Spielepresse

GameStar und die Boulevard-Schlagzeilen: Drama, Baby!

Nach all den Podcasts, Videos und Diskussionen dürfte wohl jeder verstanden haben: Das GameStar-Magazin steht für seriösen Journalismus. Das hat die Redaktion sogar transparent aufgeschrieben. Nach 20 Jahren Firmengeschichte. Und das klingt dann so:

„Unsere Mission: Wir helfen euch, das Beste aus eurem Lieblingshobby zu holen – redaktionell unabhängig und mit hohem journalistischen Qualitätsanspruch.“

Dass der sogenannte GameStar-Kodex mehr Lippenbekenntnis als gelebte Realität ist (mal wieder), zeigt sich aktuell an einer zunehmenden Boulevardisierung der News-Berichterstattung. Das sieht zum Beispiel so aus:

reddead-news1

Was dürfte den Leser*innen nach so einer Schlagzeile erwarten? Ein, nun ja: kinoreifer Moment, wie sie Western-Klassiker wie „Erbarmungslos“ oder „Die glorreichen Sieben“ nicht besser zeigen könnten – genau das suggeriert die Headline.

Das Problem dieser Art von „News“ zeigt sich dann allerdings relativ schnell: ein lediglich 30-sekündiger Ausschnitt aus einem Kampf zweier Spieler*innen wird verlinkt, der nur leidlich spannend daherkommt. Zwei Spielfiguren rangeln miteinander, einer von ihnen fällt von einer Anhöhe, fertig. Die sanfte Grusel-Begrüßung „Good morning in the morning“ von Michael Wendler in seinen Instagram-Storys besitzt ein höheres filmisches Niveau.

Die GameStar-Community kommentiert die „News“ unter anderem wie folgt:

„30 sekunden Video mit einem Kampf der quasi 100 mal pro Minute vorkommt… ihr spielt nicht viel RDO bei der Gamestar oder?“

„Seid mir nicht böse aber das ist..doch ein ganz normaler Kampf wie er in Red Dead an jeder Ecke vorkommt“

„Wow, also die Vorstellung, was in der News auf mich warten könnte, war wirklich der Hammer. Hätte genau so aus „Erbarmungslos“ stammen können. Das tatsächliche Video… Naja, „Red Dead Online Gameplay“ wäre auch ein guter Titel gewesen.“

„Ne, also jetzt reicht es. Das ist keine News, das ist einfach Trash die Clicks durch das Spiel und der Überschrift generiert.“

„Also das war ja mal absolut nichts besonderes, das ist fast schon standard Gameplay gewesen.“

„Und wo ist jetzt dieser dramatische Kampf?“

„Das, was ich gerade zu sehen bekam, weicht extrem stark von dem ab, was ich nach der Überschrift erwartet habe.“

Eine Antwort der GameStar-Redaktion folgte bislang nicht.

Das Prinzip ist klar: Ein bei Reddit beliebtes Posting wird zu einer „News“ umgewandelt, die nichts Neues sagen kann, stattdessen auf einen viralen Beitrag hinweist – über Spiele, die auf GameStar.de vermutlich besonders beliebt sind. In diesem Fall: Red Dead Redemption 2.

Ein weiteres Beispiel vom 23. März bedient all die Voraussetzungen:

reddead-news2

  • Beliebtes Spiel? Red Dead Redemption 2.
  • Bei Reddit oft geklickt? Klar.
  • Irgendeine Neuigkeit enthalten? Null.

Natürlich muss es nicht immer ein Beitrag bei Reddit sein. Es geht auch ein YouTube-Video.

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Ja, und dann folgt da ein Video, an dessen Produktion die GameStar-Redaktion in keiner Weise beteiligt ist, schreibt ein paar unmotivierte Zeilen Text und verdient daran Geld. Es ist so einfach wie simpel.

Ein besonders schönes Beispiel lässt sich bereits an der Headline erahnen:

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Da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Tatsächlich enthält die News einen 41-sekündigen Clip, der den Lasso-Move erst nach 20 Sekunden zeigt, und der Move entstand aus einem Fehler im Spiel, der buchstäblich zur Eigenfesselung führt. Mehr kommt nicht, da fesselt sich irgendein Dödel einfach nur selbst.

