Medienkritik

Berichte über Valheim: Achtung, Baum fällt – und die Qualität gleich mit

An den Abgrund der Welt und noch viel weiter lässt es sich am besten reisen mit einem Wikingerhelm. Das Spiel der Stunde, eigentlich der vergangenen Wochen namens Valheim bietet genau das: einen Spielplatz mit ungeahnten Möglichkeiten. Und derlei Spielwelten haben das enorme Potenzial für virale Hits interessante Ereignisse, die plump weiterverarbeitet journalistisch professionell aufgearbeitet werden.

Am 13. Februar hat die GameStar-Redaktion zum Beispiel folgende News veröffentlicht:

(Quelle)

Klingt witzig. Und selbsterklärend: Ein Spieler fällt einen Baum und rodelt den halben Wald gleich mit. Steht da so. Weiß man direkt, was einen erwartet.

„Ein Spieler des Steam-Hits Valheim zeigt, wie gefährlich es sein kann, mitten in einem Wald einen Baum fällen zu wollen. Das Ergebnis endete in einer Katastrophe.“

Von einer „Katastrophe“ ist in der Einleitung die Rede. Was für eine Epik GameStar da verspricht, unglaublich!

Tja, unglaublich – in der Tat. Nur anders als gedacht.

In der News zeigt der GameStar-Redakteur einen Reddit-Beitrag mit über 800 Upvotes. Das 10-sekündige Video zeigt einen Spieler, der in Valheim einen Baum fällt und eine Kettenreaktion auslöst. Mit der Headline haben die Ereignisse jedoch nichts zu tun: Nicht der halbe Wald wird gerodet.

Sondern sechs Bäume.

Ja, insgesamt fallen sechs Bäume um. Vielleicht auch fünf, eventuell sieben. Am Ende wird der Spieler von einem Baum erfasst und stirbt. Bestimmt hat die Situation eine gewisse Komik, das lässt sich nur schwer leugnen. GameStar übertreibt hier aber gehörig. Viele Community-Mitglieder sehen das ähnlich.

„Man rennt hier auf Gamestar einfach nur Trends hinterher, ohne Mal über den Tellerrand zu schauen oder wie früher zu versuchen selbst Trends zu setzen.“

Ich lese die Artikel eigentlich nur noch wegen der Kommentare. Die sind unterhaltsamer und informativer als die Artikel selbst. Da sollten manche Redakteure mal drüber nachdenken…

„Ich sehe in dem verlinkten Clip nur 5-6 Bäume umfallen, oder soll das euer halber Wald sein? Was sollen diese Überschriften? Die Qualität der News sinkt hier täglich.“

„Demnächst geh ich dann doch lieber auf Bild.de, wenn ich was niveauvolles lesen will…“

„Man nehme eine übertriebene Überschrift, ein Reddit Video, inklusive paar Copy & Paste Kommentare. Zack, fertig – Qualitätsjournalismus.“

„hab nur auf den Artikel geklickt, um herauszufinden ob der Inhalt tatsächlich so unspektakulär ist, wie er sich im Titel anhört und ja man kann sagen, es ist das uninteressanteste was ich seit langem gelesen habe“

„Clickbait at its finest. Ne handvoll Bäume = halber Wald? Really?“

Mit viel Wohlwollen könnte man die Überschrift der GameStar als „überspitzt“ bezeichnen. Nur passen Headline und Reddit-Posting inhaltlich nicht zusammen. Ja, die Kettenreaktion sorgt für umfallende Bäume, die Formulierung „halber Wald“ ist damit jedoch nicht in Einklang zu bringen, schließlich weitet sich der Wald deutlich im Video aus. Überspitzt könnte man nun fragen, ob GameStar nicht vielleicht geflunkert hat, um der Trend-Maschinerie einen weiteren Klick-Hit hinzuzufügen, aber belassen wir es mit einem Zitat aus dem GameStar-Kodex:

„Kein Clickbait
Unsere Überschriften sollen spannend sein und neugierig auf den Artikel machen. Aber der Artikel muss das einhalten, was die Überschrift versprochen hat. Die Einhaltung dieser Regel überprüfen wir mit unserem Vier-Augen-Prinzip und natürlich auch auf Basis eures Feedbacks.“

Und weil GameStar selbstredend zu den eigenen Werten und Richtlinien steht, die in Podcasts, Videos und Kolumnen regelmäßig vorgetragen werden, hat die Redaktion die Überschrift geändert. Nämlich so:

(Quelle)

Ups. Jetzt hab ich kurz geflunkert. Das ist nämlich nicht die neue Headschrift.

