Spielepresse

Wenn der Menschenhass nicht mehr juckt: Das YouTube-Problem von GameStar

„Grundsätzlich betrachten wir uns nicht als politisches Magazin. Aber wir halten Werte wie Toleranz, Menschlichkeit und Respekt für die Grundpfeiler unseres Zusammenlebens und unserer Arbeit. Hass auf Homosexuelle, Frauenfeindlichkeit oder rassistisch gefärbte Vorurteile – wer denkt, so etwas sei salonfähig, hat auf keinem unserer Kanäle etwas verloren.“

Das obige Zitat stammt aus dem GameStar-Kodex, einer Sammlung von vermeintlich journalistischen Richtlinien – und wie es scheint, werden diese Richtlinien aktuell nicht in Gänze umgesetzt.

Bereits an Weihnachten 2019 fantasierte der Chefredakteur die „treueste und beste Community der Welt“ herbei. Wie die aussieht, kann man unter anderem hier sehen. Sie ist durchzogen von Hass auf Frauen und LGBTQ-Personen. In ihr lassen sich Todesdrohungen genau so finden wie Hetze gegen Muslime und Juden.

In einem aktuellen Video auf dem Youtube-Kanal der GameStar ist vieles davon erneut zu beobachten. In einem News-Format, in dem die Redaktion jeweils mehrere Nachrichten aus der Spielebranche thematisiert, geht es auch um Riot Games.

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In dem Video heißt es, dass eine amerikanische Behörde die Strafe für Riot Games erhöhen möchte. Jahrelang wurden Mitarbeiterinnen sexuell belästigt und benachteiligt, sie klagten daraufhin Ende 2018. Die betroffenen Frauen einigten sich schließlich mit Riot Games auf eine Zahlung von 10 Millionen US-Dollar, die eine Behörde nun verhindern möchte, weil den Opfern mehr Geld zustehe, wie es heißt.

Unter den überwiegend harmlosen Kommentaren – immerhin über 600 – finden sich auch zahlreiche Wortmeldungen, die von der GameStar-Redaktion nicht beachtet werden.

Leider.

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Es sind noch weitere Kommentare zu finden, die in einem ähnlich sexistischen Ton geschrieben sind. Ein User legt nahe, dass die Vorwürfe der Mitarbeiterinnen falsch seien, viele weitere wollen ebenfalls belästigt werden, um Kohle abzustauben, wie es mehrfach heißt. Die Situation sei eine „Scheiße“, die nur Frauen durchziehen können, schreibt einer.

Zur Erinnerung, hier das bereits erwähnte Zitat aus dem GameStar-Kodex:

„Hass auf Homosexuelle, Frauenfeindlichkeit oder rassistisch gefärbte Vorurteile – wer denkt, so etwas sei salonfähig, hat auf keinem unserer Kanäle etwas verloren.“

Für die Community auf YouTube gilt das wohl nicht. Frauenfeinde dürfen ohne Angst vor Strafen beschimpfen und hetzen. Nicht ein einziges Mal meldet sich die GameStar-Redaktion zu Wort.

Einige der Kommentare ließen sich als „humoriger Beitrag“ immerhin dann rechtfertigen, wenn die Redaktion entsprechend auf derlei Äußerungen reagiert, sie richtigstellt oder zumindest mit einem Bann droht. Doch das passiert nicht. Andere Kommentare hingegen passen nicht in diese Kategorie. Einzig und allein dienen sie der Verbreitung von Hass, Hetze und Misogynie.

Ein Einzelfall scheint das zurückhaltende Verhalten der GameStar nicht zu sein. In einem weiteren News-Video, in dem das Thema Riot erwähnt wird, dürfen erneut Menschenfeinde ihren Dreck verbreiten.

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Ein weiterer User legt nahe, Frauen seien selbst Schuld an sexueller Belästigung. Es folgen weitere Äußerungen, die sich über Geschlechter „lustig“ machen und sexuelle Belästigung verharmlosen. Trotz einiger Wortmeldungen der Redaktion macht der Kommentarbereich einen unmoderierten Eindruck. Zu viele Kommentare, die lediglich der Beleidigung dienen, werden nicht gelöscht.

Im August 2018 berichtete die GameStar-Redaktion ebenfalls über die problematische Firmenkultur bei Riot Games. Erneut äußern sich zahlreiche User sexistisch. Es wird nahegelegt, dass die betroffenen Frauen lügen, sie würden „die dollsten Geschichten“ erzählen, wie es heißt. Ein anderer User schreibt, man könne doch „so frauenfeindlich sein“ wie man will, es interessiere schließlich niemanden, wie es in einem Entwicklerstudio zugeht.