Perfide an dieser Art der Berichterstattung ist der minimale Aufwand: Solche Beiträge lassen sich mühelos bei Reddit finden. Es bedarf keiner langen Suche im hintersten Internet. Ein GameStar-Leser äußert sich wie folgt zur „News“:

„In letzter Zeit tauchen wieder echt viele von diesen „News“ im Ticker auf. Ich finde das hat kaum noch was mit Journalismus oder Qualität zu tun. Hier werden teilweise Funposts auf Reddit mit <100 Likes kopiert und anschließend zu Artikeln verwurstet.

Wer sowas mag, der kann doch einfach auf Reddit schauen, da gibt es jeden Tag dutzende Kuriosa und lustige Beiträge zu einem Haufen von Spielen. Aber muss sowas wirklich als eigener Newsartikel hier auf der Gamestar stehen?“

Auf die sachlich geäußerte Kritik antwortete die Redaktion bis heute nicht.

Und weiter geht’s.

reddead-news6

So interessant das auch sein mag, offenbart sich an dem Beispiel ein weiteres Problem: Nur eine gewisse Beliebtheit führt zu Berichterstattung. Oder wie GameStar schreibt:

„Tatsächlich sind schon Spieler vor mosessargent85 auf das Massengrab gestoßen und haben ihre Entdeckung auf Reddit oder Youtube geteilt.“

Der daraufhin verlinkte Reddit-Eintrag hat lediglich 472 Upvotes. Das aktuelle Posting, das GameStar auf die News brachte, kann mehr als das Doppelte vorweisen. Die Logik scheint klar: Je mehr Menschen bei Reddit oder YouTube klicken, desto mehr werden das auch auf GameStar.de machen.

Besonders absurd – und demnach auch ein bisschen lustig – ist folgende „News„:

reddead-news7

Im Text heißt es dann:

„So berichten Spieler auf Reddit, dass sie in letzter Zeit immer häufiger zu einem Duell herausgefordert wurden – oder aber selbst andere Outlaws zu einem Duell herausfordern.“

Angeblich haben Spieler*innen dafür Regeln aufgestellt, die die Redaktion umfassend zitiert. Nur um dann in aller Ernsthaftigkeit ein Reddit-Video einzubetten, in dem die Regeln nicht eingehalten werden. Ein Beispiel, das Spieler*innen zeigt, die sich an die aufgestellten Regeln halten, zeigt GameStar nicht; die News endet abrupt nach dem Reddit-Eintrag, der die angeblichen Duelle falsch wiedergibt. Ein bisschen bizarr ist das schon.

Vor dem nächsten Beispiel sei erneut an das Zitat aus dem GameStar-Kodex erinnert:

„Unsere Mission: Wir helfen euch, das Beste aus eurem Lieblingshobby zu holen – redaktionell unabhängig und mit hohem journalistischen Qualitätsanspruch.“

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Wunderschön.

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Es kann nicht mehr abstruser werden – ist übrigens kein Gedankengang für die GameStar-Redaktion.

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Also, natürlich hat das Spiel absolut nichts prophezeit im Zusammenhang mit der aktuellen Corona-Krise, sondern sich lediglich über Hamsterkäufe lustig gemacht. Aber ach, das würde sich weniger gut klicken.

Klar, man kann das witzig finden, und ehrlich gesagt musste ich auch schmunzeln, als ich den Kommentar aus dem Spiel gelesen habe. Die journalistische Vorgehensweise ist hier allerdings nicht gegeben. Mal wieder basiert die „News“ auf einem beliebten Reddit-Eintrag, mal wieder verdient GameStar mit Inhalten anderer Geld, ohne viel Zeit zu investieren.

Derlei Witz- und Quatschmeldungen gehen schnell und sichtbar viral, werden vorher oft von englischsprachigen Magazinen verbreitet, die deutschsprachige Redaktionen dann aufnehmen, ohne dies kenntlich zu machen.