Das ist eine neue News. Vom gleichen Tag. Übers gleiche Thema: gefällte Bäume. Ich schwöre.

Aber worum geht’s denn in der zweiten News? Also, ein Spieler in Valheim – ja genau -, der steht in einem Wald – so weit, so gut – und der fällt einen Baum – weil das ja klar ist – und der Baum fällt dann irrwitzig – hahahaha, wissen wir ja schon – aber jetzt kommt der bahnbrechende, oder sollte ich sagen: baumbrechende Unterschied: der gefällte Baum fällt keine weiteren Bäume, sondern kracht auf einen noch stehenden Baum, verlagert seine Richtung und – Achtung, todeswitzig wird es jetzt – landet auf dem Spieler. Der Baum, landet der einfach so auf dem Spieler und schlägt den tot.

Ha! Ich brech‘ ab! So wie der Baum. Oder auch nicht.

Tatsächlich stimmt die Headline diesmal. Der Baum „dreht“ den Spieß um – witzig. Das passt. Der GameStar-Community passt das wiederum gar nicht.

„Also jetzt mal ganz ehrlich, ich weiß Valheim ist neu, beliebt und bringt klicks… Aber muss man wirklich 2 seperate Artikel darüber schreiben, dazu noch am gleichen Tag mit nur ein paaar Stunden dazwischen, wie Spieler beim Baumfällen gestorben sind? Hätte man sich nicht entweder den zweiten Artikel sparen können oder die beiden in einem Artikel zusammenfassen können? Oder gibts jetzt jedesmal nen Artikel wenn ein Spieler in Valheim beim Baumfällen stirbt und nen Video davon macht?“

„Cooles Video, so was geniales habe ich noch nie gesehen. Bitte in einer Stunde mehr News zu Holzfäller Joe und die Pixel Bäume.“

„Ist das wirklich das aufregendste, was in der GS Welt gerade passiert?“

„Ein Musterbeispiel für das, was seit einiger Zeit bei der GameStar fundamental schief läuft. Hoffnung auf irgendeine Form der Besserung habe ich persönlich aber leider keine mehr.“

Die Überschrift der ersten News hat GameStar indes nicht geändert, obwohl sie genau genommen falsch ist. Zudem hat sich nicht ein einziges Redaktionsmitglied zur massiven Kritik geäußert. Dass noch am gleichen Tag eine fast inhaltsgleiche News erscheint, nachdem die Redaktion die Kritik zur ersten Meldung konsequent ignoriert hat, führte offenbar zu noch mehr Frust, die unter der zweiten News auch in schärferem Ton geäußert wird. Immerhin antwortet der Autor der News, er „suche das direkte Gespräch mit den Lesern“. Er mag „heitere News mit lockeren Themen“, schreibt er, „kuriose Begebenheiten“ nennt er es, und manchmal möchte er seinen „Fund dann mit den Lesern teilen“.

Wie nett das klingt. Und wie problematisch. Der Redakteur macht den Eindruck, als tue er den Leser*innen einen Gefallen, wenn er hin und wieder mal witzige Netzfundstücke teilt. Das ist natürlich Quatsch. Zunächst teilt der Redakteur seinen Fund mit den Leser*innen, weil er dafür bezahlt wird – und weil GameStar mit der News Klicks und somit Geld generieren kann. Täglich erscheinen bei GameStar nur begrenzt viele News, nämlich meist die, die potenziell am meisten gelesen werden. Ein populäres Spiel wie Valheim besitzt dafür die perfekte Grundlage. Eine genaue Analyse liegt dieser Berichterstattung zugrunde.

In einem weiteren Posting schreibt der Redakteur, er nehme „das Thema“ mit in die nächste „Redaktionssitzung“ – seitdem hat GameStar zahlreiche Valheim-News über Reddit-Postings veröffentlicht, immer wieder verbunden mit Kritik aus der Community. Weder hat GameStar auf die Kritik geantwortet, zwei fast identische News zum gleichen Spiel innerhalb weniger Stunden veröffentlicht zu haben, noch wurde die Headline der ersten News geändert.

Der gesamte Vorgang steht symptomatisch für die deutschsprachige Spielepresse. Am Beispiel von Valheim lässt sich beobachten, wie mehrere Redaktionen unabhängig voneinander die exakt gleichen News schreiben, News indes, die mit dem Begriff „Neuigkeit“ wenig gemein haben – und fast ausnahmslos auf beliebten Reddit-Postings basieren.


