Medienkritik

Der Herr der Sales-Abteilung: (K)Ein Epos in drei Akten

Akt 1: Die Beschwerde

Flunkern wir für einen kurzen Moment: PC Games ist das heftigste Spielemagazin Deutschlands. Für einen Augenblick, versprochen: nur für ein paar Minuten ist es nötig, dem Spielemagazin PC Games ein intaktes Gefühl für Seriosität anzudichten. Vergessen wir kurz, dass Mitglieder der Redaktion mit dem Segen der Redaktionsleitung Werbung schreiben über jene Spiele, zu denen sie bereits den vermeintlich unabhängigen Testbericht veröffentlicht haben.

Eine neue Beschwerde hat das Forum von PC Games erreicht und rüttelt die Unantastbarkeit des immerhin fast 30 Jahre alten Magazins durch. Sie betrifft das Thema Werbung – mit einem Twist, der einer Epik über Edeka-Kartoffeln in nichts nachsteht.

Am 16. Oktober veröffentlichte PC Games ein Advertorial zu dem Onlinespiel „Bless Unleashed“.

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Neben Zweifeln an der Seriosität des Spiels (der Quasi-Vorgänger wurde rasch eingestellt) beschwert sich ein Community-Mitglied über den Verfasser des Werbetextes.

„Mir gehts hier mal wieder folgendes gegen den Strich: Es ist eine [Anzeige], also Werbung, welche das Gesich eines Redis trägt, was bedeutet, dass dafür Geld fliesst. Hier wird das „nächste grosse Ding“ in PCG-Farben angepriesen.“

Der Name des Redakteurs lautet: Wolfgang Fischer.

Laut PC Games ist Wolfang Fischer „Autor“, und das kann natürlich alles heißen. Ein Buchautor könnte er sein, der in seiner buchautorischen Zeit gerne Werbung textet für zufällige Gaming-Redaktionen. In Wirklichkeit arbeitet Wolfgang Fischer aber in der Abteilung „Creation & Services“, also einer Abteilung für Werbung, zuvor war er Chefredakteur bei PC Games. Offenbar will PC Games das zumindest in den Advertorials selbst nicht verraten, schließlich hat die Bezeichnung „Autor“ keinen direkten Bezug zu Werbung und sorgt eher noch für Verwirrung. Aber ach, egal, schließlich eilt PC-Games-Redakteur Matthias Dammes herbei, um die Kritik des Lesers oder der Leserin zu entkräften.

„Wolfgang ist schon lange kein Redi mehr. Seit er den Chefred-Posten der PCG abgegeben hat, ist er der Herr der Sales-Abteilung. Solche Anzeigen zu machen, ist also genau sein Job. Unter seinem Namen steht auch Autor und nicht Redakteur.“

Da steht’s: Wolfgang Fischer ist „schon lange“ kein Redakteur mehr. Nein, er ist sogar der „Herr der Sales-Abteilung“.

Akt 2: Der Twist

Schon lange kein Redakteur mehr? Naja.

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Also, um das nochmal festzuhalten: Laut einem Redakteur von PC Games ist Wolfgang Fischer „schon lange“ kein Redakteur mehr, im Gegenteil: er teilt sich mit dem mutigsten aller Hobbits den Titel „Herr der (Sales-)Ringe“. Wie lange genau? Das lässt sich präzise feststellen: Am 12. Oktober 2017 veröffentlichte Computec, die Mutterfirma von PC Games, eine Pressemitteilung, die durch den Relaunch der Computec-Seite mittlerweile nicht mehr online, auf der Branchenseite „Gamesmarkt“ allerdings noch zu finden ist. Darin wird der Geschäftsführer der Computec Group wie folgt zitiert:

„Mit CMG Conferences und CMG Creation & Services schaffen wir die bestmöglichen personellen und strukturellen Voraussetzungen für ein anhaltendes Wachstum im Event- und 360-Grad-Vermarktungsbereich. Ich freue mich, dass wir mit Dirk Gooding und Simon Fistrich bei CMG Conferences sowie Jens-Ole Quiel und Wolfgang Fischer bei CMG Creation & Solutions hochkarätige Leistungsträger aus dem eigenen Haus für die Führung der neuen Units gewinnen konnten“

Seit Ende 2017 arbeitet Fischer also nicht mehr als Chefredakteur der PC Games, sondern wechselte in eine Führungsposition einer neu geschaffenen Anzeigenabteilung. Dass Fischer „schon lange“ kein Redakteur mehr ist, stimmt also.

