Medienkritik

„Luxus in der Krise“: Wie 4Players am Coronavirus scheitert

CN: Erwähnung von Suizid

Es kommt die Zeit, die unausweichliche Zeit, in der man sich auf das Wesentliche besinnt und feststellt: Vielleicht sollten Spielejournalist*innen einfach mal die Klappe halten. Es scheint, als sei diese Zeit jetzt gekommen. Genauer gesagt: schon wieder.

Nicht der erste, aber nun aktuelle Auslöser: ein Kommentar vom 4Players-Chefredakteur, der so beginnt:

„Luxus in der Krise“

Oha, könnte man jetzt denken, endlich eine antikapitalistische Kritik an Videospielen in Zeiten der Krise, eine wohlfeil formulierte Antwort an jene Magazine, die zu nichts mehr fähig sind als Artikel der Sorte „3 Spieletipps für Zuhause“. Wer den „kritischen, ehrlichen, subjektiven“ Journalismus von 4Players kennt, weiß: es kommt schlimmer.

Mit einem krummen Bildnis fängt der Chefredakteur an und erinnert an seine Zeit bei der Bundeswehr. Statt „Bites und Bytes“ gab es „Bier und Babes – zumindest auf Postern“.

Mit ABC-Schutzmaske rannte der Chefredakteur durch einen Tunnel und beruhigte einen Kameraden. Alles nur eine Übung, keine Gefahr, heißt es. Und doch stellte er sich eine wesentliche Frage:

„Könnte es tatsächlich nochmal einen Krieg geben?“

Nein, nur das Coronavirus. Oder wie es bei 4Players heißt:

„Jetzt haben wir eine richtige Krise, in der es wirklich um Menschenleben geht und der Alltag drastisch verändert wird. Das ist keine Übung, sondern tatsächlich ein Ernstfall. Bei all der Tragik für all jene, die gerade Verwandte, ihren Job oder ihr Geschäft verlieren: Eine Epidemie ist kein Krieg. Niemand muss an eine Front, wir müssen nicht um unsere Kinder fürchten oder vor Bomben flüchten.“

Der Erinnerung an all jene, die einen geliebten Menschen verloren haben, einen Satz folgen zu lassen, der buchstäblich aussagt, eine Epidemie sei jetzt aber nun wirklich kein Krieg, lässt ernsthaft zweifeln an einem gesunden Maß an Empathie. 4Players spielt zwei Krisen gegeneinander aus, führt eine Bewertung ein, die verlorene Menschenleben nach einer Viruserkrankung als nicht so schlimm erachtet wie das Sterben an einer Kriegsfront. Solange keine Bomben fallen, ist das Ganze wohl noch nicht so schlimm.

Eine Epidemie sei kein Krieg, nein, laut 4Players gibt es sogar ein Gegenteil:

„Im Gegenteil: In dieser Krise steckt ein großer Luxus.“

Das steht da so. Und während das da steht, so richtig in echt und in aller Ernsthaftigkeit, die ein Magazin namens „4Players“ besitzen kann, will man vielleicht brechen. So richtig übel brechen möchte man, weil ein Spielejournalist in dieser Krise einen Luxus erkennt, wo andere seit Monaten tagtäglich Leid sehen. In was für einer überheblichen Realität muss dieser Chefredakteur leben, damit er tatsächlich einen redaktionellen Kommentar schreiben kann, der schlussfolgert, in einer Krise, die über 17.000 Menschen das Leben gekostet hat, stecke ein Luxus, nein, mehr noch, ein „großer“ Luxus?

