Medienkritik

Kein Krieg für Frauen: Die Unfähigkeit, Kontext herzustellen – Teil 32

Mehrere Magazine berichten derzeit über eine Aussage des Studios hinter „Escape from Tarkov“. Bei der GameStar heißt es in der Überschrift:

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Auch PC Games und der Games-Standard berichten.

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Anlass für diese News sind mehrere Tweets der Entwicklerinnen und Entwickler von Battlestate Games. GameStar schreibt dazu, es „entbrennen kontroverse Diskussionen“ über jene Aussagen. So heißt es weiter:

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Hier der genaue Wortlaut des Studios:

„But there will be no playable female characters because of game lore and more importantly – the huge amount of work needed with animations, gear fitting etc“

Dass Animationen weiblicher Spielfiguren zu aufwendig seien, lässt sich zunächst nicht so einfach nachprüfen. Schließlich sind die Arbeitsabläufe nicht bekannt, obgleich viele Entwicklerinnen und Entwickler dies zumindest unglaubwürdig nennen, wie es in zahlreichen Antworten unter den Tweets heißt. Dazu später mehr.

Leichter überprüfen ließe sich die andere Aussage des Studios. Es werden keine weiblichen Spielfiguren entwickelt, auf Grund der „Lore“, also der Geschichte des Spiels, wie das Studio mitteilt. Nur: Wie sieht diese Geschichte überhaupt aus? Was genau, also im Detail spricht dagegen?

Keine Ahnung. Keine Redaktion hält es für nötig, die Aussage des Studios einzuordnen. Weder die GameStar, noch PC Games oder der Games-Standard sind in der Lage, Kontext zu schaffen. Nicht ein einziges Detail zur Geschichte lässt sich in den jeweiligen News finden. Und das ist befremdlich.

Aus folgendem Grund: 2016 äußerte sich das Studio hinter „Escape from Tarkov“ erstmals zum Thema weibliche Spielfiguren. Auf die Frage, ob Battlestate Games auch Frauen als Charaktere einführen wird, lautete die Antwort:

„We considered that, but we came to the conclusion that women are not allowed to be in the war.“

Der Interviewer wirft ein:

„But these days, women are in the military…“

Wie folgt wischt der Entwickler die Aussage beiseite:

„I can agree with you and we discussed it for a very long time, but we came to the conclusion that women can’t handle that amount of stress. There’s only place for hardened men in this place.“

Es ist einfach zu erkennen, wie himmelschreiend sexistisch diese Aussage ist. Sogar noch mehr, wenn man bedenkt, wie Battlestate Games das eigene Spiel bewirbt. Auf der offiziellen Seite zum Shooter heißt es:

„Escape from Tarkov ist ein realistisches Hardcore-Online-Action-Spiel mit RPG- und MMO-Features und starkem Story-Fokus.“

Es soll also ein „realistisches“ Spiel sein. Im Kontext des Genre heißt das häufig, dass die Spielerinnen und Spieler Mechaniken wie Hunger, Blutdruck oder Ausdauer entsprechend „realistisch“ halten müssen mit Essen und Trinken, Medikamenten und Pausen. Zudem soll es „Waffeneigenschaften wie im realen Leben“ geben, etwa Ladehemmungen und Überhitzung. Auch sei eine „reale Ballistik“ Teil des Spiels, wie es weiter heißt.

Es ist also klar: „Escape from Tarkov“ will ein realistisches Spiel sein, wie man mehrfach nachlesen kann. Warum endet dieser Realismus ausgerechnet bei weiblichen Spielfiguren, obwohl Frauen in vielen Armeen dieser Welt dienen und kämpfen? Kann es etwa sein, dass jenes Studio, das der Meinung ist, Frauen könnten dem Stress eines Krieges nicht standhalten und es sei dort nur Platz für „hardened men“, kann es also sein, dass Battlestate Games frauenfeindlich gehandelt hat? Vermutlich.

Auf eine derartige Schlussfolgerung kommen diverse Redaktionen nicht. Zwar schreiben sie alle, dass Battlestate Games sich von den Aussagen aus 2016 distanziert hat, doch in der neuerlichen Ablehnung von weiblichen Spielfiguren steckt der Sexismus ja erneut. Das Studio benennt mit keinem Wort die genauen Gründe, also jene Teile der Spiel-Geschichte, die der Grund für das Fehlen von spielbaren Frauen sind. Eine Behauptung wird in den Raum geworfen, die das Studio nicht weiter erklärt. Es ist lediglich von „Lore“ die Rede, und niemand weiß, wie genau diese „Lore“ hinsichtlich Frauen im Krieg aussieht.

Durch die kommentarlose Verbreitung der Tweets übernehmen viele Redaktionen das misogyne Weltbild von Battlestate Games, sie nehmen es hin und ordnen es nicht ein; es kommt zu einer Situation, in der das Statement des Studios von Leserinnen und Lesern als legitim angesehen wird.

