Medienkritik

Berichte über Activision Blizzard: Ein Mangel an Aufklärung?

*** INHALTSWARNUNG: BERICHTERSTATTUNG ÜBER SUIZID ***

Eine kalifornische Behörde hat Klage gegen Activision Blizzard eingereicht. Grund: Eine zweijährige Untersuchung der Behörde legt nahe, wie insbesondere Frauen Sexismus und Diskriminierung innerhalb des Unternehmens erlebt haben. Es sind teils erschütternde Vorgänge, über die viele Medien derzeit berichten. Als Grundlage für die Berichterstattung beziehen sich viele Redaktionen auf internationale Magazine, die wiederum aus der Klageschrift zitieren. Dort wird unter anderem ein Suizid einer Mitarbeiterin von Activision Blizzard erwähnt. Sie soll das Ziel massiver Belästigung gewesen sein und sich auf einer Dienstreise mit einem Kollegen schließlich das Leben genommen haben.

Nun birgt jede Berichterstattung über einen Suizid Gefahren. In der Medienforschung ist das längst bewiesen. Daher gibt es verschiedene Leitfäden und Vorgaben für Redaktionen, um einen sogenannten „Werther-Effekt“, also der Anstieg von Suiziden nach medialer Berichterstattung, zu verhindern.

Leider interessiert das die Spielepresse nur bedingt.

Das „Nationale Suizidpräventationsprogramm“ veröffentlichte einen Leitfaden, in dem eine „suizidpräventive“ Berichterstattung empfohlen wird. Das kann unter anderem beinhalten, folgende Dinge zu erwähnen:

„Über Hintergründe der Suizidgefährdung und
Möglichkeiten der Hilfe.“

„Über Warnsignale und Risikofaktoren und über
konkrete überregionale und regionale Hilfsangebote.“

Auch die Stiftung „Deutsche Depressionshilfe“ veröffentlichte einen Guide für Medien. Ein potenzieller Nachahmungseffekt nach Berichterstattung sinke, wenn …

„Helplines und Hilfekontakte angegeben werden“

„Expertenmeinungen eingeholt werden“

Die Magazine GameStar, GamePro, PC Games, Eurogamer und Gameswelt haben den Empfehlungen keine Beachtung geschenkt. Sie bauschen das Thema zwar nicht auf, erwähnen aber in mindestens einem Satz oder mehr die Selbsttötung der Activision-Mitarbeiterin. Sobald ein Suizid in Berichterstattung dieser enormen Reichweite erwähnt wird, sollte stets ein kurzer Absatz folgen, in dem Hilfsangebote verlinkt und sichtbar gemacht werden. Mein-MMO etwa hat dies getan.

Hilfreich sei ebenfalls, gewisse Begriffe zu vermeiden, etwa „Selbstmord“. Der „Arbeitskreis Leben e. V.“ schreibt:

„Wenn ein Mensch sich selbst getötet hat, reden wir umgangssprachlich von Selbstmord. Der Begriff enthält den Wortteil Mord und lässt die Selbsttötung als eine Straftat, als ein Verbrechen aus niederen Beweggründen erscheinen. Selbsttötung ist kein Verbrechen!“

PC Games beherzigt dies nicht und schreibt in einer Zwischen-Überschrift:

„Angestellte beging Selbstmord“

(Quelle)

Auch Eurogamer schreibt:

„Weitere Beispiele schildern sogar die Geschichte eines Selbstmords, die mit den Belästigungen bei Activision Blizzard in Verbindung stehen soll.“

(Quelle)

Und Gameswelt:

„Eine Mitarbeiterin soll gar während eines Firmentrips mit einem Vorgesetzten Selbstmord begangen haben […]“

(Quelle)

Die Berichterstattung der Spielepresse lässt sich nicht vergleichen mit Texten aus dem Boulevard-Journalismus, der bereits in Headline und Einleitung so gut wie alles falsch macht und damit tatsächlich Menschenleben gefährdet. Doch selbst das absolute Minimum, sprich: die Erwähnung von Hilfsangeboten und die Vermeidung von bestimmten Begriffen, ist vielen Magazinen nicht bekannt, obwohl täglich zehntausende Menschen erreicht werden und damit eine Verantwortung einher geht. Zumal einige der Magazine bei vergleichbaren Meldungen der Empfehlung nachgekommen sind, umso unverständlicher nun die aktuelle Situation. Liegt es an mangelnder Aufklärung in den Reihen der Redaktionsmitgliedern? Hat man es schlicht vergessen, weil Berichterstattung über Selbsttötungen zumindest in der Spielepresse selten sind? Mangelt es an Zeit?