Wie die Realität unter anderem aussieht, weit weg vom Sitz der Redaktion in Hamburg:

  • An der türkisch-griechischen Grenze sitzen tausende Menschen fest. Schätzungen zufolge sind es zwischen 2.000 und 5.000 Flüchtlinge, die aus der Türkei Richtung Europa fliehen wollten. Auch wegen Corona sind die Grenzen nun allerdings dicht. Tränengas und Gummigeschosse wurden auf die Menschen abgefeuert. Es ist eine humanitäre Krise.
  • Die Flüchtlingslager in Griechenland waren bereits vor Corona in einem desolaten Zustand. In dem Lager Moria auf Lesbos müssen sich teilweise 500 Menschen eine Dusche teilen. Auf 20.000 Menschen kommen lediglich drei Ärzte und sieben Krankenschwestern. Pro Asyl schreibt über Moria: „Laut Ärzte ohne Grenzen gibt es keinen ernstzunehmenden Notfallplan für den Fall, dass Covid-19 das Lager erreicht. Simple Präventionsmaßnahmen wie regelmäßiges Händewaschen können nicht eingehalten werden.“ Beim Tagesspiegel heißt es dazu: „Bricht dort das Coronavirus aus, werden die Camps zur Todesfalle. Nach Einschätzung von Experten ist das eher eine Frage von Tagen als von Wochen.“
  • Die Welthungerhilfe warnt vor den Folgen der Corona-Epidemie in Afrika. So heißt es gegenüber der „Neuen Osnabrücker Zeitung“: „Es ist davon auszugehen, dass wir in den nächsten Wochen und Monaten dort viele Tote beklagen müssen. Damit werden auch Existenzen vernichtet, und die Armut könnte nicht zuletzt wegen der verheerenden wirtschaftlichen Folgen der Pandemie dort weiter ansteigen.“
  • Weltweit sind bislang mehr als 17.000 Menschen gestorben. In einigen Ländern wie Italien und Spanien, die in Europa besonders hart betroffen sind, melden teilweise einen Anstieg von Hunderten Toten innerhalb von nur 24 Stunden.
  • Bei Desinfektionsarbeiten haben spanische Soldaten mehrere tote Senioren entdeckt, die offenbar länger unentdeckt blieben, wie unter anderem Deutschlandfunk berichtet. Bereits in den vergangenen Wochen berichteten mehrere Medien über ein einziges Altenheim, in dem 20 Menschen, viele vermutlich nach einer Corona-Infektion, starben.
  • Bei SPIEGEL ONLINE heißt es zum Thema Arbeitslosigkeit: „In Norwegen ist die Arbeitslosenquote binnen eines Monats auf mehr als zehn Prozent gestiegen – wegen Entlassungen in der Coronakrise.“ Ende Februar habe die Quote noch bei 2,3 Prozent gelegen.

Nun mag eine in Hamburg ansässige Spieleredaktion wie 4Players nicht über die Stadtgrenzen hinaus denken, wobei das ja ziemlich bitter wäre, aber der weitere Text das leider bestätigt. So heißt es:

„Man kann sich abseits von Arbeit, Schule & Co auf das Wesentliche besinnen – auf sich, seine Freunde oder Familie. Man darf ja nicht vergessen, dass für viele auch Home Office und Zeit für Spiele etwas Kostbares ist. Man muss nicht täglich ins Büro, nicht in die Klasse oder zur Prüfung, nicht in den elenden Stau oder die übervolle Bahn.“

Es ist das vielleicht privilegierteste Stück Spielejournalismus seit Anbeginn der Zeit. „Auf das Wesentliche besinnen“ wird also in einer Zeit geschrieben, in der nicht wenige um das Leben genau jener „Wesentlichen“ bangen: das Leben von Freunden und Familie. Nicht ins Büro zu müssen, kann auch bedeuten: Nicht ins Büro dürfen, weil einige Kolleginnen und Kollegen an Covid-19 erkrankt sind und nun die Gefahr droht, sich angesteckt zu haben – in der heiklen Situation, an Vorerkrankungen zu leiden. Das ist eine mögliche Realität für nicht wenige Menschen.

Und jene, die im Home Office sitzen, ganz ohne Sorge um die eigene Gesundheit – aber als alleinerziehende Person zeitgleich auf zwei Kinder achten müssen, die sich in der Isolation gegenseitig auf den Kopf steigen – ob die sich auch „besinnen“?

Ein in Festanstellung matschig gesessener Gaming-Stuhl mag für den 4Players-Chefredakteur genug Sicherheit bieten, aber die in der Gastronomie schuftenden Menschen, die bereits jetzt ihren Job verloren haben, können den Luxus dieser Krise vermutlich nicht erkennen – und füllen nun vielleicht schon den Antrag für Hartz 4 aus. Für viele Studierende, die in ohnehin prekären Jobs gearbeitet haben, bricht eine Zeit an, in der sie nur mit Mühe – oder gar nicht – die Miete zahlen können.