Ein weiteres Beispiel, zu dem GameStar derlei Meldungen verbreitet: GTA.

gtaonline1

In der Einleitung heißt es:

„Rockstar hat bereits versucht, diesen Glitch zu patchen, jetzt ist er zurück: GTA-Online-Spieler töten Ingame-Prostituierte, um damit besonders seltene und teure Autos zu duplizieren. Kein Witz!“

Wahnsinn, dieser „journalistische Qualitätsanspruch“, den die GameStar so oft kommuniziert, und der unter anderem darin mündet: In dieser Klon-News, die am 10. März veröffentlicht wurde, hat die Redaktion ein Video eingebettet, das mittlerweile nicht mehr verfügbar ist.

gtaonline2

Heftig.

monsterhunter1

Und dann besteht die „News“ aus fünf Tweets, die die Redaktion eingebunden hat und ein bissl Text. Minimaler Aufwand für maximale Monetarisierung.

Wie wenig Substanz manch eine „News“ hat, zeigt folgendes Beispiel:

polizeipayday

Da denkt man jetzt vielleicht, hui, das ist doch mal eine Story, aber dann heißt es weiter:

„Natürlich kann es gut sein, dass es sich bei den ertappten Räubern nicht um Spieler oder Payday-Fans handelt. Vielleicht war es auch einfach nur eine zufällige Wahl oder ihnen gefiel die Ästhetik der Clownsmasken, alles ist denkbar. Interessant ist dieser Fund allemal.“

Tja.

GameStar driftet hier rasant in die Gefilde der Schwesterseite GamePro, die nicht nur mit Clickbait und der Verbreitung von Fakes auffällt, sondern die inhaltsleersten „News“ der Branche textet.

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Und nun der aktuelle Vergleich mit GameStar.

„GTA 6: Weil Rockstar sich Zeit lässt, werden die Fans selbst aktiv“

Es lässt sich nicht annähernd erahnen, was nun eigentlich der Inhalt der „News“ ist. Wer klickt, erfährt: Reddit-Einträge, die selbstgemachte GTA-Logos enthalten. Immerhin ist noch ein kleiner Unterschied zwischen GameStar und GamePro feststellbar: GameStar hat die völlig absurde Headline inzwischen geändert.

„GTA 6: Warum im Netz massenhaft Logos im Vice City-Style auftauchen“

Die Redaktion verzichtete übrigens darauf, transparent aufzuzeigen, warum die Headline geändert wurde. Dazu heißt es im GameStar-Kodex:

„Bei sämtlichen Artikeln und Videos auf GameStar.de gilt das Vier-Augen-Prinzip, das heißt die Inhalte werden wann immer möglich von einer zweiten Person überprüft. Sollte uns trotz aller Sorgfalt ein inhaltlicher Fehler unterlaufen, werden wir diesen Fehler schnellstmöglich und transparent korrigieren.“

Warum eine Erläuterung in der News fehlt, bleibt indes unklar.

Exemplarisch für die Annäherung an die GamePro-Qualität steht zudem folgende „News„:

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Fünf Reddit-Postings enthält der Artikel und ein bisschen Blabla. Zumal der News-Inhalt eventuell nicht zur Wortwahl der Redaktion passt, wie ein Community-Mitglied in den Kommentaren anmerkt:

„Hm. Die angeführten Beispiele sind doch aber, im eigentlichen Wortsinn, gar keine Lore, oder? Lore ist doch eher ein Kompendium aus Mythologie und Hintergrundgeschichten, meine ich. Hier geht’s aber offenbar eher um „Vordergrundgeschichten“ – also Dinge, die der Spieler aktiv selbst erlebt (bzw. so tut als ob er sie erlebt hätte).“


Auch in der Berichterstattung auf YouTube lässt sich eine zunehmende Emotionalisierung und somit Verzerrung der Inhalte feststellen. Als Teil des News-Formats sprach die Redaktion kürzlich über eine anzügliche Modifikation für Red Dead Redemption 2 und titelte wie folgt:

youtube-bullshit

Der offensichtliche Fehler prangt in der Überschrift.