Bäume schlagen zurück

Wie das aussehen kann, zeigen diverse Redaktionen anhand fallender Bäume, über die nicht nur GameStar, ähm, „berichtet“ hat. Obwohl ich mich meist auf die deutschsprachige Spielepresse konzentriere, nehme ich im aktuellen Fall auch internationale Magazine auf, da die Einfallslosigkeit, Achtung, tiefe Wurzeln geschlagen hat – und weil sie es gleichzeitig besser machen.

(GameStar)
(GameStar)
(Spieletipps.de)
(PCGamer)
(PC Games Hardware)
(Mein MMO)

Natürlich ist das ein Witz. Spieler*innen dürften tausend mal öfter bei Bosskämpfen oder in den fortgeschrittenen Biomen gestorben sein als beim Baumfällen, aber ach, lassen wir der hochseriösen Redaktion von Mein-MMO doch den, ähm, Witz.

Alle Magazine beziehen sich auf die exakt gleichen Reddit-Postings, die bereits zuvor tausende Upvotes erhielten.

Geheimes Schwert

Offenbar gibt es ein besonderes Schwert in Valheim.

(PC Games)
(Mein MMO)

PC Games gibt als Quelle „Reddit via MeinMMO“ an, und Mein MMO gibt als Quelle – nix an. Dort heißt es lediglich, dass „Spieler“ bislang über das Schwert rätseln. Auf Reddit machte das Schwert weit vor der Mein-MMO-News die Runde.

Wolf-Angriff

Perfekt geeignet für aufbrausende Überschriften: Wölfe.

(Mein MMO)
(GameStar)
(PC Games)
(Gamerant)

Alle Texte beziehen sich ausschließlich auf den exakt gleichen Reddit-Beitrag mit mehr als 5.000 Upvotes. Und obwohl bereits im Titel des Reddit-Postings der Name vom angegriffenen Boss prangt, schafft es PC Games nicht, ihn, nun, abzuschreiben. Warum sollte das auch klappen, das Abschreiben von der eigentlichen Quelle, die direkt im Titel die wichtigsten Fakten nennt?

Bier-Pong

Ich möchte das nicht kommentieren und lasse die Überschriften sprechen.

(Spieletipps)
(Gamestar)
(PC Gamer)
(Dailygame.at)
(Ingame)

Der Reddit-Beitrag „Some Viking beer pong with the boys“ ist die Grundlage für alle obigen News und hat über 4.600 Upvotes erhalten.

Das Ende der Welt

Ein Spieler reist ans Ende der Welt – was dann passierte, macht sprachlos.

(GameStar)
(PC Games)
(PC Games Hardware)
(PC Gamer)

Als Quelle geben die Magazine ein YouTube-Video an.

Krasse Brücke

Ein Valheim-Spieler baut eine Brücke. Ja, eine Brücke.

(GameStar)
(PC Games Hardware)

Als Quelle gibt PC Games Hardware das GameStar-Magazin an, während sich GameStar auf einen – na klar – Reddit-Beitrag bezieht, der tatsächlich 60 Sekunden lang zeigt, wie ein Valheim-Spieler über eine Brücke läuft. Mehr passiert da nicht. Ja, die Brücke soll laut dem Reddit-User gar nicht halten dürfen, im Video wird aber weder das Bauen gezeigt, noch die Konstruktion erklärt.

Wasser-Trampolin

Selbsterklärend. Oder?

(Mein MMO)
(Playcentral)
(Screenrant)

Einen Reddit-Beitrag nennen alle Magazine als Quelle.

Mysteriöse Figur

Ist es Odin? Oder doch ein Reddit-User?

(PC Gamer)
(GameStar)
(Spieletipps)
(Mein MMO)

Tatsächlich hat der in den News verlinkte Reddit-Beitrag diesmal „nur“ 100 Upvotes. Laut Google hat PC Gamer die News am 8. Februar veröffentlicht, also einen Tag vor den deutschsprachigen Magazinen. Zufall? Bestimmt. Nie und nimmer würden deutschsprachige Redaktionen von den internationalen Kolleg*innen abschreiben.

Star Wars, Star Trek und Herr der Ringe

Na klar, wieso auch nicht?

(Spieletipps)
(PC Gamer)
(Gameswelt)
(Mein MMO)
(Der Standard)
(Playcentral)
(Eurogamer)
(PC Games)

Auch hier haben alle verwendeten Reddit-Beiträge eine Gemeinsamkeit: tausende Upvotes, teilweise über 15.000.

