Film

Annihilation: Wundervoller Schmerz

Ex Machina war sein gefeiertes Regiedebüt, sein zweiter Film landet bei Netflix: Alex Garland bleibt ein unheimlich spannender Filmemacher. Weil er die richtigen Bilder findet für unaussprechliche Wucherungen.

Jeder Tod bedeutet Leben. Niemand wird ausgelöscht. Obwohl sie sterben. Viele von ihnen. Im Schimmer, ein Tumor der Natur, nur nicht unserer Natur. Fünf Frauen aus Militär und Wissenschaft sollen herausfinden, wie es den Soldaten ergangen ist, die nie herauskamen. Aus den Gärten, in denen Menschen wuchern, ja wortwörtlich aus dem Boden sprießen. Doch das sind nicht die Soldaten. Sie hängen woanders. Liegen woanders. Sterben woanders.

Ein Körper ändert sich zusammen mit dem Leben. Er mutiert im Kleinen, auch ohne Krankheit; er passt sich dem Wetter an, den angeborenen Fehlern, der Psyche, er wandelt und bewegt sich, während nur ein Bruchteil davon wirklich zu erfassen ist. In Grundzügen verstehen wir ihn, seine Art zu funktionieren und somit unser Leben zu garantieren, in all den Prozessen, die pro Sekunde in uns beben und klopfen und tragen und ausmerzen, doch dies im Gesamten zu erfassen, ist kaum möglich.

Nicht in Annihilation. Der Körper ist hier kein Teil eines irgendwie definierten Zustandes, sondern lebt aus einer neuen Natur heraus. Hier brechen Menschen auseinander und fügen sich ein in das Neue, scheinen selbst im Tode manches Mal lebhafter und vielleicht auch: zufriedener zu sein als im Leben. Jede der Frauen huckepackt ein Sack Probleme, sie sind somit ideal für die Öffnung ihrer Körper im mysteriösen Schimmer; sie akzeptieren – zunächst widerwillig, wenn es schmerzt – ihre Veränderung für ein neues Sein, das jeder Beschreibung spottet.

Das zeigt Annihilation zuweilen meisterhaft. Eins geworden mit der Wand im Schwimmbad, eins geworden mit dem Boden, eins geworden mit sich selbst. Keinen uns bekannten Regeln folgen die menschlichen Prozesse im Schimmer; sie unterwerfen sich einer außerirdischen Kraft, die sich für uns nur im Sinne einer allumfassenden Veränderung interessiert.

Unsere Natur hingegen ist die Veränderung im Sinne einer größeren Ordnung: Erweitern wir unseren Horizont, soll dieser Horizont gleichzeitig uns und nur uns gehören. Wir beanspruchen ihn. Die Außerirdischen in Annihilation scheinen ihren neuen Horizont mit dem Schimmer, also einer Art Kuppel, ebenfalls von der anderen Natur abgrenzen zu wollen, doch dies dient lediglich zum Verständnis der vielen neuen Leben. Die Menschen betreten den Schimmer mit dem Wissen davon, ohne wirklich zu wissen, was das heißt.

Als ob der Schimmer eine Ölpfütze als Wandbelag borgt, wabert er ohne Konsistenz mitten im Sumpf. Er lässt sich nicht fassen oder spüren, doch ist er da, und manchmal scheint er zu brummen wie ein Kühlschrank auf Stufe 6. Er ist nicht der einzige Schimmer, der dahinter etwas Neues birgt. Oft glitzern die Fenster der verlorenen Städte im Inneren der außerirdischen Welt. Durch ständige Risse und wildem Dreck verändern sie das dahinter Verborgene allein durch den Blick hindurch. Die Veränderung des Seins, so zeigt es Annihilation, beginnt schon viel früher: im Sehen.

So wuchert das vermeintlich Außerirdische auch außerhalb des Schimmers schon seit langer Zeit. Gläser, Fenster, Plastikplanen geben den Blick frei auf die Wucherungen, die Metastasen der neuen Natur. Sie haben sich längst in der Welt von Annihilation eingerichtet. Sie sind unter uns. Und das ist okay so.

In einem Atemzug mit Under The Skin und Arrival nenne ich Annihilation nicht, aber alle drei erzählen außergewöhnlich von außerirdischen Wesen, die vermeintlich bekannte Konzepte wie Natur, Liebe und Zeit für sich entdecken – und dann verändern. Sie zeigen, dass ein Blick aus dem Fenster eben auch ein Blick in eine Realität ist, die stetig wuchert und wächst und wildert – eben noch so unbekannt ist.

Welch wundervolle Erkenntnis.

Annihilation, USA/GB // Regie und Drehbuch: Alex Garland // Darsteller: Natalie Portman, Jennifer Jason Leigh, Gina Rodriguez, Tuva Novotny, Tessa Thompson, Oscar Isaac // Musik: Geoff Barrow, Ben Salisbury // Laufzeit: 115 Minuten // FSK 12

Trailer

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