Spielepresse

PC Games Hardware verbreitet einen potenziellen Fake – und offenbart damit den Zustand einer Branche

Red Dead Redemption 2 ist in aller Munde, und manchmal ist dieser Mund eine verfilzte Drecksschleuder namens PC Games Hardware.

Claas Relotius hat die Presse verarscht. Über Jahre hinweg erfand er Geschichten oder dichtete kleine bis große Details hinzu. Die Aufarbeitung im SPIEGEL hat gerade erst begonnen, sie wird Monate andauern und – vermutlich – eine Branche verändern.

Wen interessiert das nicht? Die Spielepresse, die durch frisierte (Skandal-)Geschichten selbstbewusst Klicks bezieht – und es nicht mal leugnet.

Die Elite-Abteilung von PC Games macht es derzeit vor: PC Games Hardware veröffentlichte eine, vorsichtig gesagt: lächerlich beknackte Story über Red Dead Redemption 2. Die Redaktion titelt:

headline

Das Wort „angeblich“ ist bereits ein früher Wink gen Bullshit. Es folgt ein gewagter Gedankengang: Vielleicht sorgt sich PC Games Hardware um die eigene Glaubwürdigkeit, vielleicht sichert sich PC Games Hardware nur ab, vielleicht, ja aber nur vielleicht ist die Story zu 99 Prozent korrekt, aber das eine, fehlende Prozentchen  macht die Redakteure unsicher, weshalb sie das Wort „angeblich“ verwenden, obwohl eigentlich keiner ernsthaft an dieser Geschichte zweifelt.

Nun – so ist es aber nicht.

Die Einleitung der News klingt so:

einleitung

Noch bevor überhaupt klar ist, was für ein windiges Etwas gerade im Netz die Runde macht, heißt es: „sollte sie überhaupt wahr sein“, und vielleicht steht das nicht nur exemplarisch für PC Games Hardware, sondern für eine gesamte Fachrichtung im Journalismus. Zweiter gewagter Gedanke: Vielleicht wird der Rest des Textes gar nicht so schlimm.

Doch.

text1.jpg

Headline, Einleitung und Fließtext sprechen nun also mehrfach davon: Ob das alles wahr ist, wissen wir nicht, aber es interessiert uns nicht. Deutlicher kann man sich gegen jede journalistische Regel nicht wehren.

Ich habe eine Geschichte gehört, und ich schwöre, sie ist zu 100 Prozent wahr, und diese Geschichte geht so: Ein Freund erzählte mir, er habe beim Weihnachtsessen die Texte von PC Games als Journalismus bezeichnet – danach wurde er enterbt.

Ach, die News ist übrigens noch nicht fertig.

text2

Im Netz kann jeder alles verbreiten, und PC Games Hardware, dessen Netzwerk „gamesworld.de“ laut Mediadaten eine Reichweite von 3,55 Millionen User hat, verbreitet eine Quatschmeldung, die sich vermutlich irgendein Idiot mit Kräuselbart ausgedacht hat. Und das Schlimme dabei: Man versucht nicht einmal, es zu verbergen. Das Gewissen wird bereits vor der Veröffentlichung reingewaschen, schließlich hat man mehrfach im Text auf den geringen Wahrheitsgehalt hingewiesen.

Das ist natürlich Quatsch, und die Redaktion von PC Games Hardware weiß genau, was für einen Dreck sie produzieren. Und sie sind nicht allein, dieses Hochjazzen von „Skandalen“, von vermarktbaren Meldungen abseits von Trailer-Veröffentlichungen generiert Aufrufe ohne Ende. Das war vor zehn Jahren so, das ist heute so.

Gier nach Klicks

Bekackt, und nein, ich meine nicht „beknackt“, bekackt wurde es im August, als ein Spieler angeblich in den Kölner Messehallen der Gamescom vor einen Stand gekotet hat. Ein Elend offenbarte sich, uff, diese widerliche Gier nach Klicks, jeder wollte Teil davon sein. Beschissen wie die Story war auch der Wahrheitsgehalt: Es stimmte nicht. Niemand hat vor einen Stand gekackt, verdammt nochmal.

Die Überschriften, ganz im Wortsinn, überschlugen sich dennoch, weil niemand recherchierte:

Chip.de:

fortnite-chip

Gameswelt:

fortnite-gameswelt

IGN Deutschland:

fortnite-ign

Playnation:

fortnite-playnation

Xbox Dynasty:

fortnite-xboxdynasty

Es ist unnötig zu erwähnen, dass die Redaktionen die Richtigstellungen in den News und Headlines erst nach einer Wortmeldung der zuständigen Stand-Inhaber ergänzten.