Magazine wie GameStar und PC Games verweigern einen Kontext, obwohl genau das die Arbeit von Spielejournalistinnen und Spielejournalisten sein sollte: eine Expertise für Recherche und Einordnung einsetzen in Situationen, in denen Leserinnen und Leser das nicht selbst können oder wollen. Auf der Website zum Spiel lässt sich beispielsweise aus keinem Satz herauslesen, warum genau Frauen nicht an Kampfhandlungen teilnehmen können – das hätte eine erste, redaktionelle Einordnung sein können. Ein kleiner Wink, der den Leserinnen und Lesern zunächst zeigen kann, dass nicht jede Quatschaussage kommentarlos hingenommen wird.

Doch das ist nicht passiert. Im Gegenteil: Ein Statement, das dringend Kontext benötigt, wird kommentarlos verbreitet. Die Gründe dafür sind zunächst nicht erkennbar; es mag unsauberer Journalismus sein oder schlicht Faulheit. Wahrscheinlicher jedoch ist eine gewollte Zurückhaltung, das bewusste Offenhalten der internen Position, schließlich ist dieses Thema in den Communitys vieler Magazine ein vermeintlich kontroverses. So schreibt ein Nutzer im GameStar-Forum folgendes:

„Da kann man mal wieder die militante und perfide Vorgehensweise der Genderbewegung und ihrer Ideologien (meist feministische Bewegungen, LGBT und andere Perverse) in Aktion sehen. Dass sie jede Gelegenheit nutzen, um Männer zu verunglimpfen und als Narren darzustellen, daran stört sich offenbar niemand. Und dabei merken sie gar nicht, dass SIE diejenigen sind, die Sexismus betreiben, und zwar GEGEN Männer. So weit kann Mainstream-Gehirnwäsche führen. Traurig, aber wahr.“

Der entsprechende User, der LGBT-Menschen als „Perverse“ bezeichnet, bekam eine „Verwarnung“, wurde aber zunächst nicht gebannt, erst nach einem weiteren provokativen Beitrag. Zudem ist der Kommentar weiterhin online. Was für eine verdammte Farce. Erneut zeigt sich: Die GameStar hat ein Community-Problem. 

Hinzu kommt: Selbst wenn es in der Geschichte des Spiels Gründe gibt, die Frauen als Soldatinnen unmöglich machen, müsste danach geklärt werden, warum genau dies geschah – was letztlich zum Statement aus 2016 führt. Die Entscheidung, in der Story eines Spiels weibliche Personen auszuschließen und das offenbar ohne genaue Erklärung, ist nicht irgendeine Design-Entscheidung; es ist ein Statement, eines, das kaum Spielraum für Interpretationen lässt, auch hinsichtlich vergangener Statements. Kurz: Es ist Sexismus.

Das andere Argument, es sei zu aufwendig weibliche Spielfiguren zu implementieren, ist ebenfalls mindestens fragwürdig. Delaney King, eine Entwicklerin mit über 20 Jahren Erfahrung in der Spielebranche (Dragon Age Origins, Unreal Tournament, God of War), schreibt zum Thema unter anderem folgendes:

„So to wrap up,

A) it isn’t a huge expensive to add women.

B) it more than doubles your market.

C) you are the problem.“

Der ausführliche Twitter-Thread von King wurde bei GameStar, PC Games und Games-Standard nicht erwähnt.

Stattdessen: Leere. Alle wollen darüber berichten, die Klicks mitnehmen, die „Kontroverse“ beleuchten, die in den Kommentarspalten der jeweiligen Seiten zu großen Diskussionen führen wird.

Journalistisch arbeiten will jedoch niemand.

(Das Headerbild stammt aus einem Trailer.)

Anmerkung: In einer früheren Version habe ich geschrieben, dass ein User im GameStar-Forum nach einem widerlichen Kommentar weiterhin veröffentlichen darf. Wenige Minuten, bevor ich den Text online stellte, änderte sich dies, was ich allerdings nicht bemerkte. Hiermit ist es korrigiert.

Anmerkung 2: Ein Mitglied der GameStar-Redaktion reagierte auf die – von mehreren Personen geäußerte – Kritik. In der News wurde folgender Absatz hinzugefügt:

„Wie genau sich das Fehlen von weiblichen Soldaten aus der Lore erklärt, erläutern die Entwickler nicht weiter. In den bisher veröffentlichten Wikis und Homepage-Einträgen sind wir auf keine konkreten Hinweise gestoßen, die das Statement einordnen. Wir haben bei den Entwicklern nachgefragt und ergänzen diese Meldung, sobald wir antworten erhalten.“

Zudem sei ein Hintergrund-Artikel in Arbeit, der das Thema weiter beleuchtet, heißt es. Die übrigen Redaktionen ließen die News unverändert, neben PC Games und Games-Standard unter anderem auch 4Players. Wenn anderswo ein Fortschritt erzielt wird, geht es an anderer Stelle zwei Schritte zurück.

Als Positivbeispiel sei hier Eurogamer Deutschland genannt.

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