„RDR2 – Publisher droht: „Niemand soll diese Mod spielen!“

Die Headline suggeriert eine wörtliche Rede und somit, der Publisher von Red Dead Redemption 2 habe dies – wo auch immer – geäußert. Doch das ist nie passiert. Im Video selbst heißt es dazu im betreffenden Abschnitt:

„Aktuell liegt noch keine Stellungsnahme von TakeTwo vor.“

Das heißt: Die Überschrift war glatt gelogen. GameStar änderte die Headline gleich zwei mal. Zunächst hieß es:

„RDR2 – Publisher droht Modder mit dem Anwalt“

Daraus machte GameStar später die nun finale Überschrift:

„RDR2: Rockstar hat WIEDER Ärger mit Hot Coffee Mod“

Problematisch ist an dem Beispiel auch das YouTube-Thumbnail, in dem der Moderator pikiert die Hand vor den Mund hält, weil die Modifikation sexuelle Handlungen zeigt und thematisiert. Passend dazu schrieb die Redaktion in einem kürzlich bei GameStar-Plus veröffentlichten Artikel:

„Entscheidend dafür [für Klicks] sind bei YouTubern neben absurden Vorschaubildern, den Thumbnails, die teils irreführenden Videotitel, wie »Ich reagiere auf GTA 6 Trailer«.“

Ein Erwachsener, der sich im Angesicht von Sex und Erotik schockiert ins Gesicht fasst, dürfte in der Kategorie „absurde Vorschaubilder“ ganz oben mitspielen.


Ebenfalls in die Irre führt GameStar bei dieser Überschrift vom 22. März:

gtafake

Die Frage in der Headline täuscht; es handelt sich nicht etwa um einen nicht verifizierbaren, aber sicheren Leak, der etwas in der Hinsicht andeutet. Im Gegenteil, das verlinkte Video ist ein von Fans erstelltes Konzept, wie GTA 6 in London aussehen könnte.

Zu jedem Zeitpunkt ist und war das deutlich. Nahezu dreist bewirbt GameStar hier eine News mit einer irreführenden Frage in der Überschrift, die suggeriert, es könnte ja irgendwie doch möglich sein, obwohl die Antwort der Frage bereits vorher eindeutig geklärt ist, nämlich „nein“. Diese Übertreibung nennt man gemeinhin „Clickbait“.

Amüsant wird es dann, wenn der gleiche Autor der „GTA 6 in London“-News am 11. März, also nicht mal zwei Wochen zuvor, in einer anderen GTA-News folgendes schrieb:

„Ich weiß, mittlerweile könnt ihr es genauso wenig mehr sehen wie ich: Gefühlt jede Woche kommt ein neuer potentieller Leak zu GTA 6 um die Ecke und ein Gerücht folgt auf das nächste.“

So richtig scheint das niemanden in der Redaktion zu jucken, ob jemand etwas nicht mehr sehen kann; hauptsache, es klickt geil, und jeder weiß: GTA 6 klickt am richtig geilsten.

Das scheint auch für Star Wars zu gelten, anders kann man sich folgende „News“ nicht erklären:

starwarsglitch

Ein Nicht-Spieler-Charakter in Form eines Droiden wird von einem Spieler angegriffen, und plötzlich greift der Droide zur Waffe. 30 Sekunden Reddit-Inhalt wird ausgedehnt auf eine stattliche „News“, die einen vermeintlichen Kontext zu anderen Killerdroiden beinhaltet, aber eigentlich nur zur Verlinkung weiterer GameStar-Inhalte dient.

Als Plattform für unzählige Communitys gleichzeitig, wird Reddit in der digitalen Berichterstattung immer wichtiger. Wie überhöht die GameStar-Redaktion einige Inhalte darstellt, passt zwar zum Clickbait-Zeitgeist, lässt aber jede journalistische Qualität missen. Wie in diesem Fall:

thedivisionstillstand

In einer PvP-Zone haben Spieler*innen also einen Waffenstillstand geschlossen, und man denkt da jetzt an eine große, üppige Aktion, eine, die der Überschrift eben kein Einhalt bietet, sondern noch größere Ausmaße annimmt, dutzende Spieler*innen, die sich Stunden lang aus der Bibel vorlesen oder dergleichen.

Viele jener Reddit-Storys haben jedoch eines gemein: sie sind weit weniger spektakulär, als die Überschriften versprechen. Das bei Reddit veröffentlichte Bild zur Situation in der PvP-Zone zeigt sechs Spieler*innen, die nicht miteinander fighten. Sechs. Es heißt zwar, nicht alle Beteiligten befänden sich auf dem Screenshot, wie viele es aber letztlich waren, bleibt ungeklärt.