Solo-Burg

Auch ein einziger Spieler kann eine Menge erreichen.

(GameStar)
(Mein-MMO)

Über 7.000 Upvotes erhielt der Reddit-Beitrag, auf den sich beide Magazine beziehen.

Fliegende Schiffe

Fliegende Schiffe oder doch schiffende Vögel?

(PC Gamer)
(GameStar)
(PCGamesN)
(Polygon)

Der 20 Tage alte Reddit-Beitrag mit den fliegenden Booten war GameStar noch nicht spektakulär genug, schließlich bekam er „nur“ 700 Upvotes. Interessant wurde es erst, als das Gerücht stehlender Vögel auch auf Twitter die Runde machte und die Magazine PC Gamer und Polygon letztlich bei den Entwicklern nachfragten. Auf die glorreiche Idee, selbst eine Anfrage zu stellen, kam die GameStar-Redaktion offenbar nicht. Man schrieb lieber bei der internationalen Konkurrenz die Headline ab.

Rettungs-Team

Die folgende Geschichten um die Valheim-Helden ist das womöglich beste Beispiel, woran es der deutschsprachigen Spielepresse fehlt.

(GameStar)
(Spieletipps)

Beide News erzählen die Geschichte des „Body Recovery Squard“, eine Gruppe von Spieler*innen, die gestrandete oder hilflose Wikinger*innen bei der Jagd nach verlorenen Items hilft. Eine schöne Geschichte, natürlich im Reddit vielbeachtet und somit kein Wunder, dass mehrere Magazine darüber berichten. Um nicht nur ständig plump abzuschreiben, zeigt Eurogamer mit folgendem Artikel tollen, einfallsreichen Spielejournalismus:

(Eurogamer)

Eurogamer hat einfach mal ein Interview mit dem Gründer der Gruppe geführt. Man erfährt, wie er heißt („Lucas“), wo er wohnt („British Columbia“), welchen Job er ausführt („mechanic“) und wie es zur Gründung kam (eine Begegnung mit den berüchtigten „deathsquitos“). Mittlerweile habe man 15 Mitglieder und über 100 Spielenden geholfen.

So sieht moderner Spielejournalismus aus, der sich für Geschichten interessiert und sie hinterfragt, statt sie einfach nur von Reddit abzuschreiben.


Problematisch: Sammel-Artikel

In Valheim können sich Spieler*innen austoben. Sie können fast ohne Grenzen bauen, wie, wo und was sie wollen. Das führt zu Bauwerken, die eine Berichterstattung wert sind, nicht nur in Form von News, sondern auch Sammel-Artikeln, die die vermeintlich tollsten Bauwerke in einem Text vereinen. Das kann so aussehen:

(GIGA)
(GameStar)

Hier gibt es gleich mehrere Probleme: GameStar etwa hat bis auf eine Ausnahme tatsächlich nur Reddit-Beiträge mit tausenden Upvotes beachtet, also stets die beliebtesten Postings der vergangenen Tage oder Wochen. Teilweise schreibt der Autor lediglich zwei Sätze zum Bauwerk. Blendet man die offensichtliche Unlust aus, auch abseits der tausendfach geteilten Bauwerke ein wachsames Auge auf Reddit zu haben, kommt hier das vielleicht wichtigste Problem zutage: Monetarisierung.

Ob jemand ein Raumschiff aus Star Wars nachbaut oder die Burg Minas Tirith in Kleinstarbeit gestaltet – meist stecken dahinter Spielende, die dutzende, wenn nicht sogar hunderte Stunden investiert haben. Sie teilen ihre Ergebnisse bei Reddit, werden (zurecht) gefeiert. Wenn aber ein kommerzielles Magazin wie GameStar mit ausnahmslos plumper Auswahl, fast ohne jede redaktionelle Arbeit eben jene aufwendigen Bauwerke auf der eigenen Seite präsentiert, verdient die Redaktion damit Geld – also mit dem Einsatz, dem Wirken, der Spielzeit anderer Menschen. Beteiligt werden die Urheber*innen an den Umsätzen vermutlich nicht.

Der Sammel-Artikel von GIGA zeigt zwar „unbekannte“ Bauwerke mit wenigen Upvotes. Löblich – und doch mit geringstem Aufwand in eine heillos langweilige Bilderstrecke geschmissen, mit Bildunterschriften, die der Vorgabe „schnell ein Valheim-Artikel, bitte!“ hervorragend entsprechen.

Es geht anders. Wenn man es denn möchte.

