Medienkritik

Wenn Unwissenheit eine Stärke ist: Die neue Realität der Previews

Ein Weltwunder ist es nicht, aber immerhin doch eine Überraschung: Die GameStar-Redaktion berichtet über Indie-Spiele – oder zumindest Spiele, die nicht Call of Duty oder Assassins Creed heißen. Nachdem diverse Redaktionsmitglieder beteuert haben, wie sehr sich Berichterstattung über kleine und unbekannte Spiele überhaupt gar nicht lohnt und sie es deswegen oftmals sein lassen, haben sie sich für die „Find Your Next Game“-Aktion im Juni überlegt, dann doch mal journalistisch zu arbeiten.

Toll! Das meine ich ernst. Das reichweitenstärkste Spielemagazin Deutschlands darf nicht nur über jene Spiele schreiben, die durch Markenbekanntheit und großes Marketingbudget ohnehin im Dauerfeuer der Hype-Kanonen stecken.

Ohne die „Find Your Next Game“-Aktion (eine Art Ersatz für die gestrichenen Messen) der Webedia-Magazine GameStar, GamePro und Mein-MMO hätte die Welt – vielleicht – folgendes Spiel verpasst:

ascent-preview
(GameStar.de)

In der Einleitung heißt es:

„The Ascent versteht sich als Cyberpunk-Diablo und will auf Steam da glänzen, wo viele Action-RPGs eher abfallen.“

Wow. Das klingt ja großartig! Schreibt auch GameStar direkt zu Beginn:

„The Ascent ist richtig, richtig sexy.“

Im journalistischen Lustzentrum kribbelt es offenbar gewaltig. Und überhaupt: einfach ein tolles Spiel sei The Ascent. Es habe eine „spannende Cyberpunk-Story“ und sehe „zum Anbeißen“ aus. Deswegen listet die GameStar-Redaktion die Stärken von The Ascent übersichtlich auf.

ascent-preview2

GameStar schreibt also im Testbericht: The Ascent lohnt sich.

Leider handelt es sich gar nicht um einen Test. Sondern um eine Preview. Und gespielt hat GameStar ebenfalls nix.

Wie bitte?

Ja, im Zuge der „Find Your Next Game“-Aktion hat die GameStar-Redaktion einigen Previews einen neuen Aspekt hinzugefügt: Stärken und Schwächen. Und die schreibt die Redaktion sogar dann, wenn sie das betreffende Spiel gar nicht gespielt hat. Das ergibt keinen Sinn? Natürlich nicht. Aber wäre es dann Spielejournalismus?

GameStar schreibt über The Ascent also folgendes:

  • Es sei „richtig, richtig sexy“.
  • Es habe „wuchtige Kämpfe“.
  • Eine „bombastische Grafik“.
  • Und „kultige Cyberpunk-Umgebungen“.

All das basiert nicht darauf, dass die GameStar-Redaktion das Spiel durchgespielt hat. Offenbar hat man lediglich einen, äh, Trailer geguckt.

„Wir können derzeit noch nicht einschätzen, wie sich die Gefechte letztlich spielen, aber mit seinen Versprechen richtet sich das Entwickler-Team klar an Genre-Fans. Was wir damit meinen, sehr ihr hier:“

Und dann verlinkt die Redaktion auf diverse Screenshots und einen 90-sekündigen Trailer. Und weil GameStar The Ascent eben noch nicht gespielt hat, heißt es bei den vermeintlichen Schwächen des Spiels:

„Noch unklar: Wie gut spielt sich das Spiel denn?

Und wie motiviert es langfristig?“

Hier, äh, dings, Moment mal. Eigentlich sei das Spiel „richtig, richtig sexy“, biete „wuchtige Kämpfe“ und eine „bombastische Grafik“, doch GameStar weiß gar nicht, ob das so ist, weil GameStar nix gespielt hat, weswegen sie als Grundlage für die Stärken des Spiels einen Trailer nennt. Ja, also, äh, genau, das ist vermutlich der berühmte journalistische Qualitätsanspruch, für den die GameStar bekannt ist.

Nein, ich denke mir das nicht aus

Tatsächlich analysiert die GameStar-Redaktion nun Trailer und Screenshots und leitet daraus Stärken und Schwächen ab. Ein Einzelfall? Nein. In einem Text über Bright Memory listet GameStar folgende Stärken auf:

„Eine bombastische Inszenierung, die definitiv ins Auge springt.

Rasante Action-Achterbahnfahrten, die mehr sind als bloß Geballer.

Ein flotter Kampagnen-Shooter, von denen es aktuell leider viel zu wenige gibt.“

Bereits vorher im Text findet GameStar viel Lob:

„Interessante Sci-Fi-Story: Im Jahr 2036 spürt ihr merkwürdigen Wetterphänomenen überall auf der Erde nach, die mit einem uralten Geheimnis zusammenhängen.“

„Beeindruckende Technik: Bright Memory: Infinite zaubert trotz des geringen Budgets spektakuläre Effekte und butterweiche Action auf den Bildschirm.“

Als Schwäche beschreibt GameStar das hier:

„Eigentlich nur eine: Auch ein kurzer Kampagnen-Shooter muss sich letztlich gut spielen. Und hier können wir Bright Memory: Infinite noch nicht einschätzen.“

Äh, ok. Offensichtlich hat GameStar das Spiel nicht getestet geschweige denn angespielt, zumindest wird das nicht erwähnt, im Gegenteil, die Redaktion weiß nicht, ob sich Bright Memory Infinite gut spielen werde, aber dennoch beschreibt GameStar im Detail die vermeintlichen Stärken eines Spiels, das sie nur anhand von Trailern gesehen hat.

