Medienkritik

Angeblich das beste Spiel der Welt: GamePro schreibt eine Preview

Eigentlich wollen sie sich voneinander abgrenzen, machen dann aber doch alles gleich: die Webedia-Magazine GameStar, GamePro und Mein-MMO. Jede der drei Redaktionen fügen der Textsorte „Preview“ mittlerweile einen Pro-Contra-Kasten ein.

Eine aktuelle Preview der GamePro-Redaktion vom 29. August zeigt (erneut) herrlich absurd auf, warum das neue System nicht funktionieren kann.


(GamePro.de)

Laut GamePro habe die Redaktion sich von Tunic selbst überzeugen können:

„Das Indie-Spiel, das früher einmal Secret Legend hieß, wird dieses Jahr in der digitalen Indie Arena Booth der gamescom 2020 gezeigt. Das niedliche Action-Adventure, das sich eindeutig an Link und seine Abenteuer hält, wird auf der Videospielmesse mit einer Demo vertreten sein, in der wir uns selbst ein Bild davon machen können, wie viel Zelda dem Spiel wirklich gut tut.“

Im folgenden Text geht GamePro sehr genau auf die einzelnen Gameplay-Mechaniken ein. In den Kämpfen nutze man „diverse Waffen gegen unterschiedlich starke Gegner“ und sammle „von besiegten Gegnern Schätze ein […]“. Tunic richte sich an „Action-Adventure-Fans“.

„Das Ziel des Entwicklers ist es „Gefühle klassischer Action-Abenteuerspiele hervorzurufen“. Wer sich da angesprochen fühlt und mit dem starken, wenn auch niedlichen Zelda-Stil klar kommt, der dürfte in Tunic ein niedliches Singleplayer-Abenteuer finden.“

Wann Tunic erscheint, sei indes noch unklar. GamePro schreibt:

„Es ist aber davon auszugehen, dass die Zelda-Hommage, die von Finji vertrieben wird, frühestens Ende 2020 erscheint. Und das auch nur für Xbox One, Xbox Series X und für den PC auf Steam. Zumindest vorerst, denn Tunic ist ein Xbox Console Launch Exclusive.“

Was nun folgt, ist der ominöse Pro-Contra-Kasten. Als Einleitung dafür schreibt die Redakteurin:

„Auf den bisherigen Infos basierend gibt es einige Dinge, die bei Tunic positiv herausstechen. Ob sich die Contra-Punkte mit der Zeit in Luft auflösen, wird sich noch zeigen müssen, wenn es mehr zum Spiel gibt.“

Die Pro-Spalte sieht noch harmlos aus:

Die Formulierung „mögliche Alternative“ weist darauf hin, dass es sich um eine Preview handelt, sorgt aber für das erste Zucken in der Augenbraue. Warum ist es ein Pro-Punkt, wenn ein Spiel sich an bekannten Vorbildern orientieren will? Daraus allein entsteht keine Qualität.

Problematisch wird die Preview bei den Contra-Punkten.

Äh, ja, wo soll man da anfangen? Bei der „angeblich trägen Steuerung“? Hier erneut das eingangs erwähnte Zitat:

„Das niedliche Action-Adventure, das sich eindeutig an Link und seine Abenteuer hält, wird auf der Videospielmesse mit einer Demo vertreten sein, in der wir uns selbst ein Bild davon machen können, wie viel Zelda dem Spiel wirklich gut tut.“

Das heißt: Tunic war im Rahmen der Gamescom 2020 spielbar. Und offenbar hat GamePro das auch getan, denn sie schreiben davon, wie „wir uns selbst ein Bild davon machen können“. Dazu gehört eigentlich auch die Steuerung des Fuchses, weil, äh, die erlebt man halt selbst, wenn man etwas spielt. In der Demo von Tunic war der Fuchs natürlich spiel- und somit steuerbar. Das legen auch Gameplay-Videos von der Demo nahe.

Wieso schreibt GamePro also, die Steuerung sei „angeblich träge“? Entweder hat man während der Demo beim Anspielen den Eindruck bekommen, die Steuerung sei träge – oder eben nicht. Das Wort „angeblich“ impliziert, GamePro habe Tunic eben doch nicht gespielt. Auch andere Formulierungen zeigen in diese Richtung:

„Fehlende Infos zur Story und wenige Einblicke machen skeptisch“

„Ob sich die Contra-Punkte mit der Zeit in Luft auflösen, wird sich noch zeigen müssen, wenn es mehr zum Spiel gibt.“

„Die aktuelle Infolage macht zudem die Einschätzung schwer, ob das Verhältnis zwischen Zelda-Anteilen und (den mageren) eigenen Ideen angenehm ist. Auch der magere Einblick in die Ruinen, Rätsel und Story machen skeptisch.“

Selbst wenn die Demo nur zehn Minuten Inhalt bieten würde, ist das immerhin genug, um eine bloße Ahnung vom Spielprinzip und – vor allem – von der Steuerung zu erlangen. Spielt es sich flüssig? Rund? Kantig? Eckig? Angenehm? Butterweich?

