Film

Hard Candy: Ausrufezeichen Ausrufezeichen Ausrufezeichen

Ich sympathisiere mit einem Sexualstraftäter. Zumindest für einige Minuten. Wegen solchen Gefühlen kann man den Film Hard Candy abstoßend finden – oder faszinierend.

Hayley ist 14 Jahre alt und will Rache nehmen. Zumindest glaube ich das. Vielleicht ist sie auch nur verrückt. Denn das, was sie Jeff in den folgenden 100 Minuten antut, ist widerlich. Alles an Hard Candy scheint falsch, gar abstoßend zu sein. Obwohl es zu Beginn noch „harmlos“ anfängt: Ein anzüglicher Chat im Internet – seit drei Wochen schreiben sich Hayley (Ellen Page) und der 32-jährige Jeff (Patrick Wilson). Es kommt zum ersten Treffen: Jeff als attraktiver Fotograf, Hayley als Kind. Genau das ist das Problem: Jeffs Bemerkungen im Chat und beim ersten Treffen sind zutiefst falsch; man entdeckt eine sexuelle Spannung, sieht und hört und merkt Jeff an, dass er Hayley beeindruckend findet. Die 14-jährige Hayley.

Sie lädt sich zu ihm ein, frech und selbstbewusst wie sie ist. Sie hat keine Angst, darf sie bei ihrem Plan auch nicht haben, denn: Sie hat einen perfiden Plan, in dem nur sie die Macht hat. Jeff wird unter Drogen gesetzt und findet sich wenig später gefesselt auf einem Stuhl wieder. Die Tortur beginnt. Aber für wen?

Man hat Mitleid mit Jeff. Man hat Mitleid mit dem Film, der Hayleys Taten am Ende nicht einordnet, sondern glorifiziert.

Hard Candy spart mit Antworten, klärt wenig auf. Umso eindringlicher eröffnet die kommende Folter ihre Grausamkeit und auch, ja doch: ihre Faszination. Hayley als Kind, als 14-jähriges Mädchen übernimmt die Kontrolle über einen erwachsenen Mann. Sie wirft ihm Schreckliches vor. Es bleibt undurchsichtig, ob Jeff wirklich ein solches Monster ist. Hayley bestraft ihn nicht zu sanft für das, was der Zuschauer nicht wirklich als wahr abnicken kann.

Zwar wird im Laufe des Films klar: Jeff hat keine weiße Weste, aber der, den Hayley in ihn zu glauben sieht, scheint er nicht zu sein. Zumindest kann der Zuschauer es zunächst nicht beantworten. Regisseur David Slade und Autor Brian Nelson verzichten bewusst auf lange Vorgeschichten. Genau deswegen ist der Film so bewegend und ekelhaft zugleich: Hayley attackiert ohne Umschweife, und Slade hält drauf. Man hat Mitleid mit Jeff. Man hat Mitleid mit dem Film, der Hayleys Taten am Ende nicht einordnet, sondern glorifiziert.

Die Gewalt am Körper hat eine untergeordnete Rolle, weil Hard Candy das Töten nicht zum Ziel erklärt – sondern die Erniedrigung.

Slade will die Frage stellen, ob Hayley soweit gehen darf, er beantwortet es durch sonnengeflutete Erlösung jedoch viel zu direkt selbst. Hard Candy geht den Weg der direkten Konfrontation, gar Provokation. Da, wo andere Filme die Geschichten der Charaktere bis ins letzte Detail beleuchten, Motive aufschlüsseln, die Geburt von Mensch zu Monster explizit zeigen, damit man als Zuschauer versteht und nickt, bricht Hard Candy mit den Konventionen. Es soll ein Hin und Her sein der Gefühle, die mal da, mal dort ankoppeln. Schließlich, so zeigt der Film auch im psychischen Kampf der Protagonisten, gibt es immer zwei Seiten, die einander die Vorherrschaft streitig machen wollen. Recht und Unrecht sind da schon längst vergessen, die Menschenverachtung nimmt ihren Lauf.

Hard Candy verzichtet darauf, die physische Gewalt detailgetreu zu zeigen, um so die Ausmaße des Leids lediglich am geschundenen Körper von Jeff zu demonstrieren. Er leidet vor allem, weil er einem Mädchen unterliegt, das er sonst fotografiert in seinem Job. Mal versucht er sie schwach wirken zu lassen, mal geht Hayley darauf ein und mimt die Schwache, während sie im nächsten Moment Jeff bloßstellt, ihn an den Rand des Aushaltbaren treibt, ohne ihm körperlich zu schaden. Die Gewalt am Körper hat eine untergeordnete Rolle, weil Hard Candy das Töten nicht zum Ziel erklärt – sondern die Erniedrigung.

Was sie mit ihm machen will, wird schnell klar: ihn demütigen, ihn psychisch auseinander nehmen, ihm seine vermeintlichen Taten vor Augen führen und zeigen, dass nicht jedes Mädchen in dem Alter schwach und hilflos ist und nur als ein Objekt zur Befriedigung niederer Gelüste gilt. Hayley steht für jedes Mädchen, das Jeff verletzt und beschmutzt hat – was er genau getan hat, weiß man als Zuschauer zu dem Zeitpunkt noch nicht. Eigentlich weiß man es nie so genau. Wer ist Hayley und was macht sie so wütend? Und wer ist Jeff, was hat er wirklich getan?

Fragen, die beschäftigen. Die weitergedacht zu einer Absurdität führen: Ist es gerechtfertigt, dass Jeff so leidet? Natürlich nicht. Niemals. Es reift der Gedanke: Er wird zum Opfer. In dieser Entwicklung von Mann zu Häuflein Elend jedoch steckt eine hochinteressante Ausgangslage, ein Psychothriller, der das „kleine Mädchen“ auf Augenhöhe mit dem Täter positioniert und ständig die Höhenlagen ändert. In der ohnehin kurzen Laufzeit interessiert sich Slade nur flüchtig für diese buchstäbliche Überhöhung von Opfer-Täter-Verhältnissen – und foltert lieber. Eine Rachefantasie, hübsch gefilmt zwar, aber ohne den Mut zur Position, zur Studie über die zerbrochene Hayley.

Tatsächlich steht nach dem Film fest: In der Hölle landen sie beide.

Warum Hard Candy dennoch in all der unrealistischen Gänze anwidert: die Darsteller. Insbesondere Ellen Page verängstigt, beeindruckt, beschämt und widert an, wenn sie als Hayley in eine Schlacht zieht, die sie vielleicht gewinnt, doch einen Krieg führt, der sie schon längst zu gleichen Teilen hat verrotten lassen wie Jeffs Taten ihn.

Zwischentöne kennt David Slade dabei nicht. Innerhalb weniger Minuten gleitet Ellen Page mehrmals durch die Unschärfe im Hintergrund ins Bildzentrum, um in mundwinkelzuckenden Monologen den kommenden Albtraum zu verkünden. Damit es eben jeder einmal versteht: Hayley ist vielleicht doch nicht so süß. Ein filmisches Ausrufezeichen, manchmal sogar drei hintereinander. Der stete Fokus auf die Gesichter, auf das Schreien, Schnauben, Schimpfen offenbart immerhin den immensen Einsatz von Patrick Wilson, der seinem oftmals bereits verurteilten Charakter zu neuer Freiheit verhilft.

Tatsächlich steht nach dem Film fest: In der Hölle landen sie beide. Vielleicht fasziniert mich Hard Candy deswegen: Exploitationskino mit Ausrufezeichen, das sich zwar viel zu Ernst nimmt, durch die exzellenten Darsteller aber zu unwirklichen Gefühlen verleitet. Ein perfides Kammerspiel eben, das mich angewidert schlucken, herzhaft lachen und abgrundtief hassen lässt.

Was Hard Candy nun sein soll, muss man selbst herausfinden – und das ist fast so unangenehm wie das, was Jeff durchleiden muss.

Hard Candy, USA 2005 // Regie: David Slade // Drehbuch: Brian Nelson // Darsteller: Ellen Page, Patrick Wilson, Sandra Oh // Kamera: Jo Willems // Musik: Harry Escott, Molly Nyman // Laufzeit: 100 Minuten // FSK 18

Trailer

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