Spielepresse

GameStars Umgang mit Quellen: Und zwischendurch ein Bilderklau?

Ein berühmtes Sprichwort besagt: Erst mit einem Wikingerhelm kannst du als Revolverheld überleben. Woher das Zitat ursprünglich stammt, weiß ich nicht mehr, und das ergibt eine fast gute Überleitung zum aktuellen Thema.

In mehreren Artikeln hat sich GameStar seit Veröffentlichung von Red Dead Redemption 2 den Geheimnissen und Mysterien des Western-Spiels gewidmet. Einer der Texte behandelt das Thema Wikinger, veröffentlicht am 6. Mai 2020.

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(Quelle)

Der Artikel enthält zwei Schwerpunkte:

  • Zeigen, wo drei verstecke Wikinger-Gegenstände zu finden sind, die Spieler*innen im Story-Modus benutzen können.
  • Erklären, wie die Wikinger-Gegenstände in die Story und Spielwelt von Red Dead Redemption 2 passen.

Zwei Bilder hat die GameStar-Redaktion eingefügt, die den Leser*innen Szenerie und Gegenstände zeigen sollen.

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(Quelle)

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(Quelle)

Dass die Bilder offensichtlich nicht von GameStar stammen, erwähnt die Redaktion allerdings nicht. Und das ist ein Problem.

Eine kurze Google-Suche ergibt:

  • Das erste Bild stammt von einem Artikel der Seite GTABase.com, erstveröffentlicht laut Google am 26. Oktober 2018. GameStar hat das Bild nach der Veröffentlichung des Textes ohne einen Hinweis oder eine Korrektur entfernt, am 11. Mai war das Bild noch enthalten.
  • Das – von GameStar beschnittene – zweite Bild stammt von der Seite VGTime.com, einer chinesischen Seite über Videospiele. Erstveröffentlicht am 8. November 2018.

GameStar gibt die Quellen nicht an. Nirgendswo. Nicht in der Bildunterschrift, nicht im Artikel selbst, nicht in den Kommentaren. Im Gegenteil, die Redaktion ignoriert vehement mehrere Hinweise auf die fehlende Quellenangabe.

So schreibt ein User im Kommentarbereich:

„jetzt wirds aber wirklich frech… „eure myterien reihe“ und quasi jedes Wort ist aus anderen Quellen abgeschrieben oder nur übersetzt und sogar die screenshots sind nicht von euch, meinetwegen sammelt halt die Mysterien, aber seid wenigstens so ehrlich und schreibt dazu das ihr nur das sammelt und hier aufzeigt was andere entdeckt haben und in entsprechende Artikel, Videos oder was weiß ich gepackt haben bei denen ihr euch nur bedient.“

Wie reagiert GameStar auf diese Anschuldigungen? Gar nicht. Weitere kritische Bemerkungen bleiben ebenfalls unbeantwortet.

Am 8. Mai habe ich die GameStar-Redaktion bei Twitter auf das Problem hingewiesen. Ebenso am 9. Mai, am 10. Mai und am 11. Mai. Wie reagierte GameStar? Gar nicht.


Die von GameStar genannte „Mysterien-Reihe“ über Red Dead Redemption 2 enthält noch weitere Artikel – und noch mehr problematische Bilder. Etwa in diesem Fall vom 19. März 2020:

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(Quelle)

Kern der Geschichte ist ein Ladenbesitzer aus dem Spiel, den GameStar mit folgendem Bild zeigt:

teufelverfolgung2

Originalquelle GameStar? Nein. Das Bild scheint aus einem Video des Kanals „forrestgumball“ aus dem Jahr 2018 zu stammen.

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Die exakt gleiche Geldsumme oben rechts im Bild zeigt eindeutig, dass hier nicht nur zufällig das selbe Outfit von zwei verschiedenen Menschen getragen wurde. Eine Quelle nennt GameStar erneut nicht.


Nächstes Beispiel: 

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(Quelle)

Natürlich hat nicht GameStar das Geheimnis gelüftet, wie die Überschrift suggeriert. Zwei Bilder hat die Redaktion im Text eingebunden, die von einem Fandom-Wiki zu Red Dead Redemption stammen und die ein User namens „Hectorlo55“ hochgeladen hat.