Oder dann doch nicht. Der Chef der „Creation & Services“-Anzeigenabteilung schreibt vermeintlich unabhängige, redaktionelle Test- und Anspielberichte. Texte also, bei denen es sich nicht um Werbung handelt.

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Warum es problematisch ist, wenn der Chef einer Anzeigenabteilung plötzlich redaktionelle Berichte schreibt, zeigen PC Games und Computec direkt selbst. Am 22. Juli 2018 veröffentlichte Wolfgang Fischer einen als Werbung gekennzeichneten Text, also ein Advertorial, das passend zur Gamescom auf die Spiele des Publishers Deep Silvers aufmerksam machte.

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Teil des Artikels ist auch das Spiel Pathfinder: Kingmaker, dessen Publisher, klar, Deep Silver heißt. „Fans von Baldur’s Gate“, so heißt es, sollen sich dieses „Classic-Rollenspiel nicht entgehen“ lassen. Die Story-Kampagne sei „umfangreich“, das Kingdom-Feature mache das Spiel „einzigartig“.

Nicht mal zwei Monate später veröffentlicht PC Games eine redaktionelle Vorschau zu Pathfinder: Kingmaker, in der es heißt:

„Vorhang auf für Pathfinder: Kingmaker, den einzigen Titel bis Ende des Jahres, den sich Fans klassischer Rollenspiele wie Baldur’s Gate oder Pillars of Eternity nicht entgehen lassen dürfen.“

„Ein echtes Schmankerl für Fans klassischer Rollenspiele wie Pillars of Eternity oder Baldur’s Gate.“

„Ich hätte auch nicht erwartet, dass der Titel in vielerlei Hinsicht ein echtes Brett ist und sich vor Genregrößen wie Pillars, Divinity oder gar dem Klassiker Baldur’s Gate nicht verstecken muss.“

Und von wem stammen diese magischen Sätze? Vom Chef der Anzeigenabteilung, Wolfgang Fischer, der nicht mal zwei Monate zuvor in einem Advertorial das hier geschrieben hat:

„Fans von Baldur’s Gate aufgepasst: Lasst euch dieses Classic-Rollenspiel nicht entgehen!“

Sieht so die berühmte Trennung von Anzeigenabteilung und Redaktion aus?

Akt 3: Die Realität

Schütteln wir die eingangs vorgestellte Utopie ab und lassen die Realität zeigen, was sie zu bieten hat: nämlich den ehemaligen Chefredakteur von PC Games, der Ende 2017 in eine Anzeigenabteilung wechselt, also für Werbetexte zuständig ist, aber weiterhin redaktionelle Berichte wie Tests und Previews veröffentlicht. Mit einer leichten Untertreibung könnte man das, hm, unseriös nennen. Oder, spontaner Gedanke: presseethisch eher ungeil.

Zumal die Probleme längst Wurzeln geschlagen haben. Von der Redaktionsleitung kommuniziert und somit befürwortet, schreiben andersherum Mitglieder der Redaktion längst auch Werbung. Jener Spielejournalist, der das PS4-exklusive Spiel Dreams getestet hat, war für mehrere Werbetexte zuständig. Aus der Redaktionsleitung hieß es dazu:

Warum die Redaktion das verfasst? Angelieferte Werbetexte sind meist eher unschön. Die Advertorials dann lieber jemanden verfassen lassen, der sich damit auch befasst hat, dann hat die Werbung wenigstens auch noch einen Gehalt.

„Angelieferte Werbetexte“ können gerne die Unförmigkeit von fehlgedruckten Poesie-Kalendern über Bogensehnen haben, es sollte dennoch kein Anlass dafür sein, Journalist*innen als Werbetexter*innen einzusetzen – zumal man doch eine Anzeigenabteilung für Advertorials bereits Ende 2017 mit dem ehemaligen Chefredakteur besetzt hat.