Ach, übrigens, am Ende schreibt GameStar noch über den einzigen vermeintlichen Schwachpunkt:

„Der Contra-Punkt wird aber zumindest dadurch aufgeweicht, dass das Prequel zu Bright Memory: Infinite auf Steam fast nur positive Bewertungen abstaubt. 92 Prozent von fast 20.000 Reviews finden das Spiel super – und das ist doch mal ein sehr, sehr gutes Zeichen.“

Oder anders ausgedrückt: „Das ist ein sehr, sehr sexy Zeichen.“

Ernsthaft, das ist so passiert

Und weil das jetzt offenbar eine mögliche Realität ist, in der Spiele journalistisch bewertet werden, obwohl die vermeintlichen Journalistinnen und Journalisten sie nicht gespielt haben, macht GameStar bei Project Cars 3 direkt weiter. Nach einer 20-minütigen Gameplay-Demonstration, die das Magazin von den Entwickler*innen bekommen hat, heißt es in der Preview unter dem Punkt „Stärken“:

„Beeindruckende Fahrzeuge und Streckendarstellungen“

Doch bei den Schwächen heißt es dann:

„Bisher haben wir zu wenig von neuen Autos und Strecken gesehen“

Ein Magazin, das sich freiwillig dem Pressekodex verpflichtet hat, schreibt über „beeindruckende“ Autos und Strecken, obwohl der Redakteur eine Minute später zugibt, das gar nicht einschätzen zu können, weil er „zu wenig“ von den Autos und Strecken gesehen hat.

In einem weiteren Text, am gleichen Tag veröffentlicht wie die Preview, schreibt der gleiche Redakteur folgendes:

„Project Cars 3 ist wie für mich gemacht. […] Ich brauche keine Hardcore-Simulation, sondern habe meinen Spaß mit Gamepad, ausgeschalteten Fahrhilfen, einer motivierenden Karriere und Dutzenden Fahrzeugen wie Strecken, die ich mir erschließe. Seit drei Jahren warte ich auf neues Futter, Project Cars 3 will liefern, perfekt.“

Das stammt aus einem GameStar-Plus-Artikel, also ein Text, für den die Leserinnen und Leser Geld zahlen sollen. Auf der Grundlage einer Präsentation, die – laut PC Games – unter anderem der Marketingmanager geführt hat, schreibt GameStar eine, ja: Analyse. Das steht da so: Analyse. Eine Analyse von 20 Minuten Gameplay, aufgenommen von den Entwickler*innen selbst, verpackt unter einer Bezahlschranke.

In der Preview zu Spellforce 3: Fallen God schreibt GameStar bei den Stärken:

„Mehr Rollenspiel-Freiheit durch Skilltree-Kombinationen und unterschiedliche Story-Enden“

„Auch Verbesserungen für den grundlegenden Strategie-Part“

„Originelles Fraktionsdesign: Endlich mal ein RTS, das die geniale Rekrutierungsmechanik von Battle Realms weiterträgt!“

Auf welcher Basis behauptet der Redakteur das? Auf keiner. Er hat’s nämlich nicht gespielt.

„Nachdem wir Fallen God noch nicht gespielt haben, können wir noch nicht beurteilen, wie es sich in der Praxis spielt. Aber seine Ansätze klingen durchaus interessant!“

Geradezu grotesk erscheint hierbei, wie die GameStar-Redaktion mit Anlauf die Marketing-Versprechen der Spellforce-Entwickler*innen verbreitet, obwohl das Studio 2017 für den exklusiven GameStar-Vorabtest von Spellforce 3 eine Version zur Verfügung stellte, die nicht der katastrophalen Release-Version des Spiels entsprach – und GameStar dem Publisher bedingungslos glaubte und Spellforce 3 in höchsten Tönen lobte (mehr dazu hier).

Und klar, das Spellforce-Addon Fallen God habe ein „sehr gutes“ Potenzial, obwohl der Redakteur nichts gespielt hat.

Echt, ich denk mir das nicht aus

Über das Survival-Game Frostfall äußert sich GameStar ähnlich begeistert. Eine Auswahl aus der Lobeshymne namens Preview:

„Simulierte Frost-Wildnis mit dynamischen Tageszeit- und Wetterwechseln.“

„Vielseitiges Crafting-System, mit dem ihr kocht, Medizin herstellt und wie in Fallout 4 eure eigenen Befestigungen baut.“

„Simulierte Tierwelt: Rehe und andere Tiere verhalten sich nachvollziehbar, sodass die Jagd zur fordernden Spielmechanik wird.“

„Smarte KI“

„Eine fesselnde Geschichte: Die Spielwelt von Frostfall erzählt ihre eigenen Geschichten, doch auch die voll vertonte Hauptquest soll fesseln.“

Was wie frisch zitiert aus einem Werbetext klingt, stammt tatsächlich von dem journalistischen Magazin namens GameStar. Wohlgemerkt: das waren noch nicht mal die vermeintlichen Stärken des Spiels. Die klingen unter anderem so:

„Ein packender Survival-Trip in die russische Wildnis.“

Und erneut muss ich betonen: gespielt hat GameStar nix. Offenbar basiert das Lob auf Trailern.

„Frostfall sieht sehr vielversprechend aus. Der Gameplay-Trailer zieht uns bereits in diese düstere russische Welt, die Dev Diarys zeigen außerdem, welche Schwerpunkte die Entwickler auf KI-Verhalten und eine Simulation der Natur legen.“

„Frostfall ist noch lange nicht fertig. Es soll zwar irgendwann 2020 erscheinen, allerdings fliegt das Spiel derzeit weitgehend unter dem Radar, lediglich einige Entwickler-Videos durchbrechen die Stille. Doch die weisen auf einen sehr spannenden Mix aus Horrorgeschichte, Überlebenskampf und ein durchaus tiefes Shooter-Gameplay hin.“

Im, äh, Fazit heißt es zwar, Frostfall sei kein sicherer Hit, aber zu dem Zeitpunkt hat GameStar bereits die Geschichte „fesselnd“ genannt, die künstliche Intelligenz als „smart“ beschrieben, den Survival-Trip für „packend“ befunden und das Crafting-System als „vielseitig“ aufgezählt. Daraus ergibt sich ein „sehr gutes“ Potenzial, und wie genau das zur Aussage „wird kein sicherer Hit“ passen soll, weiß die GameStar vermutlich auch nicht.

All das auf Basis von Trailern.

Es wird sogar noch absurder

Neben der klassischen Preview jubelt die GameStar-Redaktion mit einem weiteren Format den unfertigen Spielen zu: der sogenannten Spielvorstellung. Wo der Unterschied zur Vorschau besteht, ist nicht klar, weil die Redaktion exakt so vorgeht wie beim eigentlichen Preview-Konzept: es gibt ebenfalls ein Stärken-Schwächen-Abschnitt.

Bei den Stärken in der Spielvorstellung von Distant Kingdoms heißt es beispielsweise:

„Vier verschiedene Fantasy-Rassen sorgen für die notwendige Abwechslung.“

„Spannende Verknüpfung mit Elementen aus Rollenspielen.“

Ah, ok, super! GameStar hat sicherlich viel gespielt, damit die Redaktion das behaupt…

„Noch ist überhaupt nicht bekannt, wie sich das letztendlich spielt.“

Oh.

