Medienkritik

Berichte über Activision Blizzard: Konsequent inkonsequent

Vom einstigen Ruhm ist was geblieben? Nicht viel. Blizzard war das wohl beliebteste Studio der Welt. Zumindest für PC-Spieler*innen. Nicht erst seit dem jüngsten Skandal rund um Sexismus, Belästigung und Diskriminierung sowohl bei Blizzard als auch Activision leidet der Ruf. Vermurkste Spiele wie Warcraft 3 Reforged haben ebenso dazu beigetragen. Nachdem über Wochen hinweg kaum ein Tag ohne Neuigkeiten verging, die Einzelheiten über die Arbeitsbedingungen bei Activision Blizzard enthüllten, war bereits nach kurzer Zeit klar: Der Spielepresse fehlt es an Interesse an einem der größten Skandale der jüngeren Branchengeschichte.

Und doch stimmt das nur zur Hälfte.

Deutschsprachige Magazine brauchen – als generelle Faustregel – fast immer länger als die internationale Spielepresse, zumindest abseits eilgemeldeter Breaking-Trailer-News und 30-minütige Analysen, die die 30-sekündigen Breaking-Trailer-News genüsslich untersuchen. Tage nach den ersten Enthüllungen, also der Einreichung der Klage, berichteten die Redaktion ausschließlich mit News, also Texten, die englischsprachige Artikel übersetzten.

Nach und nach trudelten erste Kolumnen, Einordnungen und Diskussionen ein, besser spät als nie bei einem Skandal in dieser schlicht erschütternden Tragweite – und doch zeigt sich gleichzeitig die ignorante Fratze der Spielepresse, denn für Kontext zu sorgen, scheint einige Redaktionen schlicht zu überfordern.

Inhalt:


Kurz nach der Klage: Lob für Blizzard

Am 22. Juli gehen erste Meldungen über Activision Blizzard online, auch branchenfremde Zeitungen und Magazine berichten. Es kommt zum Streik, zu Aufrufen für Gewerkschaftsbildung, zu etlichen geschmacklosen Stellungnahmen seitens des Publishers. Zwei Wochen später scheint der Skandal, in seinem Detailgrad erschreckend präzise dargestellt, kaum mehr Thema.

Am 4. August titelt zum Beispiel GamePro:

„Diablo Immortal erscheint erst 2022, weil Blizzard auf Community hört“

(Quelle)

Mitten im Shitstorm, den Activision Blizzard derzeit aussitzt, veröffentlicht Blizzard ein umfangreiches Statement, das den Spielerinnen und Spielern zeigen soll, wie Ernst man es mit dem Feedback meint bezüglich Diablo Immortal. Man kann das glauben – oder nicht. Blizzard geriet bereits vor dem aktuellen Skandal in, liebevoll ausgedrückt: verflixte Schieflage, als das Studio diverse „Versprechen“ beim Remake von Warcraft 3 nicht umsetzte. Ebenso hat Blizzard den eSportler „blitzchung“ gebannt, weil er sich für die Proteste in Hongkong ausgesprochen hat.

Ausgerechnet dieses Studio namens Blizzard, das derzeit vermutlich den größten Skandal der Firmengeschichte erlebt und bereits in Vergangenheit die Wünsche der Spielenden mit Füßen getreten hat, soll nun auf die Community hören?

GamePro sagt: jo.

„Zehntausende Spieler*innen hatten die Chance, den Mobile-Titel Diablo Immortal vorab in einer Alpha-Phase zu testen. Eigentlich sollte das Action-Rollenspiel noch in diesem Jahr erscheinen. Doch das Entwicklerteam von Blizzard hat sich das Feedback der Spielerschaft zu Herzen genommen und den Release erst einmal verschoben.“

Und weiter:

„Das Entwicklerteam möchte noch einige weitere Spielinhalte einbauen, die sich Spielende der Alpha-Phase gewünscht haben. Dazu zählen Änderungen im PVE, PVP, Fortschrittssystem und eine Implementierung einer Controllersteuerung.“

Wie nett vom Entwicklerteam, sich die Wünsche zu „Herzen“ zu nehmen. Und wie leichtgläubig, ausgerechnet jetzt das Statement des Studios eins zu eins zu übernehmen. Tatsächlich hat Blizzard das alles so gesagt. Nur braucht es zwingend Kontext, wenn besagtes Unternehmen die größte PR-Krise der Firmengeschichte erlebt und dann ein solches Statement veröffentlicht.

Dass GamePro das Statement des Teams zu Diablo Immortal zitiert, ist kein Problem, denn schließlich sind die Änderungen und die Verschiebung eine Nachricht wert. Allerdings zeichnet GamePro hier ein bewusst freundliches Bild von Blizzard, nicht nur indem die Redaktion die Updates zum Spiel unkommentiert übernimmt, sondern auch mit einer unkritischen Headline ein schmeichelhaftes Verhalten in den Vordergrund rückt. Der aktuelle Skandal wird mit keinem Wort erwähnt, nicht mal kurz verlinkt.

Worauf GamePro stattdessen verlinkt: auf zwei Previews und eine News.

Auch PC Games berichtete über die Verschiebung. Bei Google ist folgende Headline zu lesen:

„Diablo Immortal: Release verschoben, Blizzard hört auf Feedback der Spieler“

Auf PCGames.de selbst heißt es:

„Diablo Immortal: Release definitiv nicht mehr in diesem Jahr“

(Quelle)

Auch PC Games übernimmt den freundlichen Tenor:

„Wie Blizzard in einem aktuellen Status-Update erklärt, will das Team das Feedback aus den bisherigen Testläufen umsetzen und zahlreiche Verbesserungen an einigen der Gameplay-Aspekte vornehmen.“

Das kann man so schreiben. Mindestens im nächsten, eher in einem dicken Absatz am Ende der News sollte dann aber erklärt werden, in welch horrenden Zustand die Arbeitsbedingungen in jenem Studio sind, das möglicherweise durch das Statement ein positives Bild in den Vordergrund rücken und von den Enthüllungen und Rücktritten ablenken will.