Man kann und darf das witzig finden. Bei derartiger Berichterstattung ist allerdings die Unterscheidung von Wahrheit und Fiktion besonders wichtig; sonst kann schließlich jeder Sittich auf Reddit absurden Müll erfinden und dann von Redaktionen für glaub- oder eher klickwürdig befunden werden. Wo verläuft die Grenze, wenn Quellen und Recherchen für unwichtig gehalten werden?

Die Regenbogenpresse lässt grüßen

Seit Jahren schon fallen Seiten wie Gamona oder Playnation besonders häufig durch solche Meldungen auf. Neben dem üblichen Tagesgeschäft bedienen sie den von der Regenbogenpresse inspirierten Skandal- und Ausdenk-Journalismus und somit eine Zielgruppe, die mehr als nur die üblichen Branchenmeldungen lesen will.

Ein kleine Auswahl von Playnation:

fortniter

online-porno

pokemongo

spacey

twitcher

unfall

youporn-statis

playnationdoki

Auch bei „seriöseren“ Magazinen geht der Trend zu den großen, aufgebauschten Nichtigkeiten. Zuletzt berichteten beispielsweise mehrere Medien über einen Streamer, der die Alpha zu Anthem per Stream zeigte, was ihm (und allen anderen Spielern) untersagt war. Daraufhin löschte Publisher EA seine Origin-Bibliothek. Das sah dann so aus:

GameStar:

gamestar2

Gamona:

gamona

GIGA Games:

giga

Playnation:

playnation

„Verliert alle seine Origin-Spiele“, das ist der Tenor der News, es gibt da nur ein Problem: Ob sich mehr als nur der Alpha-Zugang in der Origin-Bibliothek des Streamers befand, ist nicht bekannt. So sind die Überschriften formal korrekt, jedoch übertrieben. Und kein Magazin machte sich die Mühe, die Hintergründe zu recherchieren, obwohl es nicht schwer war, Kontaktdaten des Streamers zu ermitteln.

Als Quelle nannten deutschsprachige Medien unter anderem auch die GameStar, was fatal ist, wenn die GameStar, also jenes Magazin, das den eigenen Journalismus als „sachlich, fair und vor allem differenziert“ beschreibt, als Quelle „das Internet“ angibt:

gamestar

Ein Einzelfall? Nicht bei der GameStar, die die Vielfalt der Berichterstattung breit anlegt.

gamestar-facebook

gamestar-kolo

idiot

newyorktimes

mesut.JPG

Mein Liebling der vergangenen Wochen ist aber diese News:

gamestar-absurd

Das Bullshit-Bingo hat die Redaktion bereits in der Überschrift gewonnen: „Furz“, „Bombe“ und „Fake“, brutale Leistung. Und nein, auch im Text wird der Bezug zur Videospiel-Kultur nicht deutlich. Journalisten oder Content-Manager, in dem Fall ist die Entscheidung wohl klar, wie auch einige GameStar-User im Kommentarbereich anmerkten.

Das ist nicht überraschend. Ein Blick zu den Online-Ausgaben diverser Traditionsblätter wie SPIEGEL, ZEIT oder Süddeutsche hilft, zu verstehen: Wenn Brandstifter und mächtigster Trottel der Welt namens Trump mal wieder idiotiert, ist die mit Häme unterlegte Nachricht so gut wie sicher, und ja klar: Wenn Trump einen siebenjährigen Jungen fragt, ob er noch an den Weihnachtsmann glaubt, wenn Trump den Regenschirm nicht kapiert, wenn Trump den Weg zum Auto nicht findet – dann kann man darüber lachen bis das Zwerchfell berstet. Journalistisch ist das aber nicht.

Zumal solche Meldungen immerhin gekoppelt sind an der Wahrheit: Trump benimmt sich nun mal so, hahahaha, hier ist das Video oder eben: der Beweis. Die Redaktion von PC Games Hardware allerdings erwähnt in der Red-Dead-News häufiger die hohe Chance eines Fakes als die eigentliche „Nachricht“.

Das ist dann kein Boulevard-Journalismus mehr, kein kreativer Unterhaltungs-Content, sondern schlicht gefährliches Lügen.

Oder wie ich es gerne nenne, in dicken Anführungsstrichen: „Spielejournalismus“.


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