Sechs Menschen – vielleicht mehr, eventuell auch nicht – stehen also still für einen Screenshot, und der betreffende User schreibt drei Zeilen ohne jede Vorgeschichte zu dem Bild; daraus wird ein friedlicher Waffenstillstand in der Todeszone oder wie es GameStar tatsächlich umschreibt:

„herzerwärmende Geschichte“

Stünde bei Reddit eine Geschichte, die mehr als drei Zeilen Text enthält, die Kontext liefert, die Aktionen der Mitspieler*innen beschreibt, irgendetwas Handfestes liefert, dann wäre das eine Geschichte. Unter Umständen. In der GameStar-Community äußern sich einige User kritisch.

„Ich hab so was bei The Division 1 regelmäßiger erlebt, ich finde da jetzt nichts so besonderes dran….“

„So selten ist das ja jetzt auch nicht, dass man da gleich ne Meldung dazu machen muss und es als einzigartig ausgibt. Nur, weil n paar Reddit-Kommentare sagen, das ist ne „once in a lifetime chance“. So repräsentativ sind Reddit-Kommentare auch nicht.“

„Passiert häufiger, als man denkt. Hat auch viel damit zu tun, dass viele das erzwungene PVP satt haben.“

Dazu muss man wissen: Die Darkzone in The Division 2 ist eben nicht nur auf Spieler-gegen-Spieler-Gefechte ausgelegt. Ein wichtiger Aspekt ist die Erbeutung von Loot und somit auch die Kämpfe gegen Nicht-Spieler-Charaktere, die sich ebenfalls in der Darkzone tummeln. Stundenlang kann man durch die Gegend tingeln und nicht auf einen einzigen feindlich gesinnten Spieler treffen.


Die Probleme derlei News zeigen sich also relativ schnell: Einer vermeintlichen viral gegangenen Geschichte wird ein gewisses Maß an Unterhaltung beigemessen, die sich hervorragend für Teaser und Headline verwursten lässt, im Fließtext und Betrachtung der eigentlichen Geschichte jedoch nichts davon einhalten kann.

Der kinoreife Moment aus Red Dead Online ist eine unübersichtliche Rangelei zweier Mitspieler*innen mit aufploppenden In-Game-Menüs; Gemeinsamkeiten zwischen dem Kampf im Spiel und denen in einem Western sind schlicht nicht auszumachen. Der „herzerwärmende“ Waffenstillstand zeigt sechs Burschen und Burschinnen, die nicht ballern, sondern sitzen, in einem Modus wohlgemerkt, der genau das zulässt.

Während der Alltag der News-Berichterstattung von Zahlen und Statistiken geleitet wird und selten eine emotionale Überschrift möglich ist, übernimmt Reddit als Plattform die Auswahl durch die Komponente der Beliebtheit. Zu Marken, die (spekulativ) bei GameStar oft geklickt werden – etwa GTA, Red Dead Redemption oder Star Wars – werden die sogenannten Sub-Reddits abonniert und dann jene Beiträge zur News-Verwurstung ausgewählt, die einerseits eine gewisse Klick-Stärke bei Reddit bewiesen haben und zeitgleich ein großes Potenzial für griffige Schlagzeilen bieten.

Da fallen emotionale Schlagwörter wie „Killermaschine“ und „Mörder“, die entweder „dramatisch“ oder „kinoreif“ etwas angeblich total Bizarres, Verrücktes oder Herzerwärmendes machen.

Nun mag jede*r anders empfinden, ob derlei Storys unterhalten oder nicht. Warum die GameStar-Redaktion den Kritiker*innen dieser Art von News allerdings so schweigend gegenübersteht, bleibt unklar. Souverän ist das Ignorieren der Kritik jedenfalls nicht.

Der journalistische Qualitätsanspruch, den die GameStar einhalten will, wird im Kodex von dem Punkt der „Unterhaltung“ konterkariert. Dort heißt es, man wolle nicht nur „seriös“ berichten, sondern gleichzeitig auch „unterhalten“. GameStar könne auch über sich und die Branche lachen und mit einem „Augenzwinkern die Spiele-Branche aufs Korn“ nehmen.