(Polygon)

Auch Polygon präsentiert Bauwerke, die bereits tausende Upvotes erhalten haben. Der Unterschied: Polygon hat eine Spielerin namens MissBeazus über ihr Valheim-Dorf ausgefragt. Nicht nur das: Polygon fragt beim Studio nach, ob es möglich sei, dass der Fortschritt der Spieler*innen nach einem Patch verloren geht – und fragt gleichzeitig MissBeazus, wie sie die mögliche Auslöschung ihrer Kreation finden würde.

Ein möglicher Ansatz, wie man Reddit-Inhalte nicht nur abschreibt, kommt von PC Gamer:

(PC Gamer)

Auch PC Gamer hat über beliebte Reddit-Beiträge geschrieben, ziemlich viel sogar und manchmal auch als erstes Magazin weltweit. Einen kreativen, redaktionellen Anspruch wollen sie aber offenbar nicht aufgeben – und „bewerten“ die Bauwerke der Valheim-Spieler*innen. Ein süßer, kleiner Text, der den Reddit-Usern einerseits Respekt zollt, andererseits das Thema mit einer Prise Humor behandelt. Mit wenig Aufwand viel erreicht.


Wie absurd die Berichterstattung über Valheim sein kann, zeigt (mal wieder) GameStar mit einem aktuellen Beispiel vom 6. März.

(GameStar)

Das wohl traurigste Feuerwerk aller Zeiten, wie auch ein Community-Mitglied der GameStar anmerkt, ist der Redaktion eine News wert – und sogar ein eigens erstelltes Gif, das das Feuerwerk zeigt. Eine Quelle gibt GameStar nicht an. Ist die Redaktion vielleicht selbst darauf gekommen? Immerhin hat man die Szene im Spiel nachgestellt, offenbar extra für die News.

Oh, was ist das? Etwa ein Reddit-Posting, das einen Tag vor der GameStar-News tausende Upvotes erhalten hat – über eben jenes Feuerwerk? Zufall. Bestimmt. Just kidding, natürlich wird das kein Zufall gewesen sein. Absurd wird es jetzt:

Bereits vor mehreren Wochen veröffentlichte ein Reddit-Nutzer ein Video darüber, wie er in Valheim ein Feuerwerk entfachte – in gleicher Weise wie der kürzlich viral gegangene Beitrag. Er hat lediglich 18 Upvotes erhalten. Sein einziger Makel: offenbar zum falschen Zeitpunkt gepostet. Und deswegen hat niemand darüber berichtet. Nicht, weil das, was er tat, nicht cool war, im Gegenteil, es hat halt einfach nicht genug Aufmerksamkeit generiert. Pech gehabt.


Es ist kein Problem, Reddit als Quelle zu nutzen. Viele große Communitys versammeln sich dort; für aufregende Eigenkreationen aus Spielen wie Valheim, Minecraft oder No Man’s Sky kann Reddit ein idealer Treffpunkt sein, um sie zu präsentieren oder diskutieren. Mit manchmal zehntausenden Mitgliedern funktioniert ein Subreddit vielleicht auch als Stimmungsbarometer, dient als eine erste Anlaufstelle für Probleme, Diskussionen oder eben Eigenkreationen und kuriosen Bugs.

Sobald aber alle größeren Magazine nahezu ausschließlich die gleichen Reddit-Beiträge featuren, weil sie sich lediglich die beliebtesten Beiträge anzeigen lassen und von dieser bereits etablierten Beliebtheit vor allem finanziell profitieren wollen, kann von (gutem) Journalismus keine Rede mehr sein. Ja, ausnahmslos alle oben verlinkten Bauwerke oder Kuriositäten beeindrucken oder amüsieren – sie repräsentieren aber nicht grundsätzlich die Reddit-Community oder das Spiel.

Als jemand, der dutzende Stunden in Valheim versenkt hat und etliche Stunden auch im Subreddit verbrachte, kann ich sagen: Valheim hat so viel mehr zu bieten als das. Ein toller Leuchtturm klickt nicht so heftig wie Star Wars, ja, i get it, ein schönes, gemütliches Heim mit beeindruckender Inneneinrichtung k(l)ickt nicht so brutal wie die hihihihimmelschreiend witzige Bier-Pong-Headline. Doch sie existieren, diese vermeintlich weniger spektakulären Bauten. Ihr einziger Makel: nicht genügend Upvotes.