Noch lange nicht am Ende der privilegierten Kräfte angekommen, rumpelt die anmaßende Kolumne gen verfluchte Frechheit. So heißt es:

„Man hat mehr Zeit zur Verfügung – auch für digitalen Spaß.“

Ja! So viel Zeit, die man als Mensch hat, der seine Therapie derzeit nicht weiterführen kann. Oder eine nicht überlebenswichtige, doch schmerzlindernde Operation verschieben muss, weil bereits jetzt Kapazitäten in Krankenhäusern entweder überlastet sind oder freigehalten werden. Und ohnehin all die Menschen, die einer Ausgangssperre ein ungeheuerliches Maß an Freizeit verdanken – was heißt das für sie? Häusliche Gewalt zum Beispiel.

Wie BBC vermeldet, soll laut der Pekinger Frauenrechtsorganisation „Weiping“ die Zahl der Beschwerden von Opfern häuslicher Gewalt dreimal so hoch sein wie noch vor der Quarantäne, schreibt unter anderem Heise in Bezug auf die Situation in China.

Das Wissenschaftsmagazin Science wird mit den Worten zitiert:

„Eine soziale Isolation über einen längeren Zeitraum kann das Risiko einer Vielzahl von Gesundheitsproblemen erhöhen.“

Wissenschaftler der Universität Toronto forschten nach der Sars-Epidemie 2003/2004 zu den psychologischen Auswirkungen. Das Ergebnis:

„[…] ein Drittel der Befragten [zeigten] Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und einer Depression“

Aktuell warnen Psychotherapeuten vor dem Anstieg von Suiziden als Folge von sozialer Isolation. Via „Neues Deutschland“ heißt es:

„Wir befürchten, dass beispielsweise die Zahl der Suizide steigen könnte, wenn die Kontaktsperre länger als zwei, drei Wochen anhalten sollte.“

Erst jetzt endet die Kolumne mit einem Knall, den der deutschsprachige Spielejournalismus in dieser Ignoranz wahrlich noch nicht gesehen hat.

„Zum ersten Mal steht die ganze Welt quasi still für Press Start.“

„Dieses Spielejahr 2020 wird jedenfalls nicht einfach so an der Gesellschaft vorbei rauschen. Es wird auf seine Art als etwas Besonderes in Erinnerung bleiben. Ihr solltet das Beste daraus machen.“

Das krakelige Weltbild des Chefredakteurs ist nun endgültig klar, und nach einer Kolumne, in der das Leid vieler Menschen nur erwähnt wird, um darauf zu verweisen, eine Epidemie sei nun wirklich kein Krieg, zeugt dieses Bild von einer ungeahnten Realitätsferne.

Das Ignorieren jeglicher Probleme, die nun auf Geflüchtete zukommen, auf Depressive, auf das Krankenhauspersonal, auf Alleinerziehende, auf Kurzarbeiter*innen, Selbstständige und befristet Beschäftigte, auf Hartz-4-Empfänger*innen, auf Menschen, die auf die Lebensmittel der Tafeln angewiesen sind, auf People of Color, die etwa in Berlin Angst vor willkürlichen Polizeikontrollen haben, auf Obdachlose, auf Menschen, die zu gesundheitlichen Risikogruppen gehören, das billigende Auslassen dieser Probleme legt eine gefährliche Unfähigkeit offen, das weltweite Ausmaß dieser Katastrophe überhaupt im Ansatz zu realisieren.

Wer von der Krise weniger betroffen ist oder das zumindest denkt, mag gut und gerne leben in diesem „besonderen“ Spielejahr 2020; und auch jene, die zu den oben genannten Personengruppen gehören und dennoch eine willkommene Abwechslung in Videospielen finden, sei die Ablenkung von Herzen und ohne jede Ironie gegönnt. Wer jetzt Doom Eternal oder Animal Crossing zockt und die Isolation damit erträglicher macht, handelt für sein eigenes Wohl – und somit richtig.