In einer „Diskussion“ unter dem Video hetzen mehrere User gegen Muslime. Ein anderer User beschwert sich, dass die Entwickler von Riot „zu pussyhaft“ seien. Ein selbsternannter AfD-Wähler suggeriert, die Grünen wollen Deutsche verrecken sehen, in einem anderen Kommentar schreibt er, Feminismus sei die „mit Abstand größte Quelle für Sexismus, die es gibt“.

Mehr und mehr Comments unter anderen Videos lassen sich finden und sie enthalten schlimmste Beleidigungen. Unter einem News-Video, das die Option thematisiert, eine Transperson in Cyberpunk 2077 erstellen zu können, schreibt ein User Idiot, dass er es gut finde, auch „geistig verwirrte Menschen“ spielen zu können. Ein anderer User findet es widerlich, dass in State of Decay 2 alle Anführerin weiblich und lesbisch seien.

Es ließe sich ewig so fortführen. In zahlreichen anderen Videos finden sich sexistische und antisemitische Kommentare. Teilweise wird sogar der Holocaust verharmlost.

Warum die meisten dieser Kommentare nicht gelöscht werden, ist fraglich. In vielen der hier erwähnten Videos scheint die Redaktion mehrere User-Beiträge entfernt zu haben, auch Wortmeldungen einzelner Redaktionsmitglieder lassen sich finden. Es scheint jedoch so, als genügen diese Anstrengungen nicht.

Mit immerhin über 1,1 Millionen Abonnenten hat GameStar eine große Reichweite. Damit einher geht Verantwortung. Das für den Youtube-Kanal exklusiv produzierte News-Format beweist, dass es über die reine Zweitverwertung von Inhalten hinausgeht. Von YouTubes Werbeeinblendungen unabhängige Anzeigen – unter anderem beyerdynamic, Kaspersky und THQ Nordic – bestärken das Bild.

Wenn also mit dem Kanal ein kommerzieller Zweck verfolgt wird, muss mindestens eine Frage gestellt werden: Warum wird die im GameStar-Kodex festgesetzte Regel eines respektvollen Umgangs nicht bei YouTube umgesetzt?

Ein anderer Eindruck mag freilich auf der Internetseite von GameStar entstehen. Bei „heiklen“ Themen wird die Diskussion ins Forum verlagert, um besser reagieren zu können. Eine Lösung indes, die der Arglistigkeit vieler GameStar-User nicht gewachsen ist – was vermutlich auch daran liegt, dass die für die Moderation zuständigen Menschen nicht bezahlt werden. Sie arbeiten „ehrenamtlich“, wie es in einer Erklärung der Redaktion heißt.

Ob GameStar für den YouTube-Kanal ebenfalls Menschen nicht bezahlt, damit sie den Kommentarbereich überprüfen, ist nicht bekannt.

Egal auf welcher Plattform: Die Redaktion betont, respektloses Verhalten habe auf keinem Kanal etwas verloren. Auf die aktuelle Situation auf YouTube lässt sich das jedoch nicht anwenden.

Offenbar ist jener Teil des Kodex‘ nicht mehr als ein Lippenbekenntnis.

Nachtrag, 5. Juni: Nach einem Hinweis habe ich deutlicher gemacht, dass die Moderator*innen der GameStar ehrenamtlich arbeiten – und nicht „ehrenamtlich“.

5 Kommentare

  1. Was soll man da noch hinzufügen? Es ist so lange egal, wie es GameStar bzw. deren Verlag kein Geld kostet.
    Vom Abo befreit zu sein und die WebSite nicht mehr zu besuchen, bringt definitiv von Tag zu Tag mehr Geistesfrieden.

    Gefällt 1 Person

      1. Ich glaube allerdings auch, dass GameStar wenig dagegen machen wird. Ich mein, erst im Dezember 2019 sprach der Chefredakteur von der besten Community der Welt und vergisst einfach mal die brutalen Zustände, die geherrscht haben (und jetzt auf Youtube weiter herrschen). Das ist schiere Verblendung, die sich da umtreibt, anders kann man das nicht ausdrücken. Zumal sich einzelne Community-Mitglieder immer wieder über Kommentare bei Youtube beschweren und direkt die GameStar ansprechen, doch von der Redaktion reagiert niemand darauf. Es juckt sie einfach nicht. Da bringt leider auch mein Text nicht viel, vermute ich.

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  2. Sie arbeiten „ehrenamtlich“.

    Anführungszeichen werden üblicherweise zur ironische Hervorhebungen genutzt. Was genau ist hier denn nun gemeint? Werden sie doch bezahl?

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    1. Und sie werden üblicherweise zum Zitieren benutzt. Das ist damit gemeint: ein Zitat. Ich schreibe einen Satz zuvor, dass sie nicht bezahlt werden, das wäre dann ja ein Widerspruch. Ich werde es allerdings noch deutlicher im Text machen.

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