Zumal es besser geht. Nicht jeden Tag muss eine Crunch-Reportage veröffentlicht werden, natürlich darf es auch mal heiter sein, gemütlich, harmlos. Magazine wie PC Gamer oder Polygon berichten über dieselben Bauwerke wie auch Spieletipps oder GameStar, vergessen dabei aber nicht die journalistisch knuffigen Kniffe: Ein kleines Interview mit dem Helden-Wikinger oder der Bauherrin kostet nicht viel Zeit und lässt sich vermutlich einfach arrangieren, da Reddit-Nutzer*innen nicht erst über PR-Agenturen kontaktiert werden müssen.

Wie wäre es mit einer Führung der jeweiligen Erbauer*innen durch die Bauwerke, vielleicht als Video? MTV Cribs, Valheim-Edition, hätt‘ da Bock drauf, ehrlich. In Valheim können sich nicht nur Spieler*innen kreativ austoben, sondern auch Journalist*innen. Die Möglichkeiten sind beinahe endlos: Bauwerk-Führungen, Interviews, Kooperationen, Wettkämpfe, gemeinsames Spielen/Bauen, Haus-Reviews, Eigenkreationen der Redaktionen, und so weiter.

Heutzutage muss es aber schnell gehen. Klickdruck, Clickbaitfrust, Zeitmangel, Wirtschaftlichkeit – alles reale Probleme. Von Reddit abschreiben geht schneller als eine Person bei Reddit nach einem Interview fragen, das Interview durchführen, das Interview für den Text aufbereiten, den Text schreiben, bebildern und dann gegenlesen.

Doch Magazine wie GameStar, Mein-MMO und Spieletipps monetarisieren die aufwendigen Inhalte fremder Personen, vermutlich ohne Zustimmung und ohne Beteiligung an der durch die News generierten Geldsumme. All das ohne großen Aufwand, ohne echte Recherche, ohne guten Journalismus – nein, es bleibt stattdessen beim Abgucken.

Gibt es eine Pointe? Nee, nur die folgende, spröde Erkenntnis: GameStar hat seit Anfang Februar allein zu Valheim 37 News geschrieben, viele davon über beliebte Reddit-Beiträge, aber die vielleicht wichtigste Nachricht der vergangenen Wochen, das berüchtigte Nemesis-Patent, hat die Redaktion ignoriert.

„Journalistischer Qualitätsanspruch“, wie es im Kodex heißt? Ja, whatever.

Nachtrag, 8.03.2021:

Auf Twitter wies mich ein Redaktionsmitglied von Mein-MMO darauf hin, der Autor der „Geheimes Schwert“-News habe das brennende Schwert selbst entdeckt, obwohl es offenbar derzeit nur durch Admin-Befehle zu bekommen ist und zufälligerweise wenige Tage vor der News von Mein-MMO auch bei Reddit erwähnt wurde. Ob der Autor tatsächlich ohne Reddit-Quelle das Schwert entdeckt hat, obwohl Mein-MMO mehrere News auf der Basis von Inhalten anderer schreibt, kann ich nicht überprüfen.


Mehr zum Thema:

GameStar und die Boulevard-Schlagzeilen: Drama, Baby!
Seit langem fällt das reichweitenstärkste Spielemagazin Deutschlands mit einer zunehmenden „Boulevardisierung“ der News auf. Auch hier wird Reddit regelmäßig als Quelle herangezogen.

Wie Spielejournalismus ohne Journalismus funktioniert, Thema heute: Leaks
Nicht nur für kuriose Bugs oder beeindrucke Bauwerke muss Reddit herhalten, auch für vermeintliche Leaks ist Reddit die erste Anlaufstelle für viele Magazine. Leider.


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6 Kommentare

  1. Das wirklich Desaströse (gemessen am eigens formulierten, journalistischen Anspruch der GS) ist doch, das im eigentlichen Testvideo scheinbar so viel Eigeninitiative nötig war, das der arme Redakteur, ganz ohne Hilfe durch Reddit, völligen Nonsense zum Survivalaspekt „Ernährung“ von sich gibt. So sagt er, bis dahin noch völlig richtig, das Essen kein Muss ist (wie in anderen Survivalspielen) weil es sehr schwer sei in Valheim den Hungertod zu sterben…. du hast selber hunderte Stunden Valheim gespielt. Wie schwer ist es in Valheim zu verhungern? Das ist per se nicht falsch, aber eben auch nicht richtig. Mir jedenfalls zeigt es, vor Allem vor dem Hintergund der ganzen Clickbaits, welche du (Jannik) oben schön aufgelistet hast, das es für die Gamestarredaktion inzwischen scheinbar recht müssig ist ihrem Hobby (Gaming) als auch ihrem Beruf (Journalist) gerecht zu werden. Es sei denn, es dreht sich um CP77, da vernachlässigt man nur seinen Beruf und wühlt sich wochenlang durch ein unfertiges Spiel nur um auch dem allerletzten Zweifler an der Qualität des Produktes klar zu machen, wie toll doch alle Mechaniken des Spiels sein könnten, wären sie nur integriert. Real vorhandene Spielmechaniken welche auch noch funktionieren länger als 1 Stunde zu ergründen ist nicht drin, weil kein Triple A Studio?! Ein Spiel dafür loben, das es im Early Access bereits besser funktioniert, als besagter Triple A Titel? Oldschool. Vermutlich aber hatten die Schweden von Iron Gates keinen Bock auf ein Saufspiel vor laufenden Mikros….