4Players gibt sich ebenfalls unwissend.

„Diablo Immortal: Wurde auf 2022 verschoben“

(Quelle)

„Die Hörner brauchen noch etwas mehr Feinschliff“, schreibt die Redaktion, hihi, „Hörner“, weil wegen Teufel und Diablo und Verschiebung, und der Skandal? Der wird natürlich nicht erwähnt.

Gamersglobal?

„Diablo Immortal: Release auf 2022 verschoben“

(Quelle)

Auch hier die unkritische Übernahme des Statements:

„Im Blizzard-Blog hat der Entwickler nun verkündet, dass der Releasetermin in die erste Hälfte des Jahres 2022 verschoben wurde und geht damit auf das Feedback ein, das er im Zuge der Closed Alpha von den Spielern erhalten hat.“

Eine Erwähnung der aktuellen Ereignisse? Nein.

Ausgerechnet das Schwestermagazin von PC Games, namentlich Buffed, hat das Thema in der News erwähnt. Ein bisschen.

„Bei Blizzard geht’s derzeit … sagen wir mal … turbulent zu, dementsprechend überrascht es wohl niemanden, dass die Entwickler von Diablo Immortal nun den Release des Mobile-Games von 2021 auf das erste Halbjahr 2022 geschoben haben.“

(Quelle)

„Turbulent“ mag eine brutale Untertreibung dessen sein, was besonders Frauen bei Blizzard ertragen mussten, aber immerhin lässt Buffed den Skandal nicht unerwähnt und fährt mit einer angemessenen Überleitung fort.

„Die offizielle Begründung für die Verschiebung liest sich wie folgt:“

(Quelle)

Es folgt ein Auszug aus dem Blizzard-Posting, das Buffed als „offizielle Begründung“ angibt, aber nahelegt, dass es sich auch um eine Reaktion auf die Enthüllungen der vergangenen Tage handeln könnte. Leider verlinkt die Redaktion an keiner Stelle auf einen Text, der die Situation näher erläutert, sodass es bei einer vagen, für uninformierte Leser*innen sogar verwirrenden News bleibt. Mein-MMO lässt das Thema ebenfalls aus, verlinkt aber in einem Kasten für „auch interessante“ Texte auf weiterführende Artikel.

(Quelle)

Ganz schön dreist wird es bei Gameswelt:

„Blizzard Entertainment sorgt derzeit ja auch auf andere Art und Weise für negative Schlagzeilen, doch in dieser Meldung konzentrieren wir uns auf das eigentliche Kerngeschäft des Studio: dem Entwickeln von Spielen.“

(Quelle)

Das muss man sich mal in die Birne kleistern: Eine Klage wegen Diskriminierung und Sexismus wird gegen Activision Blizzard eingereicht, die insbesondere ein verheerendes Bild bei Blizzard offenbart, es folgen mehrere Artikel internationaler Magazine, die weitere Belästigungen und Probleme aufdecken, die zum Beispiel in der folgenden Situation entstanden: „dem Entwickeln von Spielen“, wie Gameswelt es nennt, und ausgerechnet in der Situation werden die Umstände der „negativen Schlagzeilen“ nicht weiter erläutert, schlimmer noch: relativiert?

Das ist wild. Da weiß man gar nicht, was schlimmer ist: Die Nicht-Erwähnung des Skandals bei Spieletipps und PC Games Hardware oder das Kleinreden bei Gameswelt. Einzig Eurogamer hat den Skandal in mehreren Absätzen kurz erklärt und auf drei weitere Artikel zum Thema verlinkt.

Es bleibt jedoch nicht bei nur einer News über Blizzard-Spiele, wie weitere Nachrichten zeigen.


GameStar und Diablo 2

Allein Diablo 2: Resurrected und GameStar stehen exemplarisch für die Situation der Spielepresse.

„Diablo 2 Resurrected: Die offiziellen Infos zum Start der Open Beta sind da“

(Quelle)

„Diablo 2 Resurrected: Das Intro zeigt, wie viel besser die neuen Cutscenes sind“

(Quelle)

„Diablo 2 Resurrected streicht Multiplayer-Feature, aber wie wichtig ist P2P überhaupt?“

(Quelle)

Alle drei News enthalten kein Wort zum Skandal. Tatsächlich nimmt die GameStar-Redaktion sich stattdessen die Zeit, die alten und neuen Cutscenes per Slider-Feature zu vergleichen.

Mein-MMO sammelt Feedback aus der Community zur Diablo-Beta.

„Diablo 2 Resurrected: Beta startet mit Problemen – das sagt die Community“

(Quelle)

Über die Klage verliert die Redaktion kein Wort. Genau so wie PC Games in folgender News:

„Diablo 2 Resurrected: Termin für die Open Beta, Microsoft Store zeigt Datum“

(Quelle)

Es ließe sich beliebig fortführen. Von verschiedenen Redaktionen über mehrere Diablo-Themen hinweg.

„Diablo 2 Resurrected: Spieler vermissen die Lobby auf Xbox und PlayStation – Darum ist sie wichtig“

(MeinMMO)

„Diablo 2: Resurrected startet Beta – Ihr könnt über einen Monat vor Release spielen“

(MeinMMO)

„DIABLO II: RESURRECTED Termin für die offene Beta steht fest“

(Gameswelt)

„Diablo 2 Resurrected: Blizzard zeigt die überarbeiteten Zwischensequenzen aus Akt 1 und Akt 2“

(4Players)

„Diablo 2 Resurrected: Frühzugangswochenende und offener Betatest stehen an; TCP/IP-Unterstützung gestrichen“

(4Players)

„Diablo 2 Resurrected: Beta-Start schon bald? – News“

(GameStar Youtube)

„DIABLO 2 RESURRECTED PREVIEW“

(Gamersglobal)

Keiner der obigen Texte oder Videos verweist auf die Klage.