In dem Kommentar eines Chefredakteurs allerdings lesen zu müssen, man solle sich „besinnen“ und das „Beste“ aus dem „Luxus“ der Krise machen und die Zeit für „digitalen Spaß“ nutzen, läuft weit an der Realität unzähliger Menschen vorbei. Es ist eine unverblümte Schau der Privilegien, eine geradezu anmaßende Sicht auf eine globale Krise.

Der an Mitgefühl wenig interessierte Journalismus zerlegt sich innerhalb weniger Zeilen selbst; wo der Chefredakteur mit seiner kruden Bundeswehr-Anekdote nicht über die eigene Egozentrik hinauskommt, kann wunderbar das nach Aufmerksamkeit krakeelende Kind namens Spielejournalismus beobachtet werden. So beweist der Kommentar des 4Players-Chefredakteur erneut, wie verzichtbar und stillos der traditionelle Spielejournalismus bei dem Versuch, auch in unsicheren Zeiten redaktionell relevant zu sein, fast lächerlich scheitert.

Wenn der eigene Kosmos den besinnlichen Alltag der Privilegien selbst dann nicht überwindet, wenn eine globale Krise für Tod und Leid sorgt, dem sei ans Herz gelegt, vielleicht einfach kurz die Fresse zu halten.

3 Kommentare

  1. Der 4Players Kommentar steht eigentlch stellevertretend dafür, wie unempathisch die Gamerszene und insbesondere Spieleseiten mit dem Thema umgehen, und die globale Krise den Lesern als eine Art zu feierndes Gamerfest verkaufen.

    Meine Freundin hat beim surfen auf Spielseiten ein bemerkenswertes Fazit gezogen.
    „Sozial inkompatible Soziopathen“.

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    1. Das trifft es ganz gut, besonders bezogen auf den 4Players-Kommentar. Derzeit bestehen die meisten Magazine lediglich aus Artikeln, die Spiele für die „freie“ Zeit empfehlen. Das ist einerseits natürlich gut und wichtig, da vielen Menschen nun die Decke auf den Kopf fällt und ein Videospiel tatsächlich die Isolation erträglicher gestalten kann; andererseits ist es bemerkenswert, wie es kaum über solche Texte hinausgeht. Irgendwas Kluges, Empathisches, Nachhaltiges liest man bei GameStar, PC Games und Co einfach nicht. Wie das ganze aussehen kann, wüsste ich jetzt auch nicht im Detail, aber etwas anderes als einen Luxus in der Krise zu erkennen, gibt es bestimmt.

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      1. Wenn ich mir die Artikel und News der Magazine im Zusammenhang mit Corona durchlese, bringen Gamestar und co mehr Empathie und Besorgnis über die geplanten oder abgesagten Veranstaltungen, Projekte oder Filmproduktionen zum Ausdruck.

        „E3 2020 wackelt: Coronavirus könnte das Aus für die Spielemesse bedeuten“
        https://www.gamestar.de/artikel/e3-2020-wackelt-coronavirus,3355046.html

        „Wird Game of Thrones wegen Corona-Krise endlich fertig? George R.R. Martin schreibt jetzt täglich“
        https://www.gamestar.de/artikel/game-of-thrones-corona-krise-endlich-fertig-george-rr-martin-schreibt-taeglich,3355584.html

        „Coronavirus soll GTA & Red Dead Online nicht beeinträchtigen“
        https://www.gamestar.de/artikel/coronavirus-soll-gta-red-dead-online-nicht-beeintraechtigen,3355553.html

        Man darf ihnen aber zugute halten sich zwischenzeitlich in Artikeln um solziale- und hygienische Verhaltenstipps zur Krise bemühen.
        Mehr aber auch nicht.

        Doch auch diese Krise ist von keinem Redakteur im Rahmen einer Kolumne als Thema behandelt worden, noch rechne ich damit.
        Zu Weltgeschehen haben sie nie eine eigene Meinung, selbst wenn sie ihre Leser beschäftigt oder betrifft, was ich bedenklich finde, wenn Redakteure von ihrem journalistischen Recht der freien Meinungsäußerung im Rahmen von Kolumnen keinen Gebrauch machen können.

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