„Potenzial | Sehr gut“

Ah!

„Die Entwickler sind noch sehr jung und das Studio ist klein, vielleicht wird Distant Kingdoms deshalb ein wenig unrund.“

Oh.

„Trotz wenig Budget versprechen die Screenshots ein grafisch ansprechendes Aufbauspiel.“

Cool!

„Auf den Screenshots scheint es noch sehr wenig Abwechslung zwischen den Gebäuden zu geben.“

Oh.

Man könnte darüber lachen. Über einen Text, der sich mehrfach widerspricht, Screenshots als Grundlage für eine Bewertung nimmt und keinen Sinn zu ergeben scheint. Es ist aber nicht nur der eine Text. Es hat bereits System.

In der Preview von Almighty: Kill Your Gods listet die GameStar-Redaktion eine Reihe von Stärken auf:

„Optisch ansprechende Spielwelt im Comiclook mit interessantem Monster-Design“

„Actionreiche Kämpfe mit dynamischem Spielstil-Wechsel“

„Sandbox-Spielwelt, die auf den Spieler reagiert“

Es mutet irre an, wie die Redaktion tatsächlich vor den vermeintlichen Stärken folgenden Satz schreibt:

„Wie sich das bunte Action-Spiel letztendlich spielen wird und ob es Genre-Fans von sich begeistern kann, bleibt abzuwarten.“

GameStar hat Almighty: Kill Your Gods also nicht gespielt, bewertet aber die Kämpfe bereits als „actionreich“, die Spielwelt als „optisch ansprechend“ und sagt voraus, die Spielwelt werde auf die Spieler reagieren, obwohl die Redaktion das nicht selbst überprüfen konnte.

Die Nennung von Stärken und Schwächen ist ein bewusstes, Achtung, Spiel mit den Erwartungen. Ob die Entwickler*innen wollen oder nicht: es ist die Spielepresse, die bei neuen Spielen enormen Hype schürt. Aktuelles Beispiel: Baldur’s Gate 3. In der Preview schreibt GameStar direkt zu Beginn folgendes:

Headline: „Baldur’s Gate 3 soll Perfektion verbessern – und es sieht gut aus!“

„Mit ihrem neuen Rollenspiel steht Larian vor der schwierigen Aufgabe, auf Divinity: Original Sin 2 eins draufzusetzen. Aber BG3 macht enorme Fortschritte.“

„Diese Zahl schüchtert ein: 93. So hoch fiel unsere Wertung im Test von Divinity: Original Sin 2 aus – als quasi perfektes Spiel bezeichneten wir es damals. Und jetzt stehen die Rollenspiel-Experten von Larian Studios mit Baldur’s Gate 3 vor der schwierigen Aufgabe, ihr eigenes Meisterwerk zu übertrumpfen, die Perfektion zu verbessern. Autsch.

Gleichzeitig muss Larian Studios dem schweren Erbe der Serie gerecht werden: Baldur’s Gate 2 hat es nicht ohne Grund in unsere Top 10 der besten PC-Rollenspiele geschafft. Doppel-Autsch.“

Wer sagt eigentlich, dass Spiele immer besser sein müssen als die (Quasi)Vorgänger? Wieso muss ein Spiel besser werden als der Vorgänger, obwohl Divinity: Original Sin 2 eigentlich nichts mit dem neuen Spiel des Studios gemein hat? Bei einigen Titeln lassen Redaktionen – nicht nur GameStar – jegliche Distanz missen. Schließlich wäre ein gutes, grundsolides Baldur’s Gate 3 auch echt okay für die meisten Spielerinnen und Spieler.

Aber ach, so richtig interessiert das die GameStar-Redaktion nicht, so heißt in der Preview:

„Aber Larian scheint der Aufgabe gewachsen: Zwar bricht BG3 mit vielen Konventionen der Baldur’s-Gate-Serie von Konkurrenzstudio Bioware, sieht aber immer besser aus, je öfter wir es vor Release zu sehen bekommen. Wir verraten euch, warum wir den Early-Access-Launch im August 2020 inzwischen kaum noch abwarten können.“

Nun könnte man fragen, inwieweit sich der durchschnittliche GameStar-Journalist, der ein Spiel kaum noch abwarten kann, eigentlich vom durchschnittlichen Gamer unterscheidet, aber das ist wohl ein Thema für einen separaten Text.

Auch die Preview zu Baldur’s Gate 3 listet vermeintliche Stärken des Spiels auf:

„Toll inszenierte und (bislang) gut geschriebene Dialoge

Sehr tiefgängiges Kampfsystem mit vielen Optionen

Etliche Möglichkeiten, Quests anders abzuschließen

Interessante Begleiter, die auch als Hauptcharakter dienen können

Schicke Grafik und keine Ladezeiten“

Wie viele Stunden hat GameStar Baldur’s Gate 3 gespielt, um das behaupten zu können? Null. Aus geführten Interviews und geguckten Videos hat der Redakteur das abgeleitet.

(Übrigens der gleiche Redakteur, der über Fallout 76 schrieb, es werde wie Fallout 4.)

Puh, es wird noch absurder

Im Rahmen der „Find Your Next Game“-Aktion berichtet GameStar natürlich auch über die großen Kaliber, etwa das neue Star Wars: Squadrons. In einer Preview schreibt die Redaktion:

„Bisher konnte noch niemand außer den Entwicklern selbst Hand an das neue Star-Wars-Spiel legen.“

Elf Absätze hat der Redakteur geschrieben, um an diesen Punkt zu kommen, inklusive Aufzählung der Raumschiffe. Was folgt? Natürlich die Stärken und Schwächen.

„Wie bereits Star Wars: Battlefront wartet auch Squadrons wieder mit einer großartigen Optik auf.“

„Potenzial | Sehr Gut“

Müsste man das so einfach wie möglich beschreiben, würde das so klingen: Journalist*innen gucken Werbevideos, freuen sich wie kleine Kinder – und schreiben auch so darüber. Aus einem Trailer ein „sehr gutes“ Potenzial abzuleiten, obwohl die hochnotpeinliche Story-Kampagne von Star Wars Battlefront 2 noch nicht lange her ist, erscheint geradezu grotesk.