    (für alle Nicht-Valheim-Spieler, Achtung Spoiler: es ist UNMÖGLICH zu verhungern)

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  2. Danke für die Zusammenfassung die mir auch (und nicht nur) die letzten Tage und Wochen aufgefallen ist.
    Anscheinend ist Gamestar dazu übergegangen nicht mehr vorrangig über Videospiele zu berichten oder sie nach kurzer Auseinandersetzung damit kurz vorzustellen, stattdessen aber nahezu ausschlesslich aus Reddit profane Spielererlebnisse zu verwursten oder aber Foren-Meinungen zu Spieletiteln als Artikel aufzublähen.

    Es erscheinen wöchentlich zig neue Titel die durchaus einen Blick wert sind, doch Gamestar verlieren sich im Rahmen ihrer „News“ bzw „Berichterstattung“, immer mehr in einer Art „banality of the day“ und beschäftigen sich mehr mit dem was Spieler in angesagten Videospielen machen oder was sie darüber denken. Was höchst irritierend ist, da früher Gamestar davon gelebt haben, welche Erfahrungen die Spielredaktion selbst mit den Spielen gesammelt haben. Jetzt haben sie diese Tätigkeit und Erfahrung an Reddit Foristen „outsourced“ um darüber mit Zitaten von kryptischen gesichtslosen Forennamen zu berichten, wie die dort ein Game finden.
    Das ist dermaßen befremdlich und bizarr dass einem die Worte fehlen.

    Ich weiß nicht was bei diesem Magazin falsch läuft oder in welcher Krise sie sich befinden, doch wenn ich 1 mal die Woche ihre News der letzten Tage durchgehe, fass ich mir an den Kopf wie man soviel oberflächlichen Stumpfsinn produzieren kann und glaubt man hätte etwas journalistisch wertvolles geschaffen, indem man zig Artikel darüber schreibt, was für banale spassige Erlebnisse Spieler in einem Game haben, die in aufgeblähten Artikel verfasst werden die ein gewisses Niveau der Leser*innen beleidigen..

    Wenn ich andere Magazine mit Gamestar Verlgeiche, (4 Players als Beispiel), telle ich fest, dass Gamestar nicht mehr über Videospiele in ihrer inzwischen wunderbaren Diversität berichten möchten, sondern sich hauptsächlich als Branding- verstärkendes Trendmagazin verstehen, um aktuelle Marken vorranging immer wiederholend in die Schlagzeile präsentieren, was wiederum erklärt weswegen ihre Artikel nicht mehr Lust auf das Lesen ihrer Artikel machen, sondern auf emotionaler Ebene Lust auf das beschriebene Produkt erzeugen sollen.

    Letztes Beispiel war der Artikel über den entflohenen Gefängnissinsassen der nur deswegen gefasst wurde, weil er sich ein Videospiel kaufen wollte. So kurios und spassig diese Story war, so ernst ist es Gamestar mit dem Marken-Branding, die daraus eine fette CoD Story gebastelt haben.
    https://www.gamestar.de/artikel/haeftling-wegen-call-of-duty-geschnappt,3367709.html

    Auf seriösen (Non-gaming) Seiten als auch im englischen TV ist schlicht neutral von „Videogame“ die Rede gewesen, welches die Story darum nicht weniger kurios oder lustig macht. Doch Gamestar witterten auch hier ihre Chance zum wiederholten mal am Tag die Marke „Call of Duty“ öffentlichkeitswirksam ins Rampenlicht zu stellen.

    Für mich ist Gamestar heute nur noch eine witzbefreite Karikatur eines ehemals großen und beliebten Games-Magazins, die sich nichtmal mehr die Mühe machen an ihren zurückliegenden Zeiten wieder anzuknüpfen..Da helfen auch die wenigen Plus-Artikel nichts, die unterm Strich ihre Glanzzeiten nachzuäffen versuchen.
    Das kriegen die nie wieder hin.

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    1. So wie die GameStar-Chefredaktion und auch andere Redaktionsmitglieder nach außen kommunizieren, glaube ich, gibt es gar keine Krise. Sowohl wirtschaftlich als auch intern im Sinne einer Redaktionsleitlinie. Da läuft alles ziemlich rund. Die Zahlen sind super und steigen, das kann man ja sogar unabhängig von der Gamestar nachschauen; und derlei News werden regelmäßig damit begründet, dass man ja auf die Zahlen schauen müsse und Themen wie Valheim, Call of Duty, TES oder andere Trendspiele nun mal mehr gelesen werden als eine x-beliebige News zu einem Indiespiel. Da kommen dann so Totschlagargumente wie „ja eine News, die nicht gelesen wird, bringt niemanden was“, wurde schon oft genau so gesagt, und dann antworten die Leser*innen, ja aber wie wollt ihr wissen, dass die News nicht gelesen wird, und dann die Redaktion so, naja wie haben Instrumente um das genau zu messen/vorherzusagen, und dann haste auch keine Argumente mehr. Gamestar will Geld verdienen, und mit News zu Spielen, die sich bereits als Klickmagnet bewiesen haben, werden dementsprechend in der Berichterstattung bevorzugt. Ergibt zunächst ja auch Sinn, aber da stecken noch einige andere Sachen dazwischen, nämlich wenn elementare News wie das Spielmechanik-Patent komplett ignoriert werden, obwohl das weitreichende Konsequenzen haben könnte.

      Zumal Gamestar in Diskussionen auch wieder und wieder betont, wie oft diese Reddit-Inhalte gelesen werden. Tja. Kannste nicht dagegen argumentieren, Diskussion ist vorbei, zu den Clickbait-Headlines hat man sich mal wieder nicht geäußert, fertig. Kann man sich die Uhr nachstellen.

      Das Ding mit der Gefängnisinsassen-News find ich zunächst gar nicht so schlimm, also zumindest die Headline, mir geht’s da eher um die News als solche. Mag zwar lustig sein, ja gut, aber irgendwie fehlt der News doch die News. Wenn man als Magazin sowieso nur begrenzt News veröffentlicht und die oft genug aus banalen Reddit-Beiträgen bestehen, die aber immerhin noch direkten Bezug zu den Spielen haben, ist so eine Meldung über einen Typen der Call of Duty kaufen wollte nur noch absurd. Da bedient man im Zusammenspiel mit all den anderen Quatschinhalten die Zielgruppe von Boulevard-Medien.

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  3. Die News kann jeder kostenlos lesen. Warum sollte man da journalistische Qualität erwarten? Ich erwarte doch auch keinen Spielspaß von kostenlosen Smartphone-Spielen. Wer Journalismus möchte, der soll auch dafür bezahlen. Printmagazine sind nicht voll mit abgeschriebenen Reddit-Threads.

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    1. Artikel sind das Aushängeschild von Internet Magazinen. Niemand verlangt bei kostenlosen Artikeln oder News (oder was Gamestar bizarrerweise unter „News verstehen) großartige Tiefe. Doch ein Mindesmaß an journalisitscher Qualität sollte schon geboten sein.Wenn man so will, als Appetizer für mehr davon im Plus Bereich..
      Aber wenn Gamestar meint mit solchen gehaltslosen Artikeln neue Kunden für sich gewinnen zu wollen, sollen sie mal machen.
      Kostenlose Artikel sollen Lust auf zu bezahlende Inhalte machen und nicht dermaßen abstoßend wirken, alsdass sie eine Nötigung dazu darstellen endlich diesen Bullshit via Bezahlmodell loszuwerden.
      Im übrigen werden Plus Abonnenten von den kostenlosen Artikeln nicht verschont. Die dürfen genauso in den Genuß dieser journalistischen Minderleistung kommen.

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  4. @ Peter: Wenn die Bezahlinhalte (sog. Gamestar Plus) denn journalistisch wertvoll wären, würde ich dir ja Recht geben. Sind sie aber (Bis auf ganz wenige Ausnahmen) nicht. Verhält sich beinahe wie bei Bild und Bild+
    Der selbe Boulevard, auf allertiefstem Niveau, nur ohne Werbung, dafür aber mit persönlichen Meinungen der Autoren. Wenn Journalist sein so einfach ist, frag ich mich wozu es dafür ein Studium braucht…

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