Eine weitere Frage stellt sich: Woher weiß GamePro, dass die Steuerung „angeblich träge“ ist? Nehmen wir an, GamePro hat Tunic eben doch nicht gespielt (sonst stünde da schließlich kein „angeblich“), bleibt es fraglich, woher die Redaktion die Info hat. Aus irgendeiner Quelle muss man davon erfahren haben, ansonsten lässt sich die Formulierung nicht erklären. Schrieb mal wieder ein anonymer Vogel auf Reddit den kühnsten Quatsch? Und: Wenn die Steuerung doch nur „angeblich träge“ sei, scheint es noch nicht sicher, ob sie wirklich träge ist – wie kann das also ein valider Contra-Punkt sein, wenn doch eigentlich nichts klar ist?

Ein ungewöhnlicher Contra-Punkt ist folgender:

„Keine Versionen für PlayStation und Nintendo Switch“

Hm. Bei einem Spiel, das die GamePro-Redaktion vielleicht, vielleicht auch nicht gespielt hat, den Minus-Punkt „keine weiteren Version geplant“ aufzuschreiben, fühlt sich reichlich grotesk an. Gut, könnte man nun sagen, bei einem Testbericht wäre das doch sicher fair, immerhin sollte der Zugang möglichst vielen Spieler*innen gewährt werden. Schließlich hat GamePro die Exklusivität von Spielen bereits in der Vergangenheit kritisiert.

Oder?

Warum kritisiert GamePro bei einem Indie-Spiel die fehlenden Versionen für andere Konsolen, obwohl niemand aus der Redaktion das etwa bei PS4-Titeln getan hat? Und inwiefern wird ein Spiel inhaltlich schlechter, nur weil es auf weniger Plattformen erscheint?

Zumal Tunic laut GamePro eben nicht nur für eine Plattform erscheint wie etwa die Sony-Exclusives in Form von God of War oder The Last of Us, sondern für Xbox One, Xbox Series X UND Steam. Das ist, äh, eine Plattform mehr als bei Zelda Breath of the Wild.

GamePro liefert erneut den Beweis, dass der Pro-Contra-Schmu bei noch nicht veröffentlichten Spielen nichts mit seriösen Journalismus zu tun hat und eher für Verwirrung sorgt – offensichtlich nicht nur bei den Leser*innen, denn in der Tunic-Preview wird nicht klar, ob GamePro es nun gespielt hat oder nicht, obwohl angedeutet wird, man habe die Demo ausprobiert, nur um dann von einer „angeblich trägen“ Steuerung zu reden, also scheinbar doch nichts ausprobiert wurde.

Kritik wird ignoriert

Im Kommentarbereich haben sich mehrere Leser*innen zum Text geäußert. Lob gab es kaum. Im Gegenteil.

„Der Artikel gehört ehrlich gesagt einfach nochmal neu geschrieben, inklusive des Pro/Kontra-Kastens…“

„Selten so ein absolut schlechten pro / contra Kasten gesehen.“

„Den ersten Contrapunkt verstehe ich noch, aber die anderen drei sind einfach nur absolut daneben.“

„Es spricht natürlich auch für sich, angeblichkeiten wie die angeblich träge Steuerung als contra aufzuführen.“

„Liebe Redaktion, ihr merkt doch an den Kommentaren hier, dass Aufklärungsbedarf besteht. Es wäre also nett, wenn sich mal jemand aus der Redaktion zu Wort melden würde.“

Der letzte Kommentar erschien am 30. August. Elf Tage sind seither vergangen. Wie oft hat sich GamePro der Kritik gestellt?

Null Mal.

Ja tatsächlich, nicht einmal hat sich die Redaktion zu Wort gemeldet, obwohl die Kritik sachlich und ruhig erfolgte. Zumal eben viele Fragen offen sind:

  • Hat GamePro Tunic gespielt oder nicht?
  • Warum ist die Steuerung „angeblich träge“?
  • Woher kommt diese Information?
  • Warum wurde sie nicht verifiziert, obwohl es doch eine spielbare Demo gab?
  • Warum wird plötzlich die exklusive Veröffentlichung eines Spiels ein Kritikpunkt?
  • Warum wurden exklusive Spiele wie The Last of Us 2 nicht für die PS4-Exklusivität kritisiert?
  • Und warum wird jede Kritik der Community vollkommen ignoriert?

Sogar im Feedback-Forum der GamePro haben sich zwei Leser*innen beschwert, bereits am 7. September – auch hier reagierte niemand aus der Redaktion.

Ein bisschen hat es Tradition, dass GamePro nicht auf die Kritik der Community reagiert. Dutzende Kommentare, in den meisten Fällen absolut sachlich formuliert, hat die Redaktion schlicht nicht beachtet (hier dazu mehr). Zwischenzeitlich schien es so, als habe sich die Situation gebessert.

