Medienkritik

Gaming-PCs von GameStar halten jeder Krankheit stand: Das Coronavirus als Verkaufsargument

Mehr als 1.300 Tote, über 64.000 Erkrankungen: Der aktuelle Stand des Coronavirus‘ ist bedrückend. Millionen Menschen befinden sich in Quarantäne. Immer mehr Länder melden infizierte Menschen. Die Weltgesundheitsorganisation nennt das Virus eine weltweit „ernste Bedrohung“.

Und doch besteht kein Grund zur Sorge: Die GameStar-PCs halten ihre Preise.

Was?

Ja, doch. Genau das titelte die GameStar am 3. Februar für eine Anzeige:

corona

Das Coronavirus lege „China lahm – unter anderem auch die Region Guangdong“, in der viele Fabriken liegen, die Grafikkarten herstellen, heißt es bei der GameStar in einer Anzeige für die hauseigenen GameStar-PCs. Direkt in der Einleitung formuliert das Magazin blitzgescheit:

„Wer neue Hardware will, sollte schnell zuschlagen.“

Äh, was?

Ja, doch. Das stand da so. Der „beste und stärkste“ Gaming-PC der GameStar benutze eine Grafikkarte, die „ohnehin schon schelcht [sic] verfügbar ist“, und nun werde sie noch seltener. Nie sei sie „in Hülle und Fülle“ verfügbar gewesen, das „Coronavirus verschlimmert diesen Umstand nochmals“. Was GameStar damit sagen will: Kauft jetzt GameStar-PCs, bevor ein mitunter tödlicher Virus die Preise der GameStar-PCs in die Höhe treibt.

In grün hervorgehobenen Links und Befehlen und Kästen heißt es unter anderem, man solle „zuschlagen solange noch Ware da ist“, und „4K-Gaming leicht gemacht“ heißt es in Bezug auf einen, na klar: besonders leistungsfähigen GameStar-PC. Die „Hardware-Experten der GameStar“ stellen diese PCs zusammen, sorgen dafür, dass sie „langlebig und zuverlässig“ funktionieren.

Da in einigen Regionen Chinas ein Ausgehverbot herrsche, „liegen die Fabriken in der Region Guangdong still“, heißt es bei der GameStar. Das chinesische Neujahrsfest verstärke den „Engpass“. GameStar kommt zu dem Schluss, es sei nur noch eine „Frage der Zeit, bis die Preise massiv anziehen werden“. Vorräte seien in Europa zwar noch vorhanden, „doch auch diese halten nicht ewig“. Laut GameStar heißt das:

„Die Zukunft sieht nicht rosig aus.“

Äh, was?

Ja, doch. Das stand da so. Die Zukunft sehe „nicht rosig“ aus, und nicht deshalb, weil in China ein Virus für eine gesundheitliche Katastrophe sorgt, nein, die Zukunft sei „nicht rosig“, weil die Hardware-Vorräte in Europa für Gaming-PCs nicht ewig halten.

Obacht, genau hinhören: „GameStar-PCs können Preis noch eine Weile halten“, schreibt GameStar in exakt diesem Wortlaut. Der GameStar-Partner „CSL/BoostBoxx“ nutze seine Größe, um sich Vorräte von Hardware „zu sichern“, und das soll wohl etwas Gutes sein. Deshalb empfiehlt GameStar:

„Unsere knallhart limitierte Launch Edition kann zwar ihren Preis halten, doch können wir nicht mehr garantieren, dass sie noch lange verfügbar sein wird. Deswegen müsst ihr jetzt schnell sein.“

Äh, was?

Ja, doch. Das stand da so. Ein grünlicher Kasten darunter verriet den Preis der Launch Edition: 1.499 Euro. Das sei „günstiger“ als bei einem Kauf der einzelnen Teile bei der Konkurrenz.

Das größte deutschsprachige Spielemagazin veröffentlicht also einen Artikel, der als Werbung für die hauseigenen, zum Verkauf stehenden Gaming-PCs herhalten soll und verknüpft das an den Coronavirus, der – mal abgesehen von den fast 1.400 Toten – keine Folgen haben wird für die Preise der leistungsstarken GameStar-PCs.

Ja, doch. Das ist genau so passiert.

Am 4. Februar bemerkte die GameStar den Fehler. Der Chefredakteur schrieb daraufhin im Forum:

„Hallo zusammen, ihr habt völlig recht, das hätte so nicht online gehen dürfen. Die Werbung ist inzwischen offline, und ich kann mich für den Vorfall nur entschuldigen.“

Obwohl die GameStar stets beteuert, Anzeigenabteilung und Redaktion arbeiten getrennt voneinander, meldet sich der Chefredakteur zu Wort. Wie dieses Desaster zustande kommen konnte, wird nicht erläutert. Eine Erklärung oder eine Entschuldigung aus der Anzeigenabteilung folgte ebenfalls nicht. Bereits einen Tag später, an dem ein User den Beschwerde-Thread im Forum eröffnete, hat die Community-Managerin ihn wieder geschlossen. Als Grund nennt sie – neben der Vermeidung von unangebrachten Witzen – folgendes:

„[…] weil das Thema jetzt geklärt ist […]“

Und das ist einigermaßen befremdlich, weil eigentlich gar nichts geklärt ist. Zum Beispiel:

