Medienkritik

„Die treueste und beste Community“ – Was die GameStar an Weihnachten vergessen hat

Was war das schön, dieses Weihnachten 2019. Hach! Da prickeln die Emotionen im Bauchnabel der redaktionellen Lust, man möchte lieben und loben – und herauskommt die aktuelle GameStar-Kolumne. Sie ist ein besonderer Gruß an die Leserinnen und Leser der GameStar, verfasst vom Chefredakteur höchstpersönlich.

In diesem Grußwort heißt es unter anderem:

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Wer die Stirn runzelt, mag nun überlegen: Wie genau sieht die „treueste und beste Community der Welt“ eigentlich aus? Tja, eine Frage, die ich beantworten kann. Dutzendfach. Und ich wünschte, ich könnte es nicht, denn was nun folgt, ist nicht nett, und das ist noch, naja, nett ausgedrückt.

Warnung: Einige der Kommentare enthalten massive Beleidigungen, ebenso wird mit Gewalt gedroht. 

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Das ist sie also, die beste und treueste Community der Welt. Oder zumindest ein Teil davon, einer, der sich nicht wegreden lässt. Gezielt wird gegen Frauen gehetzt, einem Politiker mit dem Tod gedroht und ein Schuldkult beklagt.

Ein vermeintlicher Gender-Mainstream wird erwähnt, wenn ein Publisher spielbare Frauen in einem Weltkriegs-Shooter einführt; Frauen werden als „Miststück“ bezeichnet, als „Feminazi“. Wenn man bedenkt, wie die GameStar-Redaktion unter anderem über jene Hasskampagne schreibt, in der vorwiegend Männer über Jahre hinweg Frauen massiv beleidigt und bedroht haben, dann überrascht das nicht. Zur Erinnerung: so schreibt die GameStar über GamerGate.

„Eine seriöse Spielepresse kann hier nur zwischen den Stühlen sitzen, sie kann keiner Seite komplett zustimmen, aber auch keine komplett verteufeln. Niemand hier verhält sich richtig, zugleich hat niemand komplett Unrecht.“

Das stammt von der gleichen Redaktion, die besonders in der ersten Hälfte der 22-jährigen Firmengeschichte mit sexistischen Texten auffiel. So schrieb die GameStar vor knapp 20 Jahren folgendes:

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Einige Jahre danach verkaufte die GameStar sogenannte „Babes-Kalender“ für knapp 15 Euro.

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2010 und 2011 war eine Unterseite prominent auf der Startseite platziert. Sie trug folgende Bezeichnung: „Babes“. Dort zelebrierte die Redaktion jahrelang und in unzähligen sogenannten „Babes-Duellen“ einen – auch in der Konkurrenz – weit verbreiteten Sexismus. In einem Text über Modifikationen für Skyrim ärgerte sich die Redaktion über „grobschlächtige“ und „fiese“ Frauen im Spiel. Mit Mods könne man diese nun „aufhübschen“.

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In einem anderen Text freute sich die Redaktion darüber, wenn eine Frau stumm bleibt, damit sie nicht so viel labere.

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Bis 2012 veröffentlichte die GameStar derlei Texte. Dass Redaktionen mittlerweile Abstand nehmen von diesem Dreck, spricht zunächst für einen Fortschritt, der allerdings nur so lange hält, bis man merkt, dass kein Magazin jemals den systematischen Sexismus aufgearbeitet hat. Zumal 2012 nicht lange her ist, schon gar nicht in einer erst 22 Jahre jungen Unternehmensgeschichte wie bei der GameStar.

Spricht der GameStar-Chefredakteur also über die „beste Community der Welt“ und vergisst zeitgleich die nicht zu leugnenden Frauenfeinde für das kuschlige Gefühl einer weihnachtlichen Kolumne, ist es mit der Kritikfähigkeit nicht weit her. Denn die Redaktion selbst begünstigte einst ein misogynes Umfeld, stellte es zuweilen sogar her, ging als Vorbild voran, freute sich über „stumme“ Frauen und nannte das Aussehen „grobschlächtig und fies“.

Nun mag die heutige GameStar eine andere Redaktion sein als damals. Es reichte sogar für eine Entschuldigung für die Babes-Phase, die Kritik daran sei berechtigt, weshalb man sie heute nicht mehr veröffentliche, hieß es in einem Statement. Ein „Sorry“, das in zwei Tweets passt, ist allerdings wenig wert, besonders dann, wenn die Redaktion sich weigert, die jahrelange Misogynie aufzuarbeiten.