Gamersglobal schreibt 19 (!) Absätze in einer Preview zur aktuellen Beta – und schafft es nicht ein einziges Mal, die aktuelle Situation bei Activision Skandal zu verlinken oder zu erläutern.

Bei einem anderem Spiel des Unternehmens wird das Problem noch deutlicher: Call of Duty, über das zuletzt massiv berichtet wurde. Nur halt nicht über die klägliche Situation beim Publisher.


Keine Erwähnung bei Call of Duty

Viele der Vorwürfe der Klageschrift beschreiben Situationen bei Blizzard, doch die Klage selbst richtet sich gegen Activision Blizzard als Unternehmen, da Blizzard durch die Fusion von Activision und Vivendi Teil des Publishers wurde. Die größte Videospielmarke der Welt Call of Duty wird dabei von Activision Blizzard in der Funktion als Publisher finanziert und verkauft. Die gegen den Publisher gerichtete Klage kommt in der aktuellen Berichterstattung zum Spiel allerdings kaum vor.

Seit Bekanntwerden der Klage hat GameStar mehrere News veröffentlicht oder aktualisiert.

„Call of Duty: Vanguard soll Warzone drastisch verändern“

(Quelle)

„Das größte Problem von CoD Warzone soll behoben werden – dank Vanguard“

(Quelle)

„CoD Warzone: Unerwartetes Match-Ende bestätigt WW2-Setting von Vanguard“

(Quelle)

„CoD Vanguard: So seid ihr beim Reveal in Warzone dabei“

(Quelle)

„Leaks aus CoD Vanguard: Reaktion der Entwickler überrascht alle – und begeistert viele“

(Quelle)

In keiner News wird die Klage gegen das Unternehmen erklärt. Erwähnenswert ist zudem der Umgang mit Activisions Reaktionen auf Leaks, die die letzte News thematisiert. Die Headline deutet bereits an, wie Spieler*innen „begeistert“ seien, da die Kanäle von Call of Duty in sozialen Kanälen humorvoll auf Leaks des neuen Teils Vanguard reagierten. Das sei „untypisch“, schreibt GameStar, da derlei Inhalte oft kommentarlos von Activision Blizzard gesperrt werden. Weiter heißt es:

„Dieser Kurswechsel bleibt natürlich von den großen Namen der CoD-Community nicht unbemerkt. Tom Henderson bestätigt auf Twitter, dass der gezeigte Ausschnitt aus dem geleakten Reveal-Trailer stammt und fügt hinzu »Ehrlich gesagt liebe ich, wie sie damit umgehen …« […] Auch die Fans spielen das Spiel begeistert mit, antworten mit zahlreichen Memes und fordern mehr Infos. Allem Anschein nach ist dieser neue Umgang mit Leaks also nicht die schlechteste Idee.“

Activision Blizzard sieht sich vermutlich dem größten Imageschaden in der Firmengeschichte gegenüber, als das Unternehmen bei Leaks plötzlich mit Memes und Gags reagiert, obwohl der Publisher zuvor rigoros gegen solche Inhalte vorgegangen ist. Vielleicht hat das eine mit dem anderen zu tun. Beweisen lässt sich das freilich nicht, doch Journalist*innen sollten in der Lage sein, diesen Kontext herzustellen.

Auch GamePro veröffentlichte mehrere News zum Spiel, keine davon enthält einen Hinweis zur aktuellen Situation bei Activision Blizzard. In den vergangenen Tagen veröffentlichte PC Games, Gamersglobal und Mein-MMO weitere News, alle ohne Kontext zu den aktuellen Ereignissen.

Problematisch ist das vor allem deshalb, weil fast alle Redaktion wissen, wie es besser geht.


News-Hinweise bei Diablo

Bewiesen haben die Magazine das bei einem Blizzard-Spiel, zumindest teilweise. In einer News über Diablo 2 Resurrected schrieb GamePro folgendes:

(Quelle)

PC Games schrieb in einem Vergleich von Zwischensequenzen:

„Im Zuge der laufenden Klage gegen Activision Blizzard und Entwickler Blizzard Entertainment mussten weitere Angstellte ihren Posten räumen. Nachdem bereits der Präsident J. Allen Brack abgedankt hat, hat man sich nun auch von Luis Barriga und Jesse McCree getrennt, beide Schlüsselfiguren für die Entwicklung von Diablo 4. Alle Hintergründe und Infos zur Sexismus-Klage gegen Activision Blizzard findet ihr hier im Special mit Video.“

(Quelle)

In einem Artikel über das Feedback der Spielerinnen und Spieler zur Diablo-Beta erwähnt GameStar den Skandal.

„Und es gibt einen weiteren Punkt, der häufig angesprochen wird: die Klage gegen Activision Blizzard wegen Diskriminierung, Sexismus und Missbrauch. Wir haben die schweren Vorwürfe, die der kalifornische Staat erhebt, für euch zusammengefasst. Viele Diablo-Fans wollen das Studio nach den Enthüllungen nun nicht mehr unterstützen.“

(Quelle)

Obwohl in jedem Fall geschrieben wird, die Klage richte sich gegen Activision Blizzard und eben nicht ausschließlich an Blizzard, scheitert die Spielepresse daran, den Kontext bei jenen Titeln herzustellen, die von Activision als Publisher verkauft und finanziert werden. Die englischsprachige Presse schafft das besser. RockPaperShotgun etwa schreibt in einer News zu Call of Duty:

„Information continues to flood out from Call Of Duty publisher Activision Blizzard about an alleged toxic workplace culture, including multiple allegations of sexual harassment. Earlier today, Blizzard confirmed that several senior developers were leaving the company, while Polygon reported on the experience of the company’s quality assurance testers and customer service reps.“

(Quelle)

Polygon schreibt in einem Text zur Vanguard-Ankündigung folgendes:

„In advance of Vanguard’s reveal, Call of Duty publisher Activision Blizzard faces wide-ranging allegations that it maintains a toxic workplace environment that is particularly hostile to women, pays them less, and subjects them to sexual harassment, and that perpetrators are not meaningfully punished, according to a lawsuit filed by California’s Department of Fair Employment and Housing in July.“

(Quelle)

PC Gamer hat in einer Call-of-Duty-News einen Kasten eingebaut.