  • Wer hat die Anzeige geschrieben? War es die Anzeigenabteilung oder die Redaktion?
  • Falls die Anzeigenabteilung die Anzeige verfasste: Warum meldet sie sich nicht ebenfalls zu Wort?
  • Im GameStar-Kodex heißt es: Werbliche Inhalte entstehen ohne Mitwirkung der Redaktion. Ausgenommen davon sind Werbemaßnahmen für „redaktionelle Produkte“ wie GameStar Plus. Sind GameStar-PCs ebenfalls davon ausgenommen?
  • Wieso hielt man es für angemessen, einen Virus als Anpreisung für Gaming-PCs zu nutzen?
  • Im GameStar Kodex heißt es, bei sämtlichen Artikeln und Videos gelte ein „Vier-Augen-Prinzip“, um die Richtigkeit der Inhalte sicherzustellen. Gilt dieses „Vier-Augen-Prinzip“ auch für werbliche Inhalte? Falls nein, wieso nicht? Falls ja, ist ein Umstieg auf ein „Sechs-Augen-Prinzip“ geplant, da es mit vier jetzt nicht so erfolgreich war?
  • Hat GameStar die Prozesse für die Veröffentlichung von Anzeigen anderweitig verändert oder optimiert?
  • Kennt GameStar die Wörter „geschmacklos“ und „Anstand“?
  • Wie hätte die Anzeige ausgesehen, wenn die Preise nun doch gestiegen wären?
  • Und die wichtigste Frage: Geht’s noch?

Die Notlage, die derzeit in China herrscht, wird für eine Werbeanzeige missbraucht, in der es heißt, man solle nun Gaming-PCs bestellen, bevor die Hardware noch teurer wird. Folgt man dieser Argumentation, heißt es im nächsten Schritt: Kauft noch solange Gaming-PCs, bis die Zahl der Toten und Erkrankten einen günstigen GameStar-PC unmöglich machen.

Und das ist ziemlich abstoßend.

In der Zeit, in der die Anzeige noch online war, versuchte die GameStar diese Kritik – bevor sie überhaupt aufkam – zu relativieren. In einem grauen Kasten hieß es, die Zustände in China seien „schrecklich und furchterregend“. Im täglichen Leben seien die „Konsequenzen für den Hardware-Markt sofort spürbar“ gewesen. Weiter schrieb GameStar:

„Dies wollten wir, das GameStar-PC-Team genauer beleuchten unter dem Banner einer werblichen Anzeige.“

Unter dem Banner einer werblichen Anzeige über ein Virus zu schreiben, das fast 1.400 Todesopfer forderte, ist zunächst ein himmelschreiend geschmackloses Vorhaben. Und gründlich misslungen ist es ohnehin: Sicherlich schreibt GameStar über Ausgehverbote und geschlossene Fabriken und wollte so sachliche Informationen in einer Werbung unterbringen, doch diese Werbung diente letztlich nur zum Verkauf von Hardware und nicht zur Verbreitung sachlicher Informationen über das Coronavirus. Weil das ja klar ist: Werbung ist Werbung, sie will etwas verkaufen.

Mit leuchtenden Verlinkungen und kreischenden Formulierungen warb die GameStar für Gaming-PCs und betonte, die Auswirkungen auf den Hardware-Markt seien zumindest bei der GameStar noch nicht so schlimm. Man schrieb von einer „nicht rosigen Zukunft“, bezog es aber nicht auf die gesundheitlichen Zustände der chinesischen Bevölkerung oder die Quarantäne in der Stadt Wuhan oder auf den düsteren Ausblick auf ein Heilmittel, sondern auf die sinkenden Vorräte von Hardware in Europa.

Zu beschreiben, wie erbärmlich das ist, würde über die Grenze des Anstands hinausgehen. Ich zitiere daher einen GameStar-User, der über die Anzeige folgendes schrieb:

„Das ist in der Tat richtig mies geschrieben.“

Und das ist noch nett ausgedrückt.

3 Kommentare

  1. Mich wundert diese unempathische Geschmacklosigkeit nicht (mehr).
    .
    Als im Jahr 2011 in Norwegen von A.B. das Massaker ausgeführt wurde, hatte GS einen Artikel veröffentlicht um eine Killerspieldebatte anzustossen, obwohl sämtliche Medien keinen Zusammenhang dazu bezogen haben, noch sonstwo der Begiff „Killerspieler“ mit dem Massaker gefallen war. Auch nicht zu einem späteren Zeitpunkt.
    Nur GS war damals der Meinung, das dies ein gute Gelegenheit wäre, sich damit und den Täter ins Rampenlicht zu stellen und aus einem schrecklichen Massaker ein Games Thema zu machen, obwohl niemand sonst die Tat damit assoziierte, außer der Tatsache das A.B. diverse Titel in seinen wirren und kranken „Manifest“ erwähnte.
    Genaugenommen boten sie damit dem Täter eine Bühne.

    War bis dato das widerlichste was ich dort lesen durfte.

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    1. Oh, das wusste ich gar nicht. Danke für den Hinweis! Ich hab den Artikel eben gelesen und besonders bemerkenswert fand ich mehrere Kommentare, die nahelegten, dass GameStar tatsächlich folgende Headline dafür benutzt hat:

      „RIP: Die Killerspiel-Debatte ist tot!“

      Und das nach einem solchen Anschlag! Alter Schwede.

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      1. Mittlerweile taugt die Corona-Krise für Gamestar als Aufmacher um über hohe Spielerzahlen in Spielen zu berichten, auf Basis von Aussagen, was auf Quarantäne beschränkte Chinesen zum Zeitvertreib in ihrer Wohung unternehmen und auch nebenbei Videospiele dabei nennen.

        Man kann sich da echt nur noch an den Kopf fassen, wie intellektuell als auch soziokulturell beschränkt manche Artikel dort erscheinen.

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