Bilder von Wikis zu übernehmen, ist zunächst kein Problem, sofern man einige Bedingungen beachtet – gerade als kommerzielles Magazin. Die Wikis von Fandom etwa nutzen eine bestimmte Lizenz, die das Portal so umschreibt:

„Alle Benutzer, die zu einem FANDOM-Projekt beitragen, das unter einer CC-BY-SA-Lizenz steht, erlauben der Allgemeinheit die Wiederveröffentlichung und Nachnutzung ihrer Beiträge für jegliche – auch kommerzielle – Zwecke gemäß der CC-BY-SA-Lizenz. Diese Nutzung ist erlaubt, sofern eine Namensnennung stattfindet und die gleiche Freiheit der Weiternutzung und Wiederveröffentlichung für sämtliche abgeleiteten Werke gilt.“

Die Non-Profit-Organisation „Creative Commons“ erklärt die Lizenz „CC BY-SA“ so:

„Sie dürfen:

Teilen — das Material in jedwedem Format oder Medium vervielfältigen und weiterverbreiten

Bearbeiten — das Material remixen, verändern und darauf aufbauen
und zwar für beliebige Zwecke, sogar kommerziell.“

Aber nur …

„Unter folgenden Bedingungen:

Namensnennung — Sie müssen angemessene Urheber- und Rechteangaben machen, einen Link zur Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Diese Angaben dürfen in jeder angemessenen Art und Weise gemacht werden, allerdings nicht so, dass der Eindruck entsteht, der Lizenzgeber unterstütze gerade Sie oder Ihre Nutzung besonders.

Weitergabe unter gleichen Bedingungen — Wenn Sie das Material remixen, verändern oder anderweitig direkt darauf aufbauen, dürfen Sie Ihre Beiträge nur unter derselben Lizenz wie das Original verbreiten.“

Ein Magazin wie GameStar darf Bilder der Fandom-Wikis benutzen und verändern, muss aber Urheber- und Rechteangaben erwähnen. Doch die fehlen im Text. Mit keinem Wort weist die Redaktion auf Fandom oder den User „Hectorlo55“ hin.


Nicht nur bei Bildern scheint sich die Redaktion bedient zu haben. Das alleinige Konzept der sogenannten Mysterien-Reihe baut auf Inhalte anderer auf. Ein User kommentiert dies so:

„Also ich hatte bisher nicht den Eindruck, dass das „eure“ Mysterien-Reihe ist, sondern die vom Strange Man, die ihr laufend übersetzt und ausstaffiert. Ist natürlich legitim; er ist ja nicht der Einzige, der sowas finden und kombinieren kann – und auch er hat sich oft genug bei z.B. GTAForums bedient. Das dann als „eure Reihe“ zu bezeichnen finde ich dann aber schon ein bisschen anmaßend, wenn ihr zum Teil (kann den Anteil nicht ganz einschätzen) seine Recherchen nutzt.“

Jeder Beitrag der Reihe enthält entweder YouTube-Videos, Bilder oder Reddit-Einträge, die Menschen abseits der Redaktion erstellt haben – und das teilweise viel früher als die GameStar. Zwar verlinkt GameStar auf die entsprechenden Inhalte, nennt sie aber nicht explizit als Quellen.

Dass die GameStar-Redaktion aber tatsächlich mehrere Bilder ohne Nennung der Quelle in die eigenen Artikel einbindet, ist mehr als befremdlich. Es dauert keine fünf Minuten, eigene Screenshots der jeweiligen Fundorte im Spiel zu erstellen.

Problem: GameStar verdient Geld mit diesen Artikeln. Mit 5,9 Millionen Unique-Usern im April 2020 verfügt GameStar über eine riesige Reichweite. Ob die Ersteller*innen der Originalquellen an den Umsätzen beteiligt werden, ist nicht bekannt. Angesichts des zweifelhaften Umgangs mit Quellenangaben sollte man nicht davon ausgehen.


Abseits der Mysterien-Reihe nutzt GameStar offenbar ebenfalls Bilder aus anderen Quellen und gibt diese nicht an. In einem Guide, der erklärt, wie man das „beste Pferd“ des Spiels erhält, nutzt die Redaktion ein Bild, das bereits vor der Erstveröffentlichung des Textes im November 2019 im Netz zu finden war. Woher das Bild stammt, ist schlicht unklar, da viele Blogs, Videos und Seiten das Bild ebenfalls ohne Nennung von Quellen nutzen.

Es kann sogar sein, dass es von Rockstar stammt. Nur: Wie soll man das herausfinden? Wenn Bilder nicht offiziell als Bilder vom Hersteller markiert werden, weiß niemand mehr, wo hinten und vorne ist. Möglich wäre es sogar, dass GameStar zuvor die Erlaubnis der betroffenen Seiten eingeholt hat – doch wenn weder die Redaktion auf Kritik eingeht, noch in den Texten ein entsprechender Hinweis zu finden ist, lässt sich das nicht überprüfen.

Weiter geht’s: In einem Guide zum Jagen legendärer Tiere nutzt GameStar eine Grafik, die offenbar erneut vom Fandom-Wiki stammt. Eine Nutzung der Inhalte ist möglich, aber nur unter Nennung der Quellen – worauf GameStar erneut verzichtete.