(Quelle)

Screenrant beginnt etliche News zu Call of Duy mit einer „editor’s note“.

„Editor’s Note: A lawsuit has been filed against Activision Blizzard by the California Department of Fair Employment and Housing, which alleges the company has engaged in abuse, discrimination, and retaliation against its female employees.“

(Quelle)

Game Informer informiert die Leserinnen und Leser zu Beginn einer News zu Call of Duty wie folgt:

„It is important to keep in mind what is going on within Activision Blizzard at this time regarding ongoing allegations about the work culture. The ongoing lawsuit from the California Department of Fair Employment and Housing (DFEH) against the company is over reported toxic workplace culture. The bulk of the suit focuses on „violations of the state’s civil rights and equal pay laws,“ specifically regarding the treatment of women and other marginalized groups.“

(Quelle)

Gamespot schließt eine News so ab:

„We should hopefully know more soon, as Activision is expected to officially announce Vanguard today, August 19. The reveal is happening as parent company Activision Blizzard is being sued by the state of California for sexual harassment and discrimination against women.“

(Quelle)

Auch das Magazin VG247 schreibt in einer News:

„The news comes in the midst of major turmoil within Activision Blizzard following the State of California’s lawsuit against it, alleging widespread discrimination, abuse, and harassment.“

(Quelle)

Auch abseits kleiner News-Meldungen, etwa in Previews, zieht die deutschsprachige Spielepresse keine Verbindung zur aktuellen Lage. Und das, obwohl sogar das Studio Sledgehammer Games die Probleme offen adressiert.


Previews zu Call of Duty

Aktuell veröffentlichen mehrere Magazine redaktionelle Previews zu Vanguard. Grundlage der Artikel ist eine Livepräsentation, an der Presse-Vertreter*innen online teilnahmen, wie etwa GameStar schreibt.

„Unsere Eindrücke basieren auf einer knapp 90minütigen Live-Präsentation, an der wir per Videochat teilnahmen. Selbst spielen konnten wir nicht. Die Entwickler erklärten Details zur Entwicklungsgeschichte, zeigten Screenshots, Artworks, den Reveal-Trailer sowie frühe Gameplay-Aufnahmen aus Kampagne und Multiplayer. Am Ende konnte die Presse Fragen im Rahmen einer Q&A-Session stellen.“

(Quelle)

Ganze 32 Absätze hat die GameStar-Redaktion in jener Vorschau veröffentlicht. Nicht einer erhält Informationen rund um die aktuelle Lage bei Activision Blizzard. Geradezu grotesk wirkt es dann, wenn das englischsprachige Magazin Gamespot schreibt, das Studio hinter Vanguard habe die Probleme selbst angesprochen – in der Presse-Präsentation.

„Though Sledgehammer was there to give the lowdown about Vanguard, the studio didn’t ignore the state of California’s recent discrimination lawsuit against Activision/Blizzard. At the start of the presentation, Sledgehammer studio head Aaron Halon addressed the situation.“

(Quelle)

Weiter heißt es:

„Halon said Sledgehammer couldn’t comment on the lawsuit, but said the studio is „committed to making sure all team members feel safe, welcome, and respected.“

Bemerkenswert sind hier nicht nur die offenen Worte eines Chefs, dessen Studio nur bedingt von der Klage betroffen ist, auch den Start der Präsentation so unverblümt zu formulieren, überrascht. Eurogamer schreibt ebenfalls über die Präsentation:

„Sledgehammer Games addressed the recent Activision Blizzard allegations while announcing Call of Duty: Vanguard. In a virtual preview of the upcoming shooter attended by Eurogamer, Sledgehammer Games studio head Aaron Halon addressed the allegations before revealing game details.“

(Quelle)

Polygon erwähnt den Präsentationsstart ebenso in einem ausführlichen Absatz:

„Before Sledgehammer developers got into the details about their new game, however, studio head Aaron Halon addressed the lawsuit against owner-publisher Activision Blizzard.“

(Quelle)

Auch die Washington Post berichtet vom ungewöhnlichen Beginn des Events.

Ob der GameStar-Redakteur an der gleichen Präsentation teilnahm, ist nicht bekannt, dürfte aber wahrscheinlich sein. Derlei Präsentationen und Presse-Events sind streng durchgetaktet und werden vorher geplant und geprobt; selbst wenn GameStar einer späteren oder früheren Runde beiwohnte, wird der Start vermutlich der gleiche sein, zumal mehrere internationale Magazine unabhängig voneinander darüber berichten.

Und selbst wenn die Präsentation anders aussah, benefit of the doubt und so: GameStar schreibt, man hatte am Ende die Möglichkeit zum Fragestellen. Warum die Gelegenheit nicht genutzt wurde, eine Stellungnahme zur aktuellen Situation zu bekommen, bleibt fraglich. Worüber GameStar stattdessen schreibt: Vanguard habe mehr Maps als der Vorgänger, man kann Waffen an Türrahmen anlegen und „sogar blind aus der Deckung feuern“. Deutlich realistischer wirken „Mündungsfeuer, Rauch und Partikel“, heißt es. In einer Szene fallen Bücher aus einem Regal und Papierfetzen „segeln“ zu Boden, weil jemand draufgeballert hat.