„Die GameStar-Redaktion steht 2018 für seriösen Spielejournalismus und toleriert weder Sexismus, noch jede andere Form von Diskriminierung“, heißt es etwa in einem Tweet der GameStar zum Thema Babes-Duelle, auch an anderen Stellen betont man den Wert von „freundschaftlichen und respektvollen“ Diskussionen. Das mag gänzlich so sein. Nur muss dann die Frage erlaubt sein: Wie seriös und respektvoll und frei von Diskriminierung waren die Jahre vor 2018, zum Beispiel von 2000 bis 2012, in denen Babes-Duelle, Bilderstrecken und Kalender für ordentlich Klicks sorgten? Wie seriös kann der Spielejournalismus einer Redaktion gewesen sein, die Bilder für Männerfantasien anpasste?

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Wie seriös kann der Spielejournalismus einer Redaktion gewesen sein, die explizit die Vielseitigkeit von Frauen in den Hintergrund rückte?

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Hier geht es nicht darum, einem durchaus erfolgreichen Magazin wie der GameStar ständig ein „altes“ Fehlverhalten vorzuwerfen; es geht um die Art und Weise, wie zurückhaltend mit einem beachtlichen Teil der Vergangenheit umgegangen wird. Gemeint sind nicht ein paar Ausrutscher einer Redaktion, die neuerdings auf ein Saubermann-Image pocht mit Texten, Kolumnen, Podcasts und Videos über eine vermeintliche „journalistische Professionalität“ – nein, es handelt sich um unzählige Babes-Duelle und Bilderstrecken, die die GameStar über Jahre hinweg erstellt und gepflegt hat. Es entwickelte sich eine vorwiegend männliche Community, die von der GameStar im Umfeld der „Babes“-Artikel – bewusst und unbewusst – hofiert wurde.

Ein Beispiel aus 2004, zu Zeiten, in denen GameStar regelmäßig „Babes-Bilder“ veröffentlichte, zeigt, wie bereits damals eine frauenfeindliche Atmosphäre herrschte und in ähnlicher Form auch heute noch stattfindet: In einem Thread im Forum beschweren sich User über die „abartigen“ und „widerlichen“ Frauen in der Babes-Kategorie, die „billigst“ und „unerträglich hässlich“ und „scheiße“ aussehen. Die Beiträge sind bis heute normal auf GameStar.de einsehbar.

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Hinzu kommt: Wenn sich die GameStar im kürzlich veröffentlichten Kodex grundsätzlich als „nicht politisches Magazin“ präsentiert, ganz im Duktus vieler feiger Studios und Publisher und insbesondere der Gamergate-„Bewegung“, die einen wie auch immer gearteten Rechtsradikalismus mit den „Schrecken“ einer linken Bewegung vergleichen, passend zum Tenor, Politik habe ohnehin nichts in Unterhaltungsprodukten zu suchen, egal ob von „links oder rechts“, genau dann kommt ein Umfeld dabei heraus, das Nazis und Frauenfeinde gleichermaßen zum Kommentieren bewegt.

Ja, viele der oben gezeigten Kommentare wurden gelöscht. Manche bereits nach wenigen Minuten, einige erst nach mehreren Wochen und manchmal auch erst, wenn man vehement darauf hinwies, was zumindest dann gefährlich ist, wenn in einem Kommentar die Rede ist von einem „gar nicht so bösen“ Hitler. Der Einsatz von unbezahlten (!) ModeratorInnen mag helfen, die Situation hat sich durch das gelegentliche Verschieben der „Diskussion“ ins Forum zuweilen verbessert. Befreit von Häme und Hetze ist die Community dadurch allerdings nicht.

Ursächlich für diese Hetze sind sich unpolitisch gebende Redaktionen keineswegs, auch dann nicht, wenn der Papierkorb gefüllt ist mit sexistischen Überbleibseln. Der verheerende Umgang mit weiblichen Spielfiguren aber tätschelt die Glatzen und Köpfe jener, die für ihren geistigen Dreck eine Plattform suchen – und dann unter anderem bei der GameStar fündig werden, der „besten und treuesten“ Community der Welt.

Zuletzt konnte man das 2018 beobachten, als Electronic Arts in einem Trailer zu Battlefield 5 spielbare Frauen vorstellte. GameStar berichtete vielfach darüber, nahm jede News mit. Der Kommentarbereich war oft nach kurzer Zeit gefüllt mit hunderten Beiträgen, eine Moderation fand kaum oder nur sehr verspätet statt, bis die Möglichkeit für User-Kommentare vereinzelt deaktiviert wurde. Ja, dieser Feldzug der Frauenfeinde geschah auch auf anderen Plattformen, es war kein Problem, das nur die GameStar erlebte. Das zeigte zuletzt ein Twitter-Hashtag: die Gaming-Branche erlebt es immer wieder.

Wenn nun aber der Chefredakteur der GameStar offiziell und frei von Kritik eine Community lobt, die häufig Teil des Problems ist und geprägt wurde von redaktionellen Erniedrigungen von Frauenfiguren, die noch nicht lange zurückliegen, wird deutlich, wie überfällig eine angemessene Aufarbeitung ist.

Bislang hat es sie nicht gegeben.

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