Schauspieler unserer Zeit folgt hier mein Nachruf aus dem Jahr 2016:

Sein Schaffen wird Generationen überdauern. Auch mit seinem Tod veränderte er die Filmwelt: Sie ist düsterer geworden, kälter, ärmer, leerer. Am 2. Februar 2014 starb Philip Seymour Hoffman. Ein Tag, den ich niemals vergessen werde. So ist Hoffman doch der Schauspieler, der alle anderen wie Laien wirken lässt, wie Fremdkörper in einem Kosmos, den nur er kennt, jemals kennen wird, ihn gar erschuf. In seinen Rollen überschritt er die Grenze von Schauspiel zur Realität; seine Sensibilität, seine Empathie übertrug sich auf die Zuschauer, Fiktion wurde Wahrheit, Film wurde Erlebnis, Schauspiel wurde Persönlichkeit.

Es fühlt sich so an, als wäre es gestern gewesen. Als ich beiläufig die Nachrichten sah. Als ich erste Meldungen über seinen Tod las. Als ich begriff, dass es kein Fake war, wie es manchmal passierte. Als ich begriff, dass er tot ist.

Philip Seymour Hoffman ist tot.

Betäubt. Leer. Ich suchte nach Worten – fand aber nur Tränen. Ich weinte. Weil ein mir fremder Mann starb? Weil ein mir fremder Mann starb. Weil ein mir fremder Mann und ein Vorbild starb. Wenn ich an diesen Tag denke, fühle ich mich betäubt, leer, suche nach Worten, finde nur Tränen.

Wer sein Schauspiel nie sah, versteht meine Reaktion nicht. Sein Feingefühl kann man nicht fassen, seine Präsenz erobert die Leinwand und seine Eroberung der Leinwand ist auch dann zu spüren, wenn er nicht zu sehen ist; in Paul Thomas Andersons Meisterwerk Magnolia reiht er sich ein in eine Vielzahl von Akteuren, bildet jedoch immer den Mittelpunkt jener sensationellen Epik. Als Krankenpfleger Phil Pharma zeugt Hoffmans Leistung von einer Zerbrechlichkeit, die dich in Besitz nimmt und jede Gefühlsregung so spüren lässt, als wärst du, nur du allein in einer Situation tiefer Trauer und Empathie.

Magnolia ist ohnehin ein Film von geradezu unaussprechlicher Qualität, unendlich in seinen Details, schräg in seinen Figuren, schenkend in seinen Emotionen – aber Hoffman ist in diesen 188 Minuten immer da, obwohl er nur einen Bruchteil davon wirklich da ist. Ein Scene Stealer, wie man im Englischen so schön sagt, dabei ist das großer Quatsch. Philip Seymour Hoffman stiehlt keine Szenen. Er raubt ganze Filme.

Ein Herz für die Kaputten

Eigentlich wollte ich keine Beispiele für sein Können nennen. Eine einzelne Leistung hervorzuheben in dieser Karriere, es scheint respektlos im Angesicht einer so überwältigenden Zahl an Rollen, oder anders: an errichteten Denkmälern. Diesen Mann kann man nicht reduzieren auf einzelne Leistungen oder Auftritte oder eventuelle filmische Missetaten.

Seit vielen Jahren spiele ich nun schon Theater, eine Passion, die mich manchmal in den Wahnsinn trieb. Seine Persönlichkeit mit einer anderen zu tauschen, nur für den Moment einer 120-minütigen Theateraufführung, fordert die Überzeugung vom eigenen Sein heraus.

Erreichst du diesen Zustand und bist jemand anderes auf der Bühne, weißt du, dass jene ausgedachte Rolle von nun an Teil von dir ist, wenn auch nur in Nuancen. Philip Seymour Hoffman, er war jener Schauspieler, der diese Fusion erlebbar machte: Jedwede Rolle war ein Zustand völligen Seins in einem sonst fiktiven Film. Wo alles andere einem Drehbuch entstammt, war er stets die Quelle wahren Lebens – so weit weg von Schauspiel, wie man nur sein kann. Hoffman beschrieb es so:

Etwas zu wollen jedoch ist einfach, aber wirklich versuchen, großartig zu sein, nun, das ist eine absolute Quälerei.

Eine gewisse Getriebenheit durchzieht seine Karriere: Er verkörperte die Kaputten, die Abhängigen, die Bösen, die Schludrigen, die Gejagten, die Manipulatoren. In The Master und Glaubensfrage stellte er den Zuschauer vor eine unlösbare Aufgabe: Kann ich ihm trauen? Natürlich. Man traute ihm. Seinem Charme, selbst als Anführer einer Sekte, konnte man nie entkommen. Er log und betrog. Wir folgten.

Eine der eindringlichste Szenen, die ich je gesehen habe und die seine Vielschichtigkeit besser nicht zeigen könnte, überwältigte am Schluss von The Master: Joaquin Phoenix kehrt zu seinem Mentor, zu seinem Quasi-Vater zurück und Hoffman singt für ihn „Slow Boat to China“. Er ist nur wenige Sekunden zu sehen, aber das reicht, um in Kombination mit der Reaktion von Phoenix besoffen vor Rausch etwas noch nie Dagewesenes gesehen zu haben: Perfektion. Niemand wird dies je wieder erreichen: Sekunden im Gesicht eines Mannes und du verstehst alles.