Ganz klar: GameStar schreibt über die wirklich wichtigen Dinge. Genau wie der Redakteur von Mein-MMO, der ebenfalls an einer Präsentation teilnahm. Sein „persönliches Highlight“ sei ein „feindlicher deutscher Soldat“, oder auch: Nazi, und der habe sich hinter einer, ähm, Wäscheleine bewegt, „dessen Silhouette dynamisch auf das im Wind wehende Wäschestück projiziert wurde“. Man glaubt es kaum. Gameswelt schließt sich der Berichterstattung an und erwähnt die Klage ebenfalls nicht, genau wie 4Players.

Dass es besser geht, zeigt GamePro und erwähnt den Skandal am Ende der Preview und verlinkt auf einen Übersichtsartikel. Auch PC Games lässt das Thema nicht unerwähnt, leider nur hinsichtlich potenzieller Verkaufszahlen.

„Zwar hat Vanguard mit der Kampagne einen Vorteil auf seiner Seite, doch ob der Einzelspieler-Modus, den es im neuen EA-Shooter nicht geben wird, den Konkurrenzkampf zugunsten von Call of Duty entscheiden kann, steht noch in den Sternen. Auch der aktuelle Sexismus-Skandal rund um Activision Blizzard wird sich in den Verkaufszahlen voraussichtlich bemerkbar machen.“

(Quelle)

Alpha-Event von Call of Duty

Innerhalb der vergangenen Tage haben Magazine weitere redaktionelle Artikel über Call of Duty Vanguard veröffentlicht, da Activision den Zugang im Rahmen einer Alpha erlaubte. Das PC-Magazin GameStar etwa veröffentlichte eine Preview über den sogenannten „Champion Hill“-Modus, den die Redaktion auf, naja, PS4/PS5 ausprobiert hat.

Viel zu sagen hat GameStar. Zum Beispiel über Waffen. 12 seien bislang bekannt, die auch in der Alpha spielbar waren. Das Zielen funktioniere „flüssig“, es fühle sich „wuchtig“ an, heißt es. Und, oh, ganz wichtig:

„Was die Time-to-Kill angeht – die kam uns ähnlich kurz vor wie aktuell in Warzone.“

(Quelle)

Es folgen zwei Absätze über’s „Sprinten, Springen und Sliden“, und dann geht’s später auch um’s „zerschießen“ von „vernagelten Fenster[n]“ und „hölzerne[n] Buden“. Und, ähm, ja, hierdings:

„Fällt euch etwas auf? Genau, alles Holz. Wir haben in unserer Anspiel-Session kein anderes Material gesehen, das sich zerstören lässt (abgesehen von Glas, aber das gab’s ja schon länger).“

Die Klage gegen den Publisher des Spiels? Wird im Artikel verschwiegen. Ebenso in einem Meinungsartikel von MeinMMO, in dem der Autor zum Beispiel über die „schlechte Sichtbarkeit von Feiden“ schreibt. Und weil ein unfertiges, lediglich wenige Stunden ausprobiertes Spiel nach spielejournalistischer Logik mit Pro-Contra-Punkten bewertet werden kann, folgen jeweils sechs Stärken und Schwächen – und, na klar, nicht mal eine kleine Verlinkung auf die Probleme bei Activision Blizzard. Genau wie bei Gameswelt.


Stichwort „Verlinkung“

In Previews finden Redaktionen aller Art übrigens durchaus Zeit, auf andere Inhalte zu verlinken. Viel Zeit. Enorm viel Zeit. Zeit, so brutal überwältigend in der Masse, dass einem das Zählen nicht mehr möglich ist. In der Vorschau zur Vanguard-Alpha hat GameStar zum Beispiel folgende Inhalte verlinkt:

  • Einen Übersichtsartikel mit allen bisherigen Infos.
  • Eine News über Waffen.
  • Eine Kolumne.
  • Zwei Videos.
  • Eine Analyse.
  • Und ein FAQ-Artikel.

Nichts davon enthält Informationen zur Klage. In dem erwähnten Meinungsartikel von MeinMMO gibt’s acht Links, etwa auf Youtube-Videos oder Beta-Infos, aber nix zur Klage. Die Gameswelt-Vorschau enthält zwei Links, und zwei Mal darf man raten, auf welche Inhalte sie nicht verweisen.


Eine dritte Vanguard-Preview

Nach der Preview zur Enthüllung von Vanguard und der Preview zum Alpha-Event haben mehrere Magazine nun eine dritte Vorschau auf das Spiel veröffentlicht. Die drei deutschsprachigen Magazine GameStar, Mein-MMO und Eurogamer haben den Multiplayer-Modus mehrere Stunden getestet und umfangreiche Texte darüber geschrieben. Mein-MMO etwa listet alle bekannten Waffen, Loadouts und Killstreaks auf. Keines der drei Magazine erwähnt die Klage.

International dagegen sieht es anders. Ein Großteil der englischsprachigen Magazine weist teils deutlich auf die Situation bei Activision Blizzard hin, darunter Game Informer, Gamebyte, Venturebeat, IGN, PC Gamer, Gamesradar, NME und Metro.


Kolumne der GameStar

Der deutschsprachigen Spielepresse muss man zwar in einigen Fällen eine zweifelhafte Langsamkeit attestieren, immerhin kommt die Berichterstattung – abseits der News – nun in die Gänge. PC Games veröffentlichte einen Artikel und ein Video, die den „Niedergang“ von Blizzard erläutern, ebenso arbeitet ein Video den aktuellen Skandal auf. Der Redaktionsleiter schrieb einen Kommentar zur Lage, eine Kolumne spricht davon, man müsse mehr „Solidarität“ entwickeln, dazu kommen viele News zu einzelnen Ereignissen, etwa über Protestaktionen und Rücktritte.

Auch GameStar berichtet, etwa in Form einer Diskussion der Chefredaktion zusammen mit MeinMMO. Besonders bemerkenswert fiel eine Kolumne des Chefredakteurs aus, in der er die Klage gegen Activision Blizzard kommentiert, vor allem aber die Rolle der GameStar erwähnt. Man sei fast 20 Jahre lang „eine männlich dominierte Redaktion“ gewesen, heißt es. Man habe Inhalte veröffentlicht, für die sich der Chefredakteur heute „schämen“ würde, es damals aber nicht tat.

Tatsächlich haben aktuelle Ereignisse direkte Auswirkungen auf die Berichterstattung der GameStar. So schreibt der Chefredakteur:

„Ganz konkret werden wir ab sofort bei sämtlichen Testartikeln einen Informationskasten einbauen, sollte es Berichte über problematische Ereignisse im Zuge der Entwicklung geben wie Crunch oder Diskriminierung. Wir wissen, dass dies inzwischen für viele von euch relevante Informationen für eine Kaufentscheidung sind.“

Außerdem wolle man sich stärker bemühen, „mehr Aufmerksamkeit für Frauen in der Games-Branche zu schaffen“.

Das dürfte ein Meilenstein sein in der Geschichte der GameStar. Mehr noch: im deutschsprachigen Spielejournalismus. Um das zu verstehen, hilft ein Blick in die gar nicht so weite Vergangenheit: Ubisofts Umgang mit sexueller Belästigung und problematischen Arbeitsbedingungen und das dazugehörige Schweigen der Spielepresse. Im Sommer 2020 veröffentlichten mehrere Medien, darunter die französische Zeitung Libération und das amerikanische Bloomberg, eine Reihe von Artikeln, in denen anonyme Mitarbeiter*innen zu Wort kommen und eine toxische Arbeitskultur aufzeigten. Unter anderem betraf es Studios in Paris, Montreal und mittlerweile auch Singapur.

Zudem ergab eine firmeninterne Befragung von Ubisoft-Angestellten, dass 25 (!) Prozent der Befragten Fehlverhalten am Arbeitsplatz erlebt haben. Laut diversen Quellen soll auch die Führungsriege rund um CEO Yves Guillemot von den Problemen gewusst, aber nicht gehandelt haben.

Wen hat das in der redaktionellen Berichterstattung nur bedingt interessiert? GameStar, zumindest als Kontext in redaktionellen Previews und Reviews. Kurz nach den ersten Berichten über die Zustände bei Ubisoft veröffentlichte die Redaktion eine Preview über Assassins Creed: Valhalla mit ersten Anspiel-Eindrücken. Erwähnt hat GameStar die Vorwürfe nicht. In einer deutschlandexklusiven Preview im Oktober 2020, weit nach den Enthüllungen der Arbeitsbedingungen, schrieb GameStar zwei Seiten über den Siedlungsbau – nicht aber über die Situation bei Studio und Publisher.

Eine dreiseitige Preview nur kurz danach enthält Infos zur Spielwelt, zum Parkour-System und zu Quests, über den Skandal verliert der Redakteur indes kein Wort. Und dann, im siebenseitigen (!) Testbericht im November 2020 kritisiert der GameStar-Redakteur das Spiel zwar an allen Ecken und Enden, doch vom Skandal bei Ubisoft fehlt jede Spur. Bei anderen Magazinen sah es ähnlich aus, etwa bei GamePro.


Die Presse über Ubisoft und Far Cry 6

Auch in aktuellen News und Previews über das neue Multimillionen-Dollar-Projekt Far Cry 6 fehlten Hinweise über die Arbeitsbedingungen. Im Zuge der Activision-Krise meldeten sich hunderte Ubisoft-Mitarbeitende zu Wort und veröffentlichten einen offenen Brief, der Solidarität mit den Kolleg*innen bekundet und einen weitreichenden Wandel in der Branche für nötig erachtet. Eine Erwähnung der Zustände beim Studio Ubisoft Toronto, das federführend an Far Cry 6 arbeitet, ist in aktuellen Previews weder bei GameStar noch beim Schwestermagazin GamePro zu finden.

Schlimmer noch: In der Preview von GamePro hilft man Ubisoft bei der Öffentlichkeitsarbeit.

„Was uns aber direkt bei den Charakteren positiv auffiel, waren die vielen Guerilla-Kämpferinnen: In den Widerstandsgruppen finden sich viele Frauen, die das Leben von Anton Castillo ordentlich aufmischen wollen. Warum das so ist, lässt sich auch logisch erklären. Zum einen, weil Ubisoft bewusst eine Vielfalt an Charakteren im Spiel darstellen will, wie David Grivel uns erklärte. Zum anderen, weil Frauen oft wichtige Rollen in echten Guerilla-Kriegen einnahmen.“

(Quelle)

Natürlich kann man das so schreiben, wenn ein Entwickler das sagt. Nur kommen von Ubisofts Chefentwicklern ebenfalls Aussagen, die weiblichen Charakteren in Spielen eine Profitabilität absprechen, mal ganz abgesehen von mehreren Personen bei Ubisoft Toronto, die auf Grund von sexueller Belästigung das Unternehmen verlassen mussten. Beschwört ausgerechnet dieses Studio eine wie auch immer geartete Vielfalt, sollte entsprechender Kontext geliefert werden, da die problematische Vergangenheit nicht lange zurückliegt.

Zumindest bei GameStar soll es nun anders werden. Ein löblicher, ein überfälliger Schritt – und überraschend ebenso, bedenkt man, wie die Redaktion nur vor wenigen Monaten die eigene Glaubwürdigkeit verlässlich versenkte.

Stichwort: Cyberpunk 2077.


Chefredaktion über Cyberpunk-Crunch

Wer auch immer behaupten würde, die Berichterstattung der GameStar über Cyberpunk 2077 hat es in der Form bei keinem anderen Magazin gegeben, der hat vermutlich recht. Nicht nur die Nähe einzelner Journalisten zum polnischen Studio sorgt auch heute noch für Stirnrunzeln, etwa wenn versoffene Branchenpartys zum alkoholhaltigen Podcast-Interview führen, auch der Umgang mit problematischen Arbeitsbedingungen offenbarte eine seltsame Sympathie für CD Projekt.

Im September 2020, als Bloomberg über Crunch bei CD Projekt berichtete, schrieb Michael Graf, Mitglied der GameStar-Chefredaktion einen bemerkenswerten Forumseintrag. Auf die Nachfrage, ob man Spiele aufgrund problematischer Arbeitsbedingungen abwerten wolle, heißt es:

„Wir können Spiele nicht für die Umstände abwerten, unter denen sie entstanden sind, weil wir diese Umstände niemals objektiv und vollständig durchblicken können. Wir können schlichtweg nicht wissen, bei welchen Projekten es zu Crunch gekommen ist, weil er auch oft unentdeckt bleibt. Und selbst wenn es Beschwerden gab, wird es schwer, herauszufinden, ob sie wirklich echt oder übertrieben waren.“

(Quelle)

Ob man ein Spiel wegen Crunch abwerten sollte, darf gerne diskutiert werden. Wie ein Mitglied der Chefredaktion hier aber unverblümt Berichte über das Thema anzweifelt, schließlich sei es schwer, ob derlei Anschuldigungen „echt oder übertrieben“ seien, lässt andersherum an jedes bisschen journalistischer Integrität der GameStar zweifeln. Nicht nur stammen die Berichte über CD Projekt unter anderem von Jason Schreier, dem wohl eifrigsten (und gründlichsten) Crunch-Reporter der Spielewelt, der sicher nicht jede Aussage ungeprüft verbreitet, sondern sie verifiziert und überprüft, mehr noch, im Fall von CD Projekt hat die Chefetage die Arbeitsbedingungen sogar zugegeben und in Interviews offen darüber gesprochen.

Was GameStars Chefredaktion hier nahelegt: Selbst wenn dutzende Menschen in sozialen Medien oder in von Journalist*innen recherchierten Enthüllungen detailliert Crunch oder Belästigungen beschreiben, kann man nie sicher sein, ob es „echt oder übertrieben“ sei. Weiter schreibt er:

„Dass Entwickler, die hart und mit Herzblut an einem Spiel gearbeitet haben, vielleicht zusätzlich niedergeschlagen sind, wenn dieses Spiel deshalb verrissen wird, steht noch auf einem anderen Blatt. Mir würde es zumindest so gehen, wenn ein Artikel kritisiert würde, an dem ich eine Nacht lang geschrieben habe. Freiwillig übrigens, weil ich es wichtig fand, nicht weil mich irgendjemand dazu gezwungen hat.“

Tatsächlich hat es beinahe Tradition, wie Teile der GameStar-Redaktion massive Überstunden kleinreden oder relativieren. Bis zu 100 Stunden in der Woche arbeiten hat nichts mit einer Nacht Mehrarbeit zu tun, aber ach, nicht jeder will das verstehen.

Zwar möchte der GameStar-Chefredakteur auch jetzt keine Abwertungen vornehmen, wie es in der aktuellen Kolumne heißt, doch sollen Berichte über Crunch oder Sexismus künftig in Testberichten verlinkt und beschrieben werden. Angesichts vergangener Äußerungen, unter anderem auch vom Chefredakteur, muss man abwarten, ob die Hinweise nicht doch als Relativierungen enden. In der Cyberpunk-Berichterstattung explizit ausgeklammerte, für später versprochene Texte über Crunch bei CD Projekt hat die Redaktion bis heute nicht geliefert.

Immerhin liefert der Chefredakteur eine Aussicht darauf, wie sich die Vorgehensweise künftig ändern könnte: In einer Kolumne über Diablo 2 verlinkt er auf seine ursprüngliche Kolumne über die Situation bei Activision, genau wie in einem Plus-Artikel über die Beta.


Kein Magazin berichtet konsequent über den aktuellen Skandal bei Activision Blizzard. Ja, es hat Kolumnen geregnet und Podcasts gekleckert, ein Fortschritt im Vergleich früherer Däumchendreherei, doch mehrfach haben Magazine den Kontext in News auslassen, die das Studio Blizzard sogar ins rechte Licht rücken. Lediglich Eurogamer Deutschland hat den aktuellen Skandal nicht nur bei Diablo-News erwähnt, sondern auch als Call of Duty Vanguard enthüllt wurde:

„Außerdem steht Mutterkonzern Activision Blizzard gerade massiv wegen seiner Unternehmenskultur in der Kritik, nachdem viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Übergriffen und schwerwiegendem Fehlverhalten hochrangiger Angestellter berichteten und der Staat Kalifornien Klage gegen den Spielehersteller eingereicht hatte.“

(Quelle)

Eigentlich sollte Eurogamer hier als Positivbeispiel stehen, doch im Laufe meiner Recherchen hat die Redaktion weitere News und Artikel über Vanguard veröffentlicht – nur zwei von sieben News enthalten einen Hinweis auf die Situation beim Publisher.

Eurogamer steht also exemplarisch für die Situation in der Spielepresse, die mit ignoranter Konsequenz mal hier, mal da einen wichtigen Hinweis auf Arbeitsbedingungen verlinkt – und zeitgleich in anderen Texten mit bierzeltigen Überschriften ein beinahe überschwängliches Bild von Blizzard präsentiert, ohne die größte Krise in der Geschichte des Unternehmens auch nur im Schlusssatz zu erwähnen.

Dabei profitiert ausnahmslos eine Seite: Activision Blizzard. Ob die Spielepresse will oder nicht, betrifft der Skandal letztlich auch Call of Duty, wie aktuelle Meldungen nahelegen. Schließlich enthält der Ankündigungstrailer zum Ableger Vanguard kein einziges Logo von Activision. In Reveal-Trailern zu älteren Titeln heißt es etwa zu Beginn „Activision presents“, während es im aktuellen Trailer lediglich „Call of Duty presents“ heißt, also: „Call of Duty presents … Call of Duty“.

Laut Activisions PR soll das eine „kreative Entscheidung“ gewesen sein, was verwunderlich anmutet, bedenkt man, dass Call of Duty als gigantischer Goldesel unter dem Dach des Publishers regelmäßig für Rekordumsätze sorgt. Auch hier gilt: Bewiesen ist es nicht, dass Activision damit auf die Klage reagiert und die erfolgreichste Marke des Hauses nicht damit in Verbindung gebracht sehen will, doch es ist naheliegend. Nur berichtet kaum ein Magazin darüber.

Lediglich die beiden Magazine PC Games und PC Games Hardware haben eine News dazu veröffentlicht, während international viele der großen Portale wie Gamespot, Kotaku, Gamesindustry oder VG247 berichten. Activision sorgt beinahe eigenhändig dafür, Call of Duty in Verbindung mit dem aktuellen Skandal zu bringen, indem das Unternehmen Logos und Firmennamen entfernt, und international wird entsprechend darüber berichtet, doch hierzulande nimmt nur PC Games (Hardware) das als Anlass für zwei News, während in anderen Vanguard-Texten von der Klage keine Rede ist. Es ist eine konsequente Inkonsequenz, die scheinbar auswürfelt, in welcher News Kontext geliefert wird.


Fazit: Es ist kompliziert

So frustrierend und erschütternd die Berichte über sexuelle Belästigung, Rassismus und Diskriminierung auch ausfallen, kann längst nicht mehr von Ausnahmen gesprochen werden. Ein gewaltiges Problem hat die Spielebranche, in der die größten, erfolgreichsten Unternehmen wie Activision Blizzard, Ubisoft oder Riot mit miserablen Arbeitsbedingungen für Schlagzeilen sorgen. Eine Fachpresse, in ihrer selbst auferlegten Aufgabe, möglichst oft über Spiele zu berichten, sollte in eben dieser Berichterstattung häufig darauf hinweisen.

Es geht gar nicht so sehr um eine Abwertung von Spielen, ein mögliches Pauschal-Dooffinden von Firmen; ob Kaufentscheidungen von solchen Arbeitsbedingungen abhängig gemacht werden, können Spielerinnen und Spieler selbst entscheiden – nur braucht es dafür eine Grundlage an Information, die von der Fachpresse recherchiert, aufbereitet und verlinkt werden sollte.

Selbst kurze Verlinkungen oder Halbsätze, die in News über Call of Duty, Far Cry 6 oder Diablo 2 nur wenige Minuten Mehrarbeit bedeuten, scheinen fast alle Redaktionen zu überfordern. Frustrierend kommt hinzu, dass etliche der Magazine immer wieder positiv auffallen, vereinzelt hier und da – wohlgemerkt: abseits der Kolumnen-Berichterstattung – einen Hinweiskasten einblenden, der auf die Arbeitsbedingungen verlinkt. Der große Kasten im GameStar-Interview mit einem Far-Cry-Entwickler etwa kann als erfrischend deutlicher Gegensatz zur mucksmäuschenstillen GameStar-Preview gesehen werden, zumal Fragen hinsichtlich sexueller Belästigung in Interviews nicht häufig gestellt werden. Gut so.

Diesem Fortschritt stehen die dutzenden, wenn nicht gar hunderten News gegenüber zu Rainbow Six, World of Warcraft, League of Legends, Diablo, Assassin’s Creed oder Far Cry, die je nach Magazin hauptsächlich über Google gefunden werden und die Chance liegen lassen, Leserinnen und Lesern einen Kontext zu liefern, der vielen Menschen nicht bewusst ist, eben weil sie bei Google nach Trailern, Previews oder Veröffentlichungsdaten suchen und nicht nach toxischer Arbeitskultur, Crunch oder Diskriminierung.

Fast alle Magazine können es besser. Sie beweisen es immer wieder, darunter GameStar, GamePro, MeinMMO oder Eurogamer. Warum so konsequente Leerstellen bei dem Thema Arbeitsbedingungen auch nach derart erschütternden Berichten nicht gefüllt werden mit Disclaimern, Verlinkungen, Hinweisen und Nachfragen, bleibt offen.

Schließlich reden wir hier über journalistische Grundkenntnisse. Sollte etwa ein Lebensmittel-Unternehmen namens „Schmestlé“ plötzlich „grüne“, „nachhaltige“ oder „umweltfreundliche“ Stiftungen, Initiativen oder Produkte unterstützen, während es zeitgleich im großen Stil ärmere Länder nachweislich ausbeutet durch Kinderarbeit, Preisabsprachen, Regenwaldabholzung oder Zerstörung der Trinkwasserversorgung, kann selbstverständlich über den vermeintlichen Wandel von „Schmestlè“ berichtet werden, aber immer mit entsprechendem Hinweis auf die illegalen Aktivitäten.

Wir reden hier also über ein Problem, das eigentlich keines sein sollte.


Mehr zur Klage gegen Activision Blizzard

1 Kommentar

  1. Bin gespannt ob Gamestar, gemäß der Ankündigung von Herrn Klinge, beim anstehenden Test von „Diablo 2: Resurrected“ einen HInweiskasten auf Blizzards Skandal plazieren werden. Sowohl online im Plus-Abo Test als auch in der Printausgabe.
    Die Printausgabe werde ich mal am Kiosk überprüfen.
    Bin skpetisch.

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