Wieder und wieder schreibt Redakteurinnen und Redakteure in Previews, wie wenig, sprich: gar nix sie wissen, und lassen dieser immerhin wahren Einsicht dennoch hunderte Wörter folgen, die irreführende Versprechen aus Interviews oder Trailern wenig originell nacherzählen. In der Vorschau zu Lost in Random heißt es beispielsweise:

„Wir haben nur eine grobe Ahnung, wie das eigentliche Gameplay aussieht und können nur spekulieren, was die Kämpfe für uns bereit halten, und wie Lost in Random aus dem bekannten Zufallskonzept in Videospielen eine Besonderheit macht.“

Lediglich eine „grobe Ahnung“ hat die Redakteurin auch vom ganzen Rest des Spiels, denn sie hat Lost in Random nicht selbst ausprobiert. Warum also unter dem Punkt „Stärken“ vier Punkte eine „originelle Optik“, eine „einzigartige Atmosphäre“, „interessante und quirlige Charaktere“ und eine „interessante Story“ versprechen, könnte nicht mal eine Sondersendung von X-Factor erklären.

Mehr und mehr gleichen die Previews einem Testbericht. Über Biomutant schreibt GameStar zum Beispiel so:

„Niedliche Charaktere und Gegner, die dem Spiel einen ganz besonderen Flair verpassen.“

„Eine offene Spielwelt mit unterschiedlichen Biomen und interessanter bunter Optik, die Abwechslung in das postapokalyptische Setting bringt.“

„Fokus auf Gameplay: Sowohl die Erkundung der Spielwelt als auch die Kämpfe sind geprägt von interessanten und ausgefallenen Mechaniken.“

„Große Freiheit: Die offene Spielwelt kann auf eigene Faust erkundet werden und unterschiedliche Orte – sofern man die richtige Ausrüstung hat – jederzeit bereist werden.“

Auf der Grundlage von Interviews und Gameplay-Videos hat die Redaktion das geschrieben. Keine Minute unabhängig vom Hersteller hat sie Biomutant ausprobiert. Und doch heißt es, die Kämpfe und die Erkundung sind geprägt von „interessanten und ausgefallenen Mechaniken“, das steht da so, mit „sind“, nicht „es soll so werden“, sondern es ist bereits so, und das schreibt GameStar nicht, weil sie es beim Anspielen selbst erlebt hat, nein, sie hat lediglich vorgefertigte, vermutlich geschönte Ausschnitte gesehen.

„Sehr gut“ sei übrigens das Potenzial von Biomutant, und im Fazit heißt es, „die Leidenschaft der Entwickler“ sei „in den Trailern zu spüren“. Irgendwo jubelt die Marketingabteilung vom Publisher. Alles richtig gemacht.

Ja, es wird noch besser

Im Schaulaufen der eher unbekannten Spiele marschiert Knights of Honor 2 in die von Hype erschütterten Arme der GameStar-Redaktion, bereit für die ultimative Preview. Beim Abschnitt „Stärken von Knights of Honor 2“ hält der Redakteur fest:

„Ein tiefes Strategiesystem, mit Politik, Diplomatie, Religion und Ressourcenverwaltung. Die anderen Fraktionen sollen außerdem ein Gedächtnis haben und sich an früheres Unrecht sehr lange erinnern.“

„Unglaublich viele unterschiedliche Königreiche. Über 300 Fraktionen stehen damit zur Wahl aus ganz verschiedenen Kulturkreisen. Von Europa bis in den Nahen Osten.“

„Eine sehr schöne Weltkarte mit vielen kleinen Details und jeder Menge Bewegung.“

Wie steht es um den Potenzial-Faktor?

„Sehr gut“

Ein tolles Spiel erwartet uns also…

„Wir konnten Knights of Honor 2 selbst noch nicht spielen.“

Oh.

Aber, und für die GameStar scheint das ein pralles „aber“ zu sein, die Entwickler*innen haben bereits zwei mal das Spiel, äh, „vorgestellt“, und das sehe alles „vielversprechend“ aus, doch…

„[…] ob sich das alles auch wirklich so spannend spielt, bleibt offen.“

Eigentlich müsste der Text da aufhören. Oder eigentlich gar nicht geschrieben werden. In der Realität formuliert GameStar fünf vermeintliche Stärken, denen lediglich zwei vermeintliche Schwächen gegenüberstehen.

Ein objektives Highlight in der muskelprotzigen Berichterstattung über die Stärke unfertiger Spiele ragt der geschwollene Abriss-Bizeps von Anstoss 2022 wie ein Oberarm in der Größe einer Sparkassenfiliale heraus. Die fünf von GameStar formulierten Stärken hantelbanken wie folgt:

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(GameStar.de)

Wie wuchtig sich das liest! Und wie zierlich der Text wirkt, wenn man folgendes beachtet:

„Bislang konnte noch niemand Anstoss 2022 spielen, all unsere Erkenntnisse beruhen auf einem ausführlichen Interview mit den Entwicklern. [….] Die folgenden Pro- und Contra-Punkte sind also eher informierte Annahmen als harte Fakten – und natürlich können wir noch keinerlei Aussagen zu wichtigen Punkten wie Realismus oder Langzeitmotivation machen.“

Wer spätestens jetzt nicht wirr kichern muss, hat keinen Humor. Wenn der gesamte Text eine „informierte Annahme“ sei und man „keinerlei Aussagen zu wichtigen Punkten“ machen könne, wieso um Himmelswillen Pressekodexwillen formuliert GameStar hunderte Wörter, fünf Stärken und drei Schwächen und ein „gutes“ Potenzial?

Aus einem „exklusiven“ Gespräch mit den Entwickler*innen von Chorus entstand eine Preview, die in Großbuchstaben das Label „ABSURD“ verdient. Folgende Stärken habe Chorus nach Meinung der GameStar:

  • die Atmosphäre
  • die Grafik
  • die Story
  • der Weltraum
  • Rollenspiel-Anleihen

Nach jedem Punkt erläutert GameStar die Gründe dafür. Obwohl man die „finale Qualität“ der Story noch nicht einschätzen könne, sei sie „interessant“, also zählt sie – laut GameStar – als Stärke. Äh, ja, ich mein, das ergibt Sinn.