Er verhalf großen Filmen zu wahrer Größe

Seine Vorliebe für kaputte Rollen lebte er auch dann noch aus, wenn er sich – selten – einem Blockbuster verschrieb. In der Tribute-von-Panem-Reihe verführte er die Zuschauer erneut: Als Spielleiter sollte er die Tribute in den Tod führen, allen voran Jennifer Lawrence als Anführerin eines möglichen Aufstandes. Er wirkte selbst dann noch kühl, als er mit ihr tanzte im Angesicht von Dekadenz und Zynismus. Später tauschte er seinen Platz, ertrug kaum die Bomben, die über ihn einschlugen, obwohl er zuvor noch brüllte ob des Mangels an schauspielerischen Leistungen. Ein Beispiel, das so irrwitzig für seine Einfühlsamkeit steht, für seine tragische Ambivalenz. Selbst als dicklicher, kleiner Bösewicht in Mission Impossible 3 lehrte er jenen das Fürchten, die körperliche Präsenz als einziges Mittel der Furcht kannten.

Mit seiner Darbietung von Capote gewann er einen Oscar und brach mit dem Image als „ewiger Nebendarsteller“. Damit ist er jedoch berühmt geworden, damit verhalf er ohnehin schon großen Filmen zu wahrem Glanz, zu einem Platz in der Filmgeschichte; er ist ein Schauspieler, zu finden immer dann, wenn die Hauptrollen in Nebensächlichkeiten zu versinken drohen. Hoffmans kleiner, großer Auftritt bringt den Film voran, schiebt ihn wieder in die richtige Richtung. In Moneyball, Der talentierte Mr. Ripley, The Ides of March, Punch-Drunk Love oder The Big Lebowski sorgt seine Anwesenheit, so gering an Minuten, für den Zusammenhalt der Geschichte, vielmehr noch der Figuren; sein Wirken entscheidet darüber, wohin die Sympathien gehen, er ist das Zentrum aller ausgelösten Emotionen, die er seinen komplexeren Rollen oftmals sogar vereint. Hollywood-Brillanten wie Tom Cruise, Brad Pitt oder George Clooney glänzen zwar heller als Hoffmans Unrasiertheit, aber in ihren Filmen tapsten sie irrgläubig umher, geblendet von seiner Strahlkraft, die bis zu seinem Tode in jeder neuen Rolle verblüffte.

Sein letzter Film war eine lakonische Verneigung vor den Coen-Brüdern, inszeniert von Mad-Men-Agenturchef John Slattery. Gods Pocket ist tatsächlich einer dieser Filme, die nicht heranreichen an die Größe von bisherigen Meisterwerken seiner Filmografie. Direkt auf DVD erschienen und in Deutschland quasi unbekannt, fällt Gods Pocket zwar – wie so viele Perlen – tief hinab auf den Grund, steht dort aber mit stolzer Brust, denn: Philip Seymour Hoffman agiert so kraftvoll und zerbrechlich, wie man es aus seinen besten Filmen kennt. Er unterscheidet nicht zwischen Multi-Millionen-Produktion, Kleinstauftritt im Indie-Film oder seinem Engagement im Theater. Er lebte seinen Beruf, was ihn vielleicht – in Anbetracht der Umstände seines Todes – in eine Obsession trieb, die ihn zum größten Schauspieler unserer Zeit machte – ihn aber auch schließlich von uns nahm.

Eine neue Zeit bricht an

Denke ich heute an ihn, so weiß ich: Es wird niemals so sein wie früher. Früher, das war die Zeit, in der man hörte, für welchen Film man ihn verpflichtete. Früher, das war die Zeit, in der man seine Filme sah und wusste, dass es nicht der letzte sein würde. Früherfrüherfrüher! Es ist noch nicht lange her, dieses früher. Und genau so fühlt es sich an. Vermutlich, ja, ich bin mir da ziemlich sicher, egal, wie viele Jahre verstreichen, es wird sich nie anfühlen, als wäre viel Zeit vergangen. Es wird immer schmerzen. Spätestens am 2. Februar bin ich wieder leer, betäubt. Denn in seinen Rollen entdeckte ich eine Verletzlichkeit, die mich vermutlich mehr vom privaten Hoffman sehen ließ als ich es wollte. Vor allem erblickte ich als Laiendarsteller ein Vorbild, so unerreichbar und gar zerstörerisch, dass ich mich davor ängstige, es ihm gleich zu machen – aber wenn ich es nicht wenigstens versuche, bin ich genau das, was jeder andere auch ist: nur ein Schauspieler.

Brillanz. Anmut. Worthülsen. Fuck that. Manchmal, da gibt es Dinge, deren bloße Existenz sich nicht in Worte pressen lassen. Sie sind einfach da und man sieht sie und erlebt sie und fühlt sie mit jeder Faser in jeder Sekunde mit einer solchen Intensität, solch einer Wucht, dass man im Rausch der Dinge sein Dasein feiert und zelebriert. Philip Seymour Hoffman war auch einfach da, aber er war nicht eines dieser Dinge – er schwebte darüber. Er bereicherte Leben, so unzählig in der Masse, dass ich froh bin, Teil davon zu sein.

Dass mir ein eigentlich fremder Mensch Tränen entlockt, zeugt von einem Können jenseits des Fassbaren.

Philip Seymour Hoffman wurde nur 46 Jahre alt. Er hinterlässt eine Welt, in der Filme niemals mehr besser werden können. Denn ohne ihn ist alles andere nur Schauspiel.

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