Sieht die Realität dieser Richtlinie jedoch so aus, dünne Geschichtchen im Rahmen einer überdrehten Schlagzeile auf Halb-Clickbait zu trimmen, ist ein journalistischer Qualitätsanspruch nicht mehr sichtbar. Nach offensichtlichen Kriterien werden Reddit-Postings ausgewählt und lustlos in „News“ gequetscht, die das eigentliche Prinzip der News ins Gegenteil überführen: nicht über Neues wird berichtet, sondern über plakative Unterhaltung mit dem bestmöglichen Effekt der Klicksteigerung.

Noch problematischer als ohnehin schon wird es, wenn nicht nur zufällige Videoaufnahmen von Bugs in populären Spielen verbreitet werden, sondern zunehmend auch aufwendigere Arbeiten in Form von YouTube-Videos für die eigenen Werbeplätze genutzt werden. Weder die Reddit-Nutzer*innen noch die übrigen Contentcreator werden mutmaßlich an den Umsätzen von GameStar beteiligt, obwohl jene Inhalte im Stil von Drama und Pomp die Werbeplätze der GameStar pushen.

Man kann das natürlich so machen, man darf sogar darüber lachen, sich herzlich amüsieren und unterhalten fühlen. Eine Redaktion wie GameStar muss sich aber fragen, warum der dutzendfach geäußerte Qualitätsanspruch an die eigene Arbeit plötzlich nicht mehr gilt, wenn ein Beitrag auf Reddit zwei mal öfter beachtet wird als üblich.

Eine deutliche Zunahme dieser News ist in jedem Fall ein Indiz für eine Boulevardisierung bestimmter Teile der Berichterstattung. Überschriften verkürzen oder emotionalisieren, und die eigene Arbeit der Redaktion besteht darin, sich die beliebtesten Einträge der vergangenen 24 Stunden bei Reddit anzeigen zu lassen.

Das ist sicherlich alles, nur nicht journalistisch.

4 Kommentare

  1. Danke für den gut recherchierten Überblick, was bei Gamestar wegen Reddit Themen seit längerem schiefläuft.

    Gamestar scheint erhebliche Probleme damit zu haben, interressante Themen in Artikel zu binden, und schreiben dabei auf niedrigsten Niveau kostenlosen user generated content zwecks monetärer Verwurstung ab. Das schlimme ist noch, oft haben die Autoren/innen selber keine blassen Schimmer worüber sie abschreiben, weil sie den Kontext selber nicht verstehen.

    Ein bissiger und treffender Kommentar ist mir recht gut in Erinnerung geblieben.
    „Wenn Gamestar so einen guten Draht zur Branche hat, warum treibt sie sich so oft auf Reddit herum?“

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    1. Witzig ist ja, dass dieser Draht zur Branche schlicht auf Reichweite beruht. Würde Gameswelt oder 4Players ähnliche Zahlen erreichen, wäre davon nichts übrig. Für die PR-Agenturen zählt lediglich Reichweite, die sie an die internationalen Auftraggeber oder Vorgesetzten weiterleiten müssen. Allein das fast vollständige Fehlen von investigativen Berichten, die auf diesen Kontakten basieren, zeigt ja, dass GameStar höchstens zu deutschsprachigen Unternehmen einen besseren „Draht“ hat, aber auch nur, weil kein Magazin ein größeres Gaming-Publikum in Deutschland erreicht.

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  2. Würde dir mal raten Mein-MMO.de anzuschauen. Von dort haben sie anscheinend diese unsäglichen Überschriften. Deren Artikel sind wie FAQs aufgebaut und alle Artikelbilder sehen echt übel aus. Als würden Kinder sie gestalten mit grellen Outlines und so. Die gehören doch auch zu Webedia und haben doch bestimmt Grafiker aber sie basteln da lieber selbst so peinliches Zeug.

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    1. Ja, Mein-MMO ist teilweise eine riesige Shitshow. Irgendwo zwischen Anbiederung an ein jüngeres Publikum und Boulevard-Quatsch. Hatte die Seite lange nicht auf dem Schirm. Mittlerweile ist da tatsächlich eine gewisse Annäherung zu sehen zwischen GameStar und Mein-MMO, zumindest in der Art der Überschriften.

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