Ebenfalls als Stärke wird die Grafik aufgeführt. Dazu schreibt GameStar:

„Die Steam-Seite von Chorus verspricht 4K-Optik und grandiose Weltall-Aussichten. Viel hat man noch nicht vom Spiel gesehen – vor allem kein Gameplay […]“

Da bislang gezeigte Umgebungen allerdings „schön scharf und detailliert“ wirken, sei die Grafik eine Stärke des Spiels. Na dann.

GameStar hat Chorus nicht gespielt. Die Redaktion hat nicht mal viele Gameplay-Szenen gesehen. Alles beruht auf Gesprächen mit dem Studio und auf, äh, den Infos von der Steam-Seite. Nicht unter dem Punkt „Schwächen“, sondern bei „noch unklar“ schreibt GameStar:

„Noch kein Gameplay: In der Theorie klingen die Pläne von Fishlabs zweifellos interessant. Allerdings steht noch der Beweis aus, wie sich das Ganze in der Praxis wirklich spielt und anfühlt.“

Was?! Erst sind Atmosphäre, Grafik, Story, Weltraum und Rollenspiel-Anleihen die explizit als Stärken betitelten, nun, Stärken des Spiels, die lediglich einer vermeintlichen Schwäche gegenüberstehen, nur um am Ende zu schreiben, dass das lediglich auf den „interessanten“ Plänen der Entwickler*innen basiert. Potenzial laut GameStar? „Sehr gut“.

Gegen jeden gesunden journalistischen Verstand veröffentlicht GameStar hier eine Preview, die fast das gesamte Spiel als Stärke bezeichnet auf der Grundlage der Steam-Seite und PR-Versprechen des Studios. Wie so ein Text online gehen, ist schlicht nicht rational zu erklären.

GamePros großer Auftritt

Ihren großen Auftritt beim Stichwort „nicht zu erklären“ hat die Schwesterseite GamePro. In der Preview zu Sports Story liefert die Redaktion einen übersichtlichen Kasten mit zwei Spalten:

sportsstory-kasten
(GamePro.de)

Statt Stärken und Schwächen gibt’s hier also Pro und Contra.

Warte – was steht da beim einzigen Contra-Punkt?

„sehr undurchsichtige Informationslage macht Release für 2020 unsicher“

Oh, okay. Worauf basiert dann die Preview? Keine Ahnung. Verrät GamePro nicht.

„Wir sind uns sicher, dass Sports Story mindestens genauso gut wie sein Vorgänger wird. Leider sind die Informationen bisher sehr rar gesät, weshalb wir ein wenig um den Release in diesem Jahr bangen müssen.“

Tritt ein Wal auf Lego und multipliziert man das daraus resultierende Wal-Geschrei mal drei, ergibt das die Lautstärke des Rauschens in meinem Kopf beim Versuch, die Preview zu verstehen. Informationen seien „rar gesät“, offenbar hat die GamePro-Redaktion nix gespielt, und dennoch bescheinigen sie Sports Story, es werde vermutlich mindestens so gut wie der Vorgänger. Eine gewagte Prognose könnte man das nennen, aber das wäre verflixt untertrieben.

Für einen Moment könnten wir alle so tun, als wüssten wir nicht längst, dass auch die nächsten Textschnipsel aus einer Preview stammen, schließlich klingt das Lob, dass die GamePro für Yakuza: Like A Dragon übrig hat wie die blumigsten Bewertungen aus einem aktuellen Testbericht.

„perfekter Balanceakt zwischen ernstem Storytelling und abgedrehtem Humor“

„viele Anspielungen für JRPG- und Videospiel-Fans“

„liebevoller Cast an neuen Figuren“

„zahlreiche Minispiele und Nebenaktivitäten für jeden Spielertyp“

„Humorvolle Umsetzung traditioneller JRPG-Mechaniken“

Wer ein Spiel so beschreibt, kann es doch nur durchgespielt haben.

Oder?

Kurz geflunkert: Es handelt sich gar nicht um eine Preview, sondern um eine Spielvorstellung, also ist anzunehmen, dass die Redaktion null Sekunden gespielt hat. Aber das will GamePro nicht transparent aufschreiben. Im Fazit des Redakteurs heißt es lediglich:

„Mittlerweile hab ich aber mehr und mehr vom Spiel gesehen und bin absolut angetan von all den anderen Elementen, die Yakuza 7 bietet.“

Kein Wort darüber, worauf der Text basiert. Anspiel-Event? Vorab-Version gespielt? Infos zusammengefasst? Weniger Transparenz gegenüber den Leserinnen und Lesern ist kaum möglich.

Spielvorstellung als Werbeflyer

Wie GameStar nutzt auch das Schwestermagazin GamePro das neue Format der sogenannten Spielvorstellung. Dem Namen nach will die Redaktion ein Spiel vorstellen, also allgemeine Informationen zur Verfügung stellen. Doof nur, dass es so scheint, als habe GamePro die vermeintlichen Infos einem Flyer entnommen – und nicht großartig verändert.

So heißt es in einer Preview zu The Last Campfire:

„Um den Ort wieder verlassen zu können, müssen wir das namensgebende letzte Lagerfeuer entzünden. Dazu manövrieren wir unser verirrtes Glutstück durch mehrere malerische und gleichzeitig düstere Dungeons voller Gefahren und Geheimnisse.“

Als Vergleich wird eine der bekanntesten Marken herangezogen.

„The Last Campfire ist aber nicht nur für Fans gefühlvoller und künstlerischer Spiele interessant, sondern spricht außerdem Zelda-Verfechter an. Wenn euch das Adventure keine „Link im Tempel“-Flashbacks gibt, dann erinnern euch vielleicht die kauzigen, liebenswert designten Figuren an die Bewohner Hyrules.“

Und sowieso: das ganze intime Paket will das Spiel liefern.

„The Last Campfire will uns außerdem wie Journey auf eine emotionale Reise schicken, in deren Kern es um Hoffnung und um den Sinn des Lebens geht. Dabei verzichtet das Spiel allerdings auf einen Multiplayer und bietet eine reine Singleplayer-Erfahrung, die sich sehr intim, sehr persönlich anfühlen soll.“

Die vermeintlichen Stärken benennt GamePro wie folgt:

„märchenhafter Bilderbuch-Look mit süßen Charakteren“

„atmosphärische Fantasy-Welt, die düster aber auch charmant ist“

„unaufgeregtes Gameplay-Prinzip mit Rätseln und ohne Kämpfe…“

Und wie klingt das, wenn die Entwickler*innen selbst das Spiel beschreiben? So:

„Discover beautiful wilderness filled with lost folk, strange creatures and mysterious ruins.“

GamePro hat The Last Campire offenbar nicht gespielt. Dennoch heißt es im Fazit:

„The Last Campfire wirkt wie das perfekte Spiel für Zwischendurch […]“

Ja, da steht „wirkt“ und nicht „ist“, aber allein auf Grund von Trailern das Wort „perfekt“ als Umschreibung für ein Spiel zu benutzen, mag für leidenschaftliche Fans legitim sein – nicht aber für Journalistinnen und Journalisten.