Mehrfach sachlich geäußerte Kritik auf verschiedenen Kanälen wird von GameStar ignoriert, obwohl Leserinnen und Leser einen validen Punkt ansprechen – einen, der sogar im sogenannten GameStar-Kodex verankert ist.

„Falls wir für unsere Artikel und Videos auf Fremdquellen zurückgreifen, prüfen wir diese zuvor auf Glaubwürdigkeit und verlinken sie transparent im Text.“

Die Angabe von Quellen in der Bildunterschrift gehört zum kleinen Journalismus-Einmaleins. Es erfordert keine Expertise und keinen Mehraufwand. Erneut beweist GameStar also, wie genau die Redaktion die eigenen journalistischen Richtlinien nimmt.

Nämlich nicht ganz so genau.

2 Kommentare

  1. Nur so ein Gedanke bzw. eine Frage die ich mir beim lesen gestellt habe, will damit gar nicht gegen die Inhalte hier anwettern:

    Gibt es überhaupt ein Urheberrecht bei den FanWikis?

    Grundsätzlich handelt es sich ja um Material das eigentlich Rockstar gehört (auch abgeleitete Werke wie ersichtlich an den ganzen Lets Play Diskussionen mit Nintendo), die jedoch den WikiNutzern erlauben dieses zu nutzen. Deren Lizenzangabe ist damit ja eigentlich irrelevant, da sie sicherlich nicht das Recht haben diese Bilder unter einer neuen Lizenz zu veröffentlichen. Wenn GameStar nun eine Erlaubnis von Rockstar hat (was sie ja müssen da sie schon über das Spiel geschrieben haben) könnte dies deren Nutzung abdecken.

    Ist jetzt nur wild spekuliert, natürlich wäre eine Angabe sicherlich sauberer und mal antworten würde auch nicht schaden.

    Liken

    1. Danke für deinen Kommentar!

      Ganz so einfach ist das Thema leider nicht. Die Lets-Play-Diskussionen, die du erwähnst, sind ja längst nicht so simpel. Nintendo wurde harsch kritisiert, längst nicht jeder Hersteller handhabt es ähnlich, im Gegenteil.

      Zumal es bei Wikis ja noch größere Unstimmigkeiten gibt. Was ist erlaubt, was nicht? Die Fandom-Wikis arbeiten ja explizit mit Inhalten aus Popkultur und Videospielen. Ohne die Abbildung der jeweiligen Inhalte würde vieles nicht funktionieren. Entsprechend würden Wikis es kommunizieren, sofern Hersteller die Rechte an Bildern oder generelleren Inhalten für sich beanspruchen. Schließlich müsste man sich fragen, was als nächstes kommt: Erst die Bilder, dann die schriftliche Wiedergabe von Inhalten, wozu überhaupt ein Spiel kaufen, wenn man nichts verbreiten darf?

      Die von dir erwähnte Erlaubnis existiert so vermutlich auch nicht. Redaktionen können in Form von Videos, Texten und Bildern über Spiele berichten, wie sie wollen. Da braucht es keine Erlaubnis. Lediglich im Falle einer Vorabberichterstattung wird meist ein NDA unterschrieben, in der auch die Bildnutzung geregelt ist; entweder werden vorgefertige, meist geschönte Bilder zur Verfügung gestellt oder die Redaktion darf in der Preview-Version eigene Bilder aufnehmen und verwenden (was seltener der Fall ist). Eine generelle Erlaubnis von Bildern gibt es dabei nicht, zumindest hab ich das in meiner aktiven Zeit in der Branche nie erlebt. Das wäre schließlich eine Einflussnahme auf die Berichterstattung, wenn ein Hersteller nach generell freiem Zugang zum Spiel bestimmen darf, welche Bilder verwendet werden dürfen und welche nicht.

      Ich versteh natürlich, worauf du hinaus willst. Juristisch hab ich keine Antwort darauf, bin mir aber sicher, dass ein Handeln wie von Nintendo bei Lets-Plays nicht standhalten könnte, wenn ein Hersteller das auf tatsächlich journalistische Berichterstattung oder Wikis ausweitet. Ebenso denke ich, dass die Fandom-Wikis, die werbefinanziert von einem Unternehmen stammen, sich bewusst sind über Urheberrechte. Selbst wenn in den Rockstar-AGBs steht, dass die Urheberrechte bei Rockstar bleiben bei Inhalten, die im Spiel erstellt werden, bleibt fraglich, ob das rechtlich haltbar ist.

      So oder so: kompliziertes Thema. Wie du sagst, abgesehen davon wäre eine Quellenangabe immer besser.

      Liken

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