Absurd scheint die Reaktion des Redakteurs zu sein, der dem „Herr der Sales-Abteilung“ abspricht, ein Redakteur zu sein, obwohl – genau genommen – das Gegenteil der Fall zu sein scheint. Ein Geheimnis wird daraus schließlich nicht gemacht, jede*r kann bei den entsprechenden Testberichten den Namen eines Werbetexters sehen, der einerseits den Kontakt zu Herstellern pflegt und daher befangen ist, andererseits unabhängige Berichterstattung gewährleisten soll in der Position eines Testers.

Den Widerspruch will offenbar niemand von PC Games erkennen. Hat der Spielejournalismus etwa ein Problem mit fragwürdigen Verbindungen zu Herstellerfirmen? Ja. Sehr. Aber hallo. Doll sogar. Ein bisschen gekrönt wird das nun von PC Games und dem Chef einer Anzeigenabteilung, der hauptsächlich für Werbekunden textet, demnach oft für Spielehersteller, zeitgleich aber über Spiele in redaktioneller Form berichtet. Natürlich heißt das nicht automatisch, dass windige Absprachen zwischen den Abteilungen und Spieleherstellern zu höheren Wertungen führen; das anzunehmen, wäre absurd. Eine gewisse Befangenheit bei einzelnen Personen, die entweder als Anzeigenchef redaktionelle Tests schreiben oder andersherum als Redaktionsmitglieder Werbung texten, lässt sich indes nur schwer leugnen.

Übrig bleibt, naja, nix, auf jeden Fall kein Epos, höchstens eines, das in ein Daumenkino passt und „[Anzeige]“ falsch buchstabiert. Ein wildes Hin und Her führt zu unklaren Verhältnissen bei PC Games: Wo der Spielejournalismus aufhört und die Werbung beginnt, mag zwar sichtbar sein, aber der Ursprung der jeweiligen Inhalte wirft Fragen auf. Wandelt sich die Trennung von Redaktion und Anzeigenabteilung etwa in eine Heirat?


Mehr zum Thema:

Abschließende Anmerkung: Ob es eine Reaktion auf meinen Artikel ist, kann ich nicht sagen, aber bei einem neuerlichen Advertorial, das am 26. November veröffentlicht wurde, ist als Autor weder der Chef der Anzeigenabteilung noch ein Mitglied der Redaktion oder „PC Games Redaktion“ angegeben. Sondern schlicht: „Anzeige“.

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Vielleicht liegt’s auch einfach daran, dass, äh, Susanne, der große „Destiny-2-Fan“, den Text geschrieben hat.

2 Kommentare

  1. Wieder einmal herzlichen Dank für diesen Einblick, was im deutschen Games-Magazin Bereich so schecklich schiefläuft.

    Allen Anschein nach befindet sich diese Branche in einer erheblichen (Sinn-)Krise wenn sich Games „Autoren“ oder Redakteure gegen Bezahlung für Werbetexte hergeben müssen oder gar wollen.
    Offenbar ist nicht der mehr Leser der wichtigste zahlende Kunde sondern die Gamesbranche, die inzwischen nahezu sämtliche Magazine strategisch gekapert haben um sie für ihre eigene PR und Hofberichterstattung missbrauchen.

    Womöglich wird es an der Zeit meine alte PCgames Sammlung komplett an die Redaktionsadresse zur Entsorgung zurückzuschicken.
    Oder auch zu deren Erinnerung wie Gaming-Journalisms wirklich geht.
    Ihre Glaubwürdigkeit haben sie mMn längst verspielt.
    Nicht nur PCGames.

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    1. Mittlerweile bringt GameStar regelmäßig Livestreams bei Youtube, die mit „Dauerwerbesendung“ gekennzeichnet sind und Redaktionsmitglieder dort in einem fürs Spiel passenden Kostüm drei Stunden sitzen und Werbung machen. Das ist tatsächlich ein Problem, das den gesamten Spielejournalismus durchzieht.

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