Viel Text für wenig Inhalt: Mein-MMO

Im flotten Dreier der zweifelhaften Berichterstattung nutzt Mein-MMO ähnliche Methoden. In einer Preview zum Online-Spiel Corepunk schreibt die Redaktion gewaltige 32 Absätze an Text – über ein Spiel, das sie nicht gespielt haben. Im Pro-Contra-Abschnitt heißt es bei den vermeintlichen Stärken:

„Wunderschöne Comic-Grafik“

„Mischung aus Action-Combat und Tab-Targeting“

„Vielfältige, abgedrehte Klassen“

„Offenes, faires PvP“

„Vollvertonte Quests mit Optionen“

Nochmal: Mein-MMO hat Corepunk nicht gespielt.

Laut Mein-MMO sei Corepunk „womöglich der Geheimtipp 2021“. Wie glaubwürdig kann so eine Aussage sein, wenn lediglich die PR-Versprechen der Entwickler*innen und ein Gameplay-Video zu dieser Aussage führen?

Bereits in der Headline bewegt die Redaktion den Text in eine gewisse Richtung:

„Corepunk: Wie ein neues MMORPG mit dem Gameplay von LoL begeistert“

Ein Spiel, das erst in 2021 in den Alpha-Status gehen wird, soll bereits begeistern, schreibt Mein-MMO, und diese Aussage basiert auf dem, äh, Verhältnis von Likes zu Dislikes bei, äh, YouTube.

„Wie kommt Corepunk an? Der verrückte Genre-Mix scheint durchaus den Nerv der Zielgruppe getroffen zu haben. Das vor kurzem erschienene 15-minütige Gameplay-Reveal-Video erzielte bereits über 125.000 Views (Stand 27.6.2020). Dazu gab es viele Kommentare, die sich positiv und interessiert zu dem Spiel zeigten und im Verhältnis überwogen die Likes klar die Dislikes.“

Über das Online-Rollenspiel The Ragnarök berichtet Mein-MMO von fünf Pro-Punkten, die unter anderem so klingen

„Komplett offene Spielwelt“

„Es gibt viele Besonderheiten wie die einmaligen Herausforderungen, das Zähmen oder Beziehungen zu NPCs“

Ah, also bestimmt haben sie das selbst ausprobi…

„Vieles klang im Interview noch nach Konzepten und nicht komplett umgesetzt“

Oh. Mein-MMO hat lediglich ein Interview geführt. An welcher Stelle journalistischer Richtlinien folgt eigentlich das Ergebnis, das ein Interview zu Pro- und Contra-Punkten führt? Ein Entwickler, der vermutlich geschult wurde, in Interviews nur das Beste vom Besten als Inhalt des eigenen Spiels wiederzugeben, bringt die Mein-MMO-Redaktion zu einem Pro-Contra-Kasten, in dem die Plus-Punkte die Schwächen überwiegen, zusätzlich zum Fazit-Kasten, in dem es zwar heißt, hm, das klingt alles noch nicht ausgereift, aber es sei sehr großes Potenzial vorhanden.

In einem als Interview betitelten Text mit einem Entwickler von Shadow Arena kommt die Redaktion auf die glorreiche Idee, das nicht gespielte Spiel mit einem Pro-Contra-Kasten zu bewerten. Wie toll die vermeintlichen Stärken doch klingen!

„Einzigartiger Ansatz ans Battle-Royale-Genre“

„MMORPG als Basis, kein Shooter“

„Spezialisierte Helden mit eigenehn Stärken und Schwächen für jeden Spielstil“

„Cooles Combo-System“

„Große Pläne für den Early Access und den Release“

Das Ausmaß an Absurdität von Pro- und Contra-Punkten am Ende eines I-N-T-E-R-V-I-E-W-S wird noch superlativ gesteigert von folgender Schwäche des Spiels:

„Pay2Win-Vorwürfe, die es schon bei Black Desert gab“

Geklärt werden diese Vorwürfe nicht – obwohl die Redaktion hier den Chef-Entwickler darauf hätte festnageln können. Stattdessen: nix, keine Einordnung, keine Erklärung. Zu einem Spiel wohlgemerkt, das sich in einem kostenlosen Early-Access-Status befindet und Mein-MMO die Vorwürfe überprüfen könnte.

Kurze Frage: Wen will Mein-MMO hier eigentlich veräppeln?

In dem, äh, Fazit des, äh, Interviews zum, äh, nicht gespielten Spiel schreibt der Redakteur, die Qualität von Shadow Arena hänge auch davon ab, ob die „Preispolitik“ ein „wenig“ verbessert werde, was untertrieben klingt, schaut man in die Steam-Bewertungen des Spiels, in dem es mehrfach heißt, die wirklich starken Helden des Spiels sollen übermäßig viel Geld kosten. All das wird nicht er- oder geklärt, obwohl – in aller Deutlichkeit – das Spiel derzeit kostenlos spielbar ist und der Chef-Entwickler als Gesprächspartner bereit stand.

Und jetzt kommt die Pointe

Den Grund dafür, warum diese Art der Berichterstattung nicht nur befremdlich, sondern höchst unseriös ist, hat die GameStar-Redaktion direkt mitgeliefert.

Mitten in der „Find Your Next Game“-Aktion veröffentlicht GameStar eine Preview zu Torchlight 3, in der es heißt:

„Torchlight 3 ist in besten Händen. Das Spiel wird schließlich von Max Schaefer und seinem Team entwickelt. Und auch wenn euch der Name nichts sagt – jeder Action-Rollenspiel kennt eine seiner ersten Kreationen: Diablo. Wenn so jemand ein neues Action-Rollenspiel entwickelt, kann kaum was schiefgehen, oder?“

Klar, die Antwort liefert der Redakteur direkt selbst.