Immer wieder fällt GamePro mit einer Arbeitsweise auf, die mehr als problematisch ist.

Es ist also wenig überraschend, dass eigentlich abgelegte Eigenarten wieder auftreten. Jede Kritik an der Tunic-Preview wird ignoriert, obwohl sogar im Forum weitere Nutzer*innen auf die Fehler hinweisen. Es ist beinahe unmöglich, die vielen Wortmeldungen aus der Community zu übersehen.

Bedenkt man zusätzlich, wie konsequent absurd die bisherige Berichterstattung mit den Pro-Contra-Kästen bislang aussah, kann man sich vermutlich auf weitere Skurrilitäten freuen.


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5 Kommentare

  1. Diese Ungereimtheiten zu angeblichen gespielten Demo Previews sind mir mittlerweile öfters auf Gamesseiten begegnet. Kürzlich auch beim „exklusiven“ Cyberpunk 2077 „Gameplay“ preview.

    Angeblich wurden diverse Magazine und Influencer ausgewählt um das Spiel spielen zu dürfen, was zwar als Videomaterial veröffentlicht wurde, aber nicht selbst von den beteiligten als Video erstellt und veröffentlicht werden durfte.
    CDPR haben es angeblich untersagt Video von dem Preview zu erstellen.
    Soweit nachvollziehbar.

    Doch dass das gezeigte Gameplay bei allen Portalen wie Gamestar, IGN, divesen Youtube Kanälen usw. ist somit absolut identisch, aber die Redakteure im Video die Szenen und Handlungen so besprachen und beschrieben, als ob sie jede einzelne Handlung exakt so selber gespielt hätten, wie es im Gameplay Video vorkommt.

    Das treibt die Absurditität auf die Spitze, wenn Redaktionen von dritten aufgenommenes Gameplay Videomaterial als selbst gespielt ausgeben, ohne das gezeigte selbst gespielt zu haben, aber so moderieren als wenn alles eigene Handlungen gewesen wären.

    Die oben genannten Links habe ich aus der Kommenarfunktion des Gamestar Artikel entommen.
    https://www.gamestar.de/artikel/cyberpunk-2077-night-city-wire-gameplay-trailer,3357431,kommentar4897343.html

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    1. Oh. Das ist tatsächlich… interessant. Und natürlich absurd ohne Ende. Ist mir persönlich gar nicht aufgefallen, obwohl ich das Material – zumindest von der GameStar – derzeit für einen Artikel ohnehin immer wieder gucke. Danke für den Hinweis! Das werde ich vermutlich in einen meiner nächsten Texte aufnehmen. Ein schöner Beweis dafür, wie unendlich grotesk die Berichterstattung allein zu Cyberpunk geworden ist.

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  2. Das liegt imo daran, dass die da wohl eher unter NDAs gemacht wurden. Das kann man zB sehr gut bei den Rocketbeans erkennen, die teilweise bei den Berichten über die Bedingungen sprechen. Die hatten alles von den NightCity Wires schon vorher gesehen, durften halt nicht drüber sprechen. Das deckt sich auch sehr gut zu den Erzählungen, die Jörg Langer über die Bedingungen macht. Und wir können ja gerne über faule, lügende Redakteure reden, aber ich bezweifle das hier eine Verschwörung um mehr Klicks im Spiel ist.

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    1. Das diverse NDAs vereinbart werden ist bei so einem millionenschweren Projekt nachvollziehbar.

      Aber wozu überlässt man Redaktionen spielbare Previews (als Vorab,- Vorschaubericht), wenn am Schluss doch nur von Entwickler vorgesehenes Gameplaymaterial veröffentlicht werden darf und auch noch obendrein das von dritten gespielte Material in der „ich-Form“ seitens Redaktionen exakt nachmoderiert wird und nicht die eigenen erfahrenen Erlebnisse aus der gespielten Preview?

      Wer braucht bitte ein redaktionell aufbereites Gameplay Video welches handlungsgenau nachplappert was ein Entwickler gespielt hat?
      Das ist absurd.

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    2. Hier geht es auch weniger um eine Verschwörung, schon gar nicht um „faule, lügende“ Redakteure, sondern um die Absurdität von Berichterstattung. Wenn Redaktionen in der Ich-Form eine Preview basteln und dann Material direkt vom Publisher verwenden, dann ist das einfach befremdlich und spielt dem Publisher in die Karten, der die choreografierte Marketingkampagne mithilfe der Journalist*innen weiter durchziehen kann. Klar spielen NDAs eine Rolle, wie bei so ziemlich jeder Vorab-Berichterstattung, und oft sind sie harmlos beziehungsweise regeln das Veröffentlichungsdatum der Texte/Videos, die Wiedergabe von, naja, „Spoilern“ und eben die Nutzung von Bildmaterial.

      Dass die Art der Berichte insbesondere der GameStar über Cyberpunk 2077 bereits in der Vergangenheit skurril aufgefallen ist, ist ohnehin nichts Neues, da hab ich auch schon mehrfach drüber geschrieben.

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