Tatsächlich haben sich einige Redaktionen dafür entschieden, den Vorfall nicht in der ursprünglichen Meldung aufzunehmen. Zeitungen wie die Frankfurter Allgemeine lassen in der Berichterstattung die Selbsttötung aus. Auch Gameswirtschaft erwähnt das Thema nicht, ebenso SPIEGEL und die Sportschau mit Material von der Nachrichtenagentur dpa.

Die Beschreibungen in der Klageschrift zeichnen ein schockierendes Bild bei Activision Blizzard. Das steht nicht zur Debatte. Darüber muss berichtet werden. Ob das Interesse der Öffentlichkeit die Gefährdung, die von einer Berichterstattung über Selbsttötungen ausgeht, überwiegt, muss aber von Fall zu Fall entschieden werden.

Entschließen sich einzelne Redaktion mit enormer Reichweite zur Berichterstattung, muss zwingend eine sensible Herangehensweise gewährleistet werden. Eine Erwähnung der Selbsttötung sollte dann unbedingt mit Warnhinweisen und Hilfsangeboten versehen werden. Entsprechende Hilfsangebote zu suchen und in den Text einzufügen, dauert zumindest länger, als die News plump zu übersetzen. Man sieht derzeit, wer die Mehrarbeit zu leisten bereit ist – und wer nicht.

Wichtige Links:

Wenn du dich mit dem Gedanken der Selbsttötung befasst, sprich mit der TelefonSeelsorge. Telefonisch unter 0800/1110111 oder 0800/1110222, per Mail oder Chat unter https://online.telefonseelsorge.de.
Hilfe bei depressiven Gefühlen und Suizidgedanken bietet auch der KrisenKompass der TelefonSeelsorge: Kostenlos zum Download im App Store und im Play Store.

Disclaimer: Obwohl mir Hinweise zum Umgang mit Selbsttötungen in Texten bekannt sind, habe ich in zwei älteren Artikeln, in denen ich das Thema aufgriff, nur bedingt richtig gehandelt. In einem Text habe ich zwar eine Inhaltswarnung eingefügt, am Ende aber keine Hilfsangebote verlinkt. In einem anderen Text habe ich auf die Stiftung „Deutsche Depressionshilfe“ verwiesen mit dem Hinweis auf Hilfsmöglichkeiten, aber nicht explizit am Ende des Textes als konkrete Ansprache. Dafür bitte ich um Entschuldigung. Auch wenn meine Seite nur einen Bruchteil der Menschen erreicht, die Magazine wie GameStar oder PC Games täglich erreichen, sollte ich den Ansprüchen gerecht werden, die ich an andere Magazine stelle, insbesondere bei so wichtigen Themen. Deshalb habe ich die Hinweise nachgetragen.

1 Kommentar

  1. Meiner Meinung nach ist es kein Mangel an Aufklärung der Spieleredaktionen sondern ein Mangel an Fein- und Verantwortungsgefühl und kognitiver Transferleistung der Redakteure/Redaktionen, gepaart mit der Kaltschnäuzigkeit, dass ein Artikel möglichst viele Klicks hervorufen soll, vollkommen unabhängig davon welchen Nutzen oder Mehrwert die Leser haben. Dieser ist den Games Portalen nahezu egal.

    Für die genannten Gamemagazine sind die Leser imho schlicht „Klickvieh“ welches zum klicken animiert werden sollen, solange deren Metrics stimmen.

    Soviel geballte dumpfe Inkompetenz begegnet einem nur im Gaming-Journalismus. Das sind keine „Redakteure“, sondern typische Zocker die mal gerne über ihr Hobby schreiben, bar jeglichen journalistichen Könnens und Verantwortungsgefühl.

    Jeder Durchschnittsblogger bringt mehr Kompetenz und Verantwortungsgefühl mit als diese Gaming-Stümper in den Spieleredaktionen.

    Gefällt mir

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