„Handwerklich mag das stimmen, Torchlight 3 wirkt wie eine durchdachte, spaßige und sehr smarte Gameplay-Dröhnung für Diablo-Fans. Alleine das Klassendesign: In wie vielen Action-RPGs könnt ihr als Haudrauf-Lokführer oder Fantasy-Scharfschützin spielen? Eben.“

Ja, gegen die Konkurrenz mag Torchlight 3 es schwer haben, wie GameStar es formuliert, aber das macht nichts, denn:

„Die Action-Rollenspiel-Landschaft ist derzeit gut befüllt. Aber falls ihr mal Lust auf eine andere Art Action-RPG habt und dem ausgefallenen Look eine Chance geben wollt, könnte hier ein spielmechanisch wirklich gutes Abenteuer für Genre-Fans auf euch warten.“

Die vier großen Stärken von Torchlight 3 sehen laut GameStar so aus:

„An Torchlight 3 werkelt einer der erfahrensten Action-Rollenspiel-Veteranen“

„Die Kämpfe sehen knallig, spaßig und kurzweilig aus“

„Sehr kreative Klassen statt Genre-Allerlei“

„Optionaler Koop für bis zu vier Spieler“

Keine Sekunde hat der GameStar-Redakteur Torchlight 3 ausprobiert, obwohl es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Preview bereits spielbar war:

„Torchlight 3 ist übrigens bereits in den Early Access gestartet, ihr könnt euch auf dem PC also selbst davon überzeugen, ob euch das Spiel taugt.“

Macht nix, wenn die GameStar-Redaktion mehrfach beteuert, wie erfahren die Entwickler*innen seien, wie „spaßig“ und „kurzweilig“ die Kämpfe aussehen, wie „kreativ“ sich die Klassen spielen und das ja sehr wahrscheinlich „gute Genre-Kost für Fans“ liefern werde, dann kann man das schon glauben.

Haha, Spaß. Natürlich sollte das niemand glauben.

Denn zwei Tage nach der Preview erscheint folgender Text:

torchlight-text
(GameStar.de)

Nochmal: zwei Tage liegen zwischen der Preview, die besagt, Torchlight 3 befinde sich in besten Händen, und einem Text, der die katastrophale Early-Access-Version beleuchtet.

So sei zum Beispiel der Online-Zwang ein echtes Problem, wie GameStar schreibt.

„Obwohl nur rund 5000 Steam-Spieler maximal gleichzeitig versuchten, in das neue Action-RPG abzutauchen, gingen die Server schon kurz nach dem Startschuss am Samstagabend in die Knie.“

Nicht nur der technische Aspekt enttäuscht, zahlreiche Beschwerden richten sich gegen Gameplay-Mechaniken. Einige Gegner seien „zu einfach und langsam“, heißt es, der „frei wählbare Schwierigkeitsgrad“ ändere nicht genug, Fähigkeitenbäume seien „stark vereinfacht“ und Treffer in den Kämpfen „fühlen sich nicht wuchtig genug an“.

Wie war das noch? So schrieb GameStar am Tag, an dem die Early-Access-Phase von Torchlight 3 begann, in einer Preview, die lediglich auf Gameplay-Videos basierte:

„An Torchlight 3 werkelt einer der erfahrensten Action-Rollenspiel-Veteranen“

„Torchlight 3 ist in besten Händen.“

„Torchlight 3 wirkt wie eine durchdachte, spaßige und sehr smarte Gameplay-Dröhnung für Diablo-Fans“

„[…] könnte hier ein spielmechanisch wirklich gutes Abenteuer für Genre-Fans auf euch warten.“

„Potenzial gut“

Was für ein Desaster. Unkommentiert lässt der zuständige Redakteur das nicht:

„Der Torchlight-Reveal war ein ziemliches Fiasko. Auch für uns. Auf Basis von Interviews und ausführlichem Gameplay-Material lautete unsere ursprüngliche Prognose nämlich: Da steckt eigentlich ein tolles Spiel drin.“

Man sollte sich hier nicht täuschen lassen von einer vermeintlich selbstkritischen Redaktion. Schließlich hat sich GameStar bewusst für folgenden Vorgang entschieden:

  • An jenem Tag, an dem Torchlight 3 für alle spielbar wird, veröffentlicht GameStar eine Preview, die nicht auf der neu veröffentlichten Version basiert – sondern auf Interviews und Gameplay-Videos.
  • Bewusst hat GameStar vermeintliche Stärken formuliert, die keine seriöse Redaktion jemals auf dieser Grundlage formulieren dürfte, weil es schlicht keine Grundlage gab.
  • GameStar hat nicht zwei, drei Tage abgewartet und das Spiel ausprobiert, um den Leserinnen und Lesern eine fundierte Meinung zu liefern. Im Gegenteil:
  • GameStar hat dem Marketingmaterial und den PR-Versprechen geglaubt und eine Preview geschrieben, die fernab der Realität war und ganz schön viel Quatsch enthielt.

Entschuldigt hat sich GameStar natürlich nicht. Weil sie in der eigentlichen Vorgehensweise keinen Fehler sieht. In mehreren Previews hat die Redaktion genau das gleiche Prinzip angewendet: nix gespielt, trotzdem mit Stärken und Schwächen bewertet. Dass ein Redakteur leise Kritik äußert, liegt schlicht an der Tatsache, dass ausgerechnet am Tag der Early-Access-Version eine Preview erscheint, die das zu diesem Zeitpunkt frei zugängliche Spiel als grandios und toll darstellt – doch GameStar das nicht durchs Spielen in Erfahrung gebracht hat.

Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: es geht noch absurder. In dem Text, in dem GameStar zwei Tage nach der Preview die vielen Schwächen von Torchlight 3 auflistet, handelt es sich um Kritiken von Spieler*innen, die sich zum Beispiel auf Steam äußern. Tatsächlich äußert die Redaktion keine eigenen Kritikpunkte. Zu diesem Zeitpunkt hatte GameStar Torchlight 3 offenbar noch immer nicht gespielt.


Fazit

Das ist sie also, die neue Realität des deutschsprachigen Spielejournalismus: Stärken und Schwächen ableiten auf Grundlage von Trailern und Bildern. Schon immer fluteten himmelschreiend naive Previews die Vorab-Berichterstattung, doch wie GameStar, GamePro und Mein-MMO die irrsten Stärken formulieren, weil eine Entwicklerin/ein Entwickler das im Interview so oder so ähnlich gesagt hat, macht ein bisschen fassungslos.

Es stellt sich die Frage: Wer profitiert davon? Eindeutig nicht die Leserinnen und Leser, die im Zweifel, naja, die Zweifel beiseite legen, weil die GameStar-Redaktion über ein nicht gespieltes Spiel schreibt, wie toll es aussieht und sich spielt und das explizit als „Stärke“ betitelt wird. GameStar weist zwar in einigen Texten auf die nicht vorhandene Spielzeit hin, formuliert davor und danach dennoch das unseriöseste Lob. Ein Magazin wie GamePro erwähnt teilweise gar nicht, ob oder wie lange sie das im Text vorgestellte Spiel gezockt hat. Warum die Angst vor Transparenz?

Lediglich zwei Parteien dürfen sich hier freuen: Entwickler und Publisher auf der einen – und die GameStar-Redaktion auf der anderen Seite. Um das zu verstehen, muss man folgendes Zitat vom Chefredakteur der GameStar kennen:

„Mir ist aber tatsächlich auch das Vertrauen gegenüber der Gamesbranche wichtig. Dass uns ein Ubisoft oder Bethesda oder wie sie alle heißen uns vertrauen, weil nur so kriegen wir ja vor allen anderen wichtige Infos, die wir dann wieder im Sinne unserer User geil aufbereiten können“

Zum Verständnis: Dem Chefredakteur des größten deutschen Spielemagazins ist das Vertrauen jener Branche wichtig, über die er kritisch berichten sollte. Und deshalb ist klar, was in der neuerlichen Berichterstattung passiert ist: Auf der kleinstmöglichen Grundlage schreibt GameStar Lob, das wie aus einem Testbericht klingt. In vielen Texten haben die Pro- klar die Contra-Punkte überwogen. Und derlei auf kurze Sätze reduzierte Lobeshymnen eignen sich hervorragend für Zitate, die der Publisher in der Werbekampagne aufnehmen kann.

Das ist nicht hypothetisch gemeint, sondern längst Realität: In einer Preview zu Fallout 76 schrieb GameStar, es sei ein „Abenteuerspielplatz mit fantastischer Atmosphäre“, dies nahm der Publisher für eine Werbeanzeige auf, die am Tag der Veröffentlichung des Spiels – unter anderem auf GamePro.de – kursierte, obwohl zu dem Zeitpunkt die GameStar-Redaktion schon die vernichtende Wertung von 60 Prozent vergeben hat.

Der Kreis schließt sich. Publisher und Entwickler*innen freuen sich über das kühnste Vorab-Lob und im besten Fall auch die GameStar-Redaktion, die jene exklusiven Infos bekommen wird, die sie so wahnsinnig geil aufbereiten kann. Und selbst dann kann alles schief gehen.

Sollte das Dreier-Gespann der Webedia-Magazine dann doch das betreffende Spiel ausprobiert haben, muss man sich fragen, warum Stärken und Schwächen genannt werden, wenn überhaupt nicht klar ist, ob sie im fertigen Spiel enthalten sein werden. Man füttert damit lediglich den Hype und verunsichert die Leserinnen und Leser, die sich beschweren, wie GameStar und GamePro das Kampfsystem als große Stärke von Spiel XY beschrieben haben, in Wirklichkeit aber nix davon übrig geblieben ist.

Dahinter stecken keine Abmachungen zwischen Spielepresse und Publisher. Alle hier zitierten Texte mögen vollkommen unabhängig entstanden sein, ohne ominöse Deals dahinter, die es in der Branche ohnehin nicht gibt, was diese Art des Journalismus allerdings noch schlimmer macht: ohne Drang, ohne „bösen“ Willen begeben sich Redaktionen auf Kuschelkurs mit der Branche.

In welche falsche Richtung das führen kann, beweist GameStar dann sogar selbst innerhalb weniger Tage am Beispiel von Torchlight 3 im Rahmen einer eigentlich gut gemeinten Aktion. Spielejournalist*innen glauben, sie könnten Spiele vorab einordnen und bewerten – obwohl vermutlich keine Berufsgruppe weniger dafür geeignet ist. Zu einem Umdenken wird das nicht führen, da die zweifelhafte Preview-Berichterstattung seit Jahrzehnten die Titelblätter und Online-Startseiten dominiert – und nun ist sie eben noch unseriöser geworden.

Wer hätte gedacht, dass das möglich ist?

2 Kommentare

  1. Es hat sich schon in Foren eine Diskussion darüber ausgebreitet, wie die GS und auch andere mit dem Thema Indiespiele umgeht. Patzige Antwort (sinngemäß): „Wir haben doch Indiespiele drin. Mit vielen Artikeln, aber eben zusammengefasst, weil das Interesse so niedrig ist.“ Was dabei stimmt: ab und zu darf ein(e) Redakteur/in sich zu ausgesuchten Titeln auslassen. Es sind aber eher Gnadengaben, um sich aus dem Vorwurf herauszureden, man würde sich nur um AAA-Titel kümmern. Und die Community verteidigt diese Selbstdarstellung bis auf´s Blut. Während bei denen jeder Infoschnipsel ein eigener Artikel wert ist, fasst man Indiespiele zusammen – und die sind inhaltlich mehr oder weniger gehaltvoller als jedes Blockbusterspiel. Es hat ein bisschen gedauert, aber ich bin dann zum Schluss gekommen, dass genau dieselbe Zweiteilung wie in der Kinobranche vollzogen wurde – die Krach-Bumm-Bäng-Berieselung gegen die Arthouse-Ecke. Schön säuberlich getrennt. Und dann ist es GS nicht mal den Aufwand wert, sich auf Inhalte zu konzentrieren statt auf die Vielfalt von Waffen oder sinnlose Spielweltdetails.

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    1. Wie GameStar das Thema Indiespiele behandelt, ist so ein bisschen wie eine selbsterfüllende Prophezeiung: Natürlich klickt niemand News oder Texte zu Indietiteln, weil es sie kaum gibt und somit kein allgemeines Interesse dafür zumindest bei GameStar entsteht. Über einen längeren Zeitraum eine kluge, interessante Berichterstattung über Indies würde vermutlich einiges ändern, aber hey, daran besteht offensichtlich kein Interesse, denn die News-Berichterstattung der GameStar ist seit diesem Jahr nochmal um einiges schlimmer geworden, siehe Reddit